Freitag, 17. September 2010
Donnerstag, 16. September 2010
Tonal und Nagual
„Ich werde dir jetzt etwas über das Tonal und das Nagual erzählen“, sagte Don Juan und sah mich eindringlich an.
Dies war das erste Mal, seit wir uns kannten, dass er diese beiden Begriffe erwähnte. Aus der anthropologischen Literatur über die Kulturen Zentralmexikos war ich ungefähr mit ihnen vertraut. Ich wusste, dass das „Tonal“ (ausgesprochen tohna’hl) als eine Art Schutzgeist – in der Regel ein Tier – vorgestellt wurde, den ein Kind bei der Geburt erhielt und mit dem es sein Leben lang eine enge Beziehung unterhielt. „Nagual“ (ausgesprochen: nah’wa’hl) war der Name des Tieres, in das ein Zauberer sich angeblich verwandeln konnte, oder des Zauberers, der eine solche Verwandlung vornahm.
„Dies ist mein Tonal“, sagte Don Juan und strich sich mit den Händen über die Brust.
„Dein Anzug?“
„Nein, meine Person.“
Er klopfte sich auf die Brust, die Schenkel und die Rippen.
„All dies ist mein Tonal.“
Er erklärte, dass jeder Mensch zwei Seiten habe, zwei getrennte Wesenheiten, zwei Gegenstücke, die im Augenblick der Geburt ihr Dasein aufnehmen; das eine heiße „Tonal“, das andere das „Nagual“.
„Ich möchte sagen, Tonal und Nagual sind ausschließlich den Wissenden zugänglich. In deinem Fall ist dies sozusagen der Deckel, der alles abschließt, was ich dich bisher gelehrt habe, um dir davon zu erzählen.
Das Tonal ist nicht ein Tier, das über einen Menschen wacht. Eher könnte man sagen, es ist ein Wächter, den man sich als ein Tier vorstellen kann. Aber dies ist nicht die entscheidende Frage.“
Er lächelte und zwinkerte mir zu.
„Ich will jetzt mal deine Worte gebrauchen“, sagte er. „Das Tonal ist die soziale Person.“
Er lachte, wie ich annahm, über mein bestürztes Gesicht.
„Das Tonal gilt, mit Recht, als ein Beschützer, ein Wächter – ein Wächter, der sich meistens in einen Wärter verwandelt.“
„Das Tonal ist der Organisator der Welt“, fuhr er fort. „Vielleicht kann man seine gewaltige Arbeit am besten beschreiben, wenn man sagt, dass auf seinen Schultern die Aufgabe ruht, das Chaos der Welt zu ordnen. Es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man – wie die Zauberer – behauptet, dass alles, was wir als Menschen wissen und tun, das Werk des Tonal ist.
Im Augenblick zum Beispiel ist es dein Tonal, das versucht, unser Gespräch zu verstehen. Ohne dieses gäbe es nur komische Geräusche und Grimassen, und du würdest nichts von alledem verstehen, was ich sage.
Ich sage also, das Tonal ist ein Wächter, der etwas Kostbares bewacht, unser ganzes Sein. Daher ist es eine wesentliche Eigenschaft des Tonal, dass es bei seinem Tun vorsichtig und bedachtsam ist. Und da seine Taten der bei weitem wichtigste Teil unseres Leben sind, ist es kein Wunder, dass es sich schließlich bei jedem von uns aus einem Wächter in einen Wärter verwandelt.“
Er hielt inne und fragte mich, ob ich verstanden hätte. Automatisch nickte ich bestätigend, und er lächelte mit ungläubiger Miene.
„Ein Wächter ist großzügig und verständnisvoll“, erklärte er. „Ein Wärter dagegen ist ein Sicherheitsorgan, engherzig und meistens despotisch. Ich behaupte also, dass das Tonal bei uns allen zu einem kleinlichen, despotischen Wärter gemacht wird, während es doch ein großzügiger Wächter sein sollte.“
Zweifellos konnte ich dem Gang seiner Erläuterung nicht folgen. Ich hörte zwar jedes Wort und schrieb es mit, und doch hing ich irgendwie einem eigenen inneren Dialog nach.
„Es fällt mir sehr schwer, dir zu folgen“, sagte ich.
„Würdest du dich nicht an dein Selbstgespräch klammern, dann hättest du keine Schwierigkeiten“, sagte er scharf.
Diese Bemerkung veranlasste mich zu einer langen, weitschweifigen Erklärung. Schließlich fing ich mich wieder und entschuldigte mich für meine beharrliche Selbstrechtfertigung.
