- Das Nicht-tun der Gewohnheiten: Die meisten alltäglichen Handlungen unterstehen bestimmten Routinen, sodass der überwiegende Teil des Tagesablaufes schon am Morgen feststeht. Durch das bewusste Durchbrechen dieser Gewohnheiten gelangt man zur unverfälschten Erfahrung des Selbst. Man isst beispielsweise nicht um Punkt 12 Uhr, sondern dann wenn man wirklich Hunger hat.
- Das Nicht-tun der persönlichen Geschichte: Dadurch dass man möglichst wenig von sich selbst preisgibt, erreicht man, dass man nicht einem großen Erwartungsdruck der Mitmenschen gegenübersteht und so sein muss wie einem die Anderen sehen und sehen wollen. In einer Gesellschaft in der man kein fixes Rollenbild einnimmt, kann man sich leichter verändern.
- Das Nicht-tun der eigenen Wichtigkeit: Das übersteigerte Wichtignehmen der eigenen Person, verstellt uns den neutralen Blick auf die Welt, da wir alles nur auf die eigene Person beziehen. Tolteken verlieren die eigene Wichtigkeit, indem sie beispielsweise mit Pflanzen sprechen und dadurch die eigene Selbstüberschätzung aufgeben müssen, um sich mit Pflanzen auf eine Stufe zu stellen.
- Das Nicht-tun des Zweifels und der Reue: Das Ausschalten der leidigen Angewohnheit Entscheidungen und Taten im Nachhinein zu bezweifeln oder zu bereuen erfolgt durch das einfache Prinzip das "Verantwortung Übernehmens". Man solle vor der Handlung gründlich nachdenken. Ist die Entscheidung getroffen, bleibt nur noch Zeit zu handeln ohne sich durch Zweifeln und Reue stören zu lassen.
- Das Nicht-tun der Sorgen: Wie unnütz die alltäglichen Sorgen um Geld, Ansehen, usw. sind, wird am deutlichsten in Anbetracht unserer Sterblichkeit. Die Tolteken sagen, dass der Tod unser ständiger Begleiter ist. "Wenn du große Sorgen hast, dann wende Dich nach links und frage Deinen Tod um Rat. Viel Belangloses fällt von Dir ab, wenn er antwortet, dass er Dich noch nicht berührt hat und nur seine Berührung zählt." Im Tode sind alle Lebewesen gleichgestellt.
- Das Nicht-tun des Glaubens und der Erwartungen: Der Durchschnittsmensch knüpft an Handlungen bestimmte Erwartungen und einen persönlichen Vorteil. Diese Einstellung führt häufig zu Enttäuschungen und Frustration. Indem man immer wieder einfache Handlungen ohne ersichtlichen Sinn übt, kann man sich von dieser notwendigen Bedingung befreihen (z.B. den Gürtel verkehrt herum schnallen, neben dem Bett schlafen,...).
- Das Nicht-tun des Sprechens: Das Nicht-tun des Sprechens, d.h. das Anhalten des andauernden, inneren Dialoges, auch Nicht-tun des Denkens genannt, ist das Ziel der praktischen Übungen des Nicht-tuns. Dieser Prozess der Befreiung von inneren Interpretationsmechanismen, um zur direkten Wahrnehmung der Welt zu gelangen, erinnert an die phänomenologische Reduktion von Husserl und an die innere Einstellung beim Zazen. Diese Art der Weltbetrachtung ist für jeden erlebbare Realität, ein Zustand grenzenloser Freiheit.
Es gibt ein wunderschönes Gedicht des Dichters Rabindranath Tagore, über das ich schon oft gesprochen habe: Er war seit Millionen von Leben auf der Suche nach Gott. Ab und zu sah er ihn in weiter Ferne, in der Nähe eines Sterns, und begann sich in seine Richtung zu bewegen, aber als er den Stern erreicht hatte, war Gott schon an einem anderen Ort. Doch er suchte immer weiter. Er war fest entschlossen, das Haus Gottes zu finden. Und die größte Überraschung kam eines Tages, als er tatsächlich vor einem Haus stand, auf dessen Tür geschrieben stand: „Gottes Haus.“
Man kann sich vorstellen, wie begeistert er ist, wie er sich freut! Er rennt die Stufen hinauf, und in dem Moment, wo er gerade anklopfen will, erstarrt seine Hand plötzlich. Es kommt ihm ein Gedanke: „Wenn dies durch Zufall tatsächlich Gottes Haus ist, dann bin ich am Ende. Meine Suche ist zu Ende. Ich bin doch so identifiziert mit Suchen und Forschen. Ich kenne nichts anderes. Wenn die Tür sich öffnet und ich vor Gott stehe, bin ich am Ende. Die Suche ist vorbei. Was dann?“
Er beginnt vor Angst zu zittern, zieht sich die Schuhe aus und schleicht die schönen Marmorstufen wieder hinunter. Seine einzige Furcht ist, dass Gott die Tür öffnen könnte, obwohl er gar nicht geklopft hat. Und dann beginnt er zu rennen, so schnell, wie er noch nie gerannt ist. Bis dahin hatte er gedacht, er sei hinter Gott her gerannt, so schnell er konnte. Doch nun rennt er, wie er noch nie gerannt ist, ohne sich umzuschauen. Das Gedicht endet so: „Ich bin immer noch auf der Suche nach Gott. Ich kenne sein Haus, so dass ich es meiden kann und ihn an allen anderen Orten suchen kann. Es ist sehr aufregend; es ist eine große Herausforderung, und in meiner Suche existiere ich weiter. Gott ist eine Gefahr – er wird mich vernichten! Doch nun habe ich nicht einmal mehr vor Gott Angst, denn ich weiß, wo er wohnt. Um sein Haus mache ich einen großen Bogen und suche weiter nach ihm im gesamten Universum. Und im tiefsten Grunde weiß ich, dass ich nicht nach Gott suche, sondern dass die Suche Nahrung für mein Ego ist.“
Normalerweise wird Rabindranath Tagore nicht mit Religion in Verbindung gebracht. Doch nur ein religiöser Mensch mit tiefer Erfahrung kann ein solches Gedicht schreiben. Das ist keine gewöhnliche Dichtung; sie enthält eine so ungeheuer tiefe Wahrheit. Genau so ist die Situation: Wahre Seligkeit lässt dich nicht mehr existieren. Du musst verschwinden. Deshalb sieht man nicht viele wirklich glückliche Menschen auf der Welt. Unglücklich zu sein ist Nahrung für das Ego. Deshalb sieht man so viele unglückliche Menschen auf der Welt. Grundsätzlich steht im Mittelpunkt das Ego.
Um die höchste Wahrheit zu erkennen, musst du den Preis dafür zahlen. Und der Preis ist nichts anderes als das Ego loszulassen. Wenn also ein solcher Augenblick kommt, dann zögere nicht. Tanze dabei – und löse dich auf; mit einem Lachen – löse dich auf; mit einem Lied auf den Lippen – löse dich auf.
(osho)