Er lächelte und machte eine Gebärde, die anzudeuten schien, dass er sich nicht wirklich über mein Verhalten geärgert hatte.
„Das Tonal, das ist alles, was wir sind“, fuhr er fort. „Schau dich um! Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. Und da das Tonal nichts anderes ist als sein eigenes Tun, muss folglich alles in seine Sphäre fallen.“
„Ich verstehe noch immer nicht, Don Juan, was du mit der Feststellung meinst, dass das Tonal Alles sein soll“, meinte ich nach kurzer Pause.
„Das Tonal ist das, was die Welt schafft.“
„Ist das Tonal der Schöpfer der Welt?“
Don Juan kratzte sich am Kopf.
„Das Tonal schafft die Welt – das ist nur eine bildliche Redeweise. Es kann nichts erschaffen oder verändern, und doch schafft es die Welt, denn es ist seine Funktion, zu urteilen, zu bewerten und zu bezeugen. Ich sage, das Tonal schafft die Welt, denn es bezeugt und bewertet sie gemäß den Regeln des Tonal. Auf ganz seltsame Weise ist das Tonal ein Schöpfer, der nichts erschaffen kann. Mit anderen Worten, das Tonal stellt die Regeln auf, nach denen es die Welt begreift. Also erschafft es sozusagen die Welt.“
„Das Tonal ist eine Insel“, erklärte er. „Am besten kann man es beschreiben, wenn man sagt, dies hier ist das Tonal.“
Er strich mit der Hand über die Tischplatte.
„Man kann sagen, das Tonal ist wie diese Tischplatte. Eine Insel. Und auf dieser Insel haben wir alles mögliche. Diese Insel ist also die Welt.
Hier gibt es ein persönliches Tonal für jeden von uns, und da ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein kollektives für uns alle, das wir als das Tonal der Zeiten bezeichnen können.“
Er deutete auf die Tischreihen im Restaurant.
„Schau! Jeder Tisch zeigt das gleiche Bild. Auf allen gibt es gewisse Gegenstände. Doch sie unterscheiden sich im einzelnen voneinander. Auf manchen Tischen findet sich mehr als auf anderen. Verschiedene Speisen stehen auf ihnen, verschiedene Teller, da ist eine unterschiedliche Atmosphäre, und doch müssen wir zugeben, dass alle Tische in diesem Restaurant sich sehr ähnlich sind. Das gleiche gilt für das Tonal. Man kann sagen, es ist das Tonal der Zeiten, was uns einander ähnlich macht, genau wie es alle Tische im Restaurant sich gleich lässt. Dennoch ist jeder Tisch für sich ein Einzelfall, genau wie das persönliche Tonal eines jeden von uns. Doch das entscheidende Faktum, das wir nicht vergessen dürfen, ist, dass alles, was wir über uns selbst und unsere Welt wissen, sich auf der Insel des Tonal befindet. Siehst du, was ich meine?“
„Wenn das Tonal all das ist, was wir über uns und unsere Welt wissen, was ist dann das Nagual?“
„Das Nagual ist derjenige Teil von uns, der uns ganz unzugänglich ist.“
„Wie bitte?“
„Das Nagual ist der Teil von uns, für den es keine Beschreibung gibt – keine Wörter, keine Namen, keine Gefühle, kein Wissen.“
„Das ist ein Widerspruch, Don Juan. Wenn es nicht gefühlt oder beschrieben oder benannt werden kann, dann kann es meiner Meinung nach nicht existieren.“
„Nur deiner Meinung nach ist es ein Widerspruch. Ich habe dich schon gewarnt, bring dich nicht um im Bemühen, dies zu verstehen.“
„Würdest du sagen, dass das Nagual der Geist ist?“
„Nein. Der Geist ist nur ein Gegenstand auf dem Tisch. Der Geist ist Teil des Tonal. Sagen wir mal, der Geist ist diese Chiliflasche.“
Er nahm eine Gewürzflasche und stellte sie vor mir auf den Tisch.
„Ist das Nagual die Seele?“
„Nein. Auch die Seele gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir einmal an, die Seele sei der Aschenbecher.“
„Sind es die Gedanken der Menschen?“
„Nein. Auch die Gedanken sind auf dem Tisch. Die Gedanken sind das Besteck hier.“
„Ist es ein Zustand der Gnade? Der Himmel?“
„Nein, das auch nicht. Das, was es auch sein mag, ist ebenfalls Teil des Tonal. Sagen wir, es sei die Serviette.“
Ich fuhr fort und zählte alle Möglichkeiten der Beschreibung auf für das, was er meinen mochte: Intellekt, Psyche, Energie, Lebenskraft, Unsterblichkeit, Lebensprinzip. Für jeden Begriff, den ich nannte, fand er auf dem Tisch einen Gegenstand, den er als Gegenstück benutzte und vor mir aufbaute, bis er alle auf dem Tisch befindlichen Objekte auf einem Haufen versammelt hatte.
Don Juan schien die ganze Sache ungeheuren Spaß zu machen. Er kicherte und rieb sich die Hände, sooft ich eine weitere Möglichkeit erwähnte.
„Ist das Nagual das höchste Wesen? Der Allmächtige, Gott?“
„Nein. Auch Gott gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir an, Gott sei das Tischtuch.“
Er machte eine spaßige Gebärde, als wolle er das Tischtuch an den Zipfeln hochheben, um es über die anderen Gegenstände zu breiten, die er vor mir aufgestellt hatte.
„Aber sagtest du nicht, dass Gott nicht existiert?“
„Nein. Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass das Nagual nicht Gott ist, denn Gott ist ein Gegenstand unseres Tonal und des Tonal der Zeiten. Wie schon gesagt, das Tonal ist alles, woraus die Welt sich, wie wir glauben, zusammensetzt – einschließlich Gott, natürlich. Gott hat nicht mehr Bedeutung, als dass er ein Teil des Tonal unserer Zeiten ist.“
„In meinem Verständnis, Don Juan, ist Gott alles. Sprechen wir überhaupt über dasselbe?“
„Nein. Gott ist nur all das, was du zu denken vermagst, daher ist er, genauso genommen nur einer unter den Gegenständen auf der Insel. Man kann Gott nicht willentlich erleben, man kann nur über ihn sprechen. Das Nagual hingegen steht dem Krieger zu Gebot. Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber sprechen.“
„Wenn das Nagual keines der Dinge ist, die ich genannt habe, kannst du mir dann vielleicht etwas über seinen Aufenthaltsort sagen? Wo ist es?“
Don Juan fegte mit der Hand durch die Luft und wies auf den Raum außerhalb der Tischkante. Er bewegte die Hand, als wollte er eine imaginäre Oberfläche säubern, die über die Kanten des Tisches hinausreichte.
„Das Nagual ist dort“, sagte er. „Dort, es umgibt die Insel. Das Nagual ist dort, wo die Kraft schwebt.
Vom Augenblick unserer Geburt an fühlen wir, dass wir aus zwei Teilen bestehen. Zum Zeitpunkt der Geburt und noch kurz danach sind wir nur Nagual. Dann fühlen wir, dass wir, um zu funktionieren, ein Gegenstück zu dem brauchen, was wir haben. Was fehlt, ist das Tonal, und dies gibt uns von Anfang an das Gefühl der Unvollkommenheit. Dann fängt das Tonal an zu wachsen, und es wird ungemein wichtig, so wichtig, dass es den Glanz des Nagual verdunkelt, es zurückdrängt. Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal sind, tun wir nichts anderes, als jenes alte Gefühl der Unvollkommenheit zu verstärken, das uns seit dem Augenblick unserer Geburt begleitet und das uns beständig sagt, dass es noch einen anderen Teil braucht, um uns zu vervollständigen.
Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal werden, fangen wir an, Paare zu bilden. Wir fühlen unsere zwei Seiten, aber wir stellen sie uns immer nur anhand von Gegenständen des Tonal vor. So sagen wir, dass unsere zwei Teile Körper und Seele sind. Oder Geist und Materie. Oder Gut und Böse. Gott und Satan. Aber nie erkennen wir, dass wir nur Gegenstände unserer Insel zu Paare zusammenfassen, ganz ähnlich wie wenn wir Kaffee und Tee, Brot und Tortillas, Chili und Senf paarweise bezeichnen. Wir sind komische Wesen, sage ich dir. Wir tappen im Dunklen, und in unserer Torheit machen wir uns vor, alles zu verstehen.“
„Ich fürchte, ich habe nicht die richtige Frage gestellt“, sagte ich. „Vielleicht verstünden wir uns besser, wenn ich fragte, was sich im einzelnen in diesem Raum außerhalb der Insel befindet?“
„Das zu beantworten ist unmöglich. Würde ich sagen: Nichts, dann würde ich das Nagual nur zu einem Teil des Tonal machen. Man kann nichts anderes sagen, als dass man dort, jenseits der Insel, das Nagual findet.“
„Aber wenn du es das Nagual nennst, bringst du es dann nicht ebenfalls auf der Insel unter?“
„Nein. Ich habe ihm nur einen Namen gegeben, weil ich dich darauf aufmerksam machen wollte.“
„Na schön! Aber indem ich darauf aufmerksam werde, tue ich doch den Schritt, der das Nagual zu einem weiteren Gegenstand meines Tonal macht.“
„Ich fürchte, du verstehst nicht. Ich habe das Tonal und das Nagual als echtes Paar benannt. Etwas anderes habe ich nicht getan.“
Er erinnerte mich daran, dass ich einmal, als ich ihm erklären wollte, warum mir so viel am Sinn der Wörter gelegen sei, die Vorstellung erörtert hatte, dass Kinder vielleicht imstande sind, den Unterschied zwischen Vater und Mutter zu verstehen, bevor sie nicht eine Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie mit Sinn umgehen können, und dass sie vielleicht glauben könnten, „Vater“ bedeutet „Hosen tragen“, und „Mutter“ bedeute „Rock tragen“ – oder andere Unterscheidungen hinsichtlich der Haartracht, Körpergröße oder Kleidung.
„Sicher tun wir dasselbe mit unseren zwei Teilen“, sagte er. „Wir fühlen, dass es noch eine andere Seite von uns gibt. Aber sobald wir versuchen, diese andere Seite festzumachen, gelangt das Tonal ans Ruder, und als Kommandant ist es ziemlich kleinlich und eifersüchtig. Es blendet uns mit seiner List und zwingt uns, auch noch die leiseste Ahnung von dem anderen Teil des echten Paares, dem Nagual, auszutilgen.“
(aus „Der Ring der Kraft – Don Juan in den Städten“)
Dies war das erste Mal, seit wir uns kannten, dass er diese beiden Begriffe erwähnte. Aus der anthropologischen Literatur über die Kulturen Zentralmexikos war ich ungefähr mit ihnen vertraut. Ich wusste, dass das „Tonal“ (ausgesprochen tohna’hl) als eine Art Schutzgeist – in der Regel ein Tier – vorgestellt wurde, den ein Kind bei der Geburt erhielt und mit dem es sein Leben lang eine enge Beziehung unterhielt. „Nagual“ (ausgesprochen: nah’wa’hl) war der Name des Tieres, in das ein Zauberer sich angeblich verwandeln konnte, oder des Zauberers, der eine solche Verwandlung vornahm.
„Dies ist mein Tonal“, sagte Don Juan und strich sich mit den Händen über die Brust.
„Dein Anzug?“
„Nein, meine Person.“
Er klopfte sich auf die Brust, die Schenkel und die Rippen.
„All dies ist mein Tonal.“
Er erklärte, dass jeder Mensch zwei Seiten habe, zwei getrennte Wesenheiten, zwei Gegenstücke, die im Augenblick der Geburt ihr Dasein aufnehmen; das eine heiße „Tonal“, das andere das „Nagual“.
„Ich möchte sagen, Tonal und Nagual sind ausschließlich den Wissenden zugänglich. In deinem Fall ist dies sozusagen der Deckel, der alles abschließt, was ich dich bisher gelehrt habe, um dir davon zu erzählen.
Das Tonal ist nicht ein Tier, das über einen Menschen wacht. Eher könnte man sagen, es ist ein Wächter, den man sich als ein Tier vorstellen kann. Aber dies ist nicht die entscheidende Frage.“
Er lächelte und zwinkerte mir zu.
„Ich will jetzt mal deine Worte gebrauchen“, sagte er. „Das Tonal ist die soziale Person.“
Er lachte, wie ich annahm, über mein bestürztes Gesicht.
„Das Tonal gilt, mit Recht, als ein Beschützer, ein Wächter – ein Wächter, der sich meistens in einen Wärter verwandelt.“
„Das Tonal ist der Organisator der Welt“, fuhr er fort. „Vielleicht kann man seine gewaltige Arbeit am besten beschreiben, wenn man sagt, dass auf seinen Schultern die Aufgabe ruht, das Chaos der Welt zu ordnen. Es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man – wie die Zauberer – behauptet, dass alles, was wir als Menschen wissen und tun, das Werk des Tonal ist.
Im Augenblick zum Beispiel ist es dein Tonal, das versucht, unser Gespräch zu verstehen. Ohne dieses gäbe es nur komische Geräusche und Grimassen, und du würdest nichts von alledem verstehen, was ich sage.
Ich sage also, das Tonal ist ein Wächter, der etwas Kostbares bewacht, unser ganzes Sein. Daher ist es eine wesentliche Eigenschaft des Tonal, dass es bei seinem Tun vorsichtig und bedachtsam ist. Und da seine Taten der bei weitem wichtigste Teil unseres Leben sind, ist es kein Wunder, dass es sich schließlich bei jedem von uns aus einem Wächter in einen Wärter verwandelt.“
Er hielt inne und fragte mich, ob ich verstanden hätte. Automatisch nickte ich bestätigend, und er lächelte mit ungläubiger Miene.
„Ein Wächter ist großzügig und verständnisvoll“, erklärte er. „Ein Wärter dagegen ist ein Sicherheitsorgan, engherzig und meistens despotisch. Ich behaupte also, dass das Tonal bei uns allen zu einem kleinlichen, despotischen Wärter gemacht wird, während es doch ein großzügiger Wächter sein sollte.“
Zweifellos konnte ich dem Gang seiner Erläuterung nicht folgen. Ich hörte zwar jedes Wort und schrieb es mit, und doch hing ich irgendwie einem eigenen inneren Dialog nach.
„Es fällt mir sehr schwer, dir zu folgen“, sagte ich.
„Würdest du dich nicht an dein Selbstgespräch klammern, dann hättest du keine Schwierigkeiten“, sagte er scharf.
Diese Bemerkung veranlasste mich zu einer langen, weitschweifigen Erklärung. Schließlich fing ich mich wieder und entschuldigte mich für meine beharrliche Selbstrechtfertigung.
Er lächelte und machte eine Gebärde, die anzudeuten schien, dass er sich nicht wirklich über mein Verhalten geärgert hatte.
„Das Tonal, das ist alles, was wir sind“, fuhr er fort. „Schau dich um! Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. Und da das Tonal nichts anderes ist als sein eigenes Tun, muss folglich alles in seine Sphäre fallen.“
„Ich verstehe noch immer nicht, Don Juan, was du mit der Feststellung meinst, dass das Tonal Alles sein soll“, meinte ich nach kurzer Pause.
„Das Tonal ist das, was die Welt schafft.“
„Ist das Tonal der Schöpfer der Welt?“
Don Juan kratzte sich am Kopf.
„Das Tonal schafft die Welt – das ist nur eine bildliche Redeweise. Es kann nichts erschaffen oder verändern, und doch schafft es die Welt, denn es ist seine Funktion, zu urteilen, zu bewerten und zu bezeugen. Ich sage, das Tonal schafft die Welt, denn es bezeugt und bewertet sie gemäß den Regeln des Tonal. Auf ganz seltsame Weise ist das Tonal ein Schöpfer, der nichts erschaffen kann. Mit anderen Worten, das Tonal stellt die Regeln auf, nach denen es die Welt begreift. Also erschafft es sozusagen die Welt.“
„Das Tonal ist eine Insel“, erklärte er. „Am besten kann man es beschreiben, wenn man sagt, dies hier ist das Tonal.“
Er strich mit der Hand über die Tischplatte.
„Man kann sagen, das Tonal ist wie diese Tischplatte. Eine Insel. Und auf dieser Insel haben wir alles mögliche. Diese Insel ist also die Welt.
Hier gibt es ein persönliches Tonal für jeden von uns, und da ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein kollektives für uns alle, das wir als das Tonal der Zeiten bezeichnen können.“
Er deutete auf die Tischreihen im Restaurant.
„Schau! Jeder Tisch zeigt das gleiche Bild. Auf allen gibt es gewisse Gegenstände. Doch sie unterscheiden sich im einzelnen voneinander. Auf manchen Tischen findet sich mehr als auf anderen. Verschiedene Speisen stehen auf ihnen, verschiedene Teller, da ist eine unterschiedliche Atmosphäre, und doch müssen wir zugeben, dass alle Tische in diesem Restaurant sich sehr ähnlich sind. Das gleiche gilt für das Tonal. Man kann sagen, es ist das Tonal der Zeiten, was uns einander ähnlich macht, genau wie es alle Tische im Restaurant sich gleich lässt. Dennoch ist jeder Tisch für sich ein Einzelfall, genau wie das persönliche Tonal eines jeden von uns. Doch das entscheidende Faktum, das wir nicht vergessen dürfen, ist, dass alles, was wir über uns selbst und unsere Welt wissen, sich auf der Insel des Tonal befindet. Siehst du, was ich meine?“
„Wenn das Tonal all das ist, was wir über uns und unsere Welt wissen, was ist dann das Nagual?“
„Das Nagual ist derjenige Teil von uns, der uns ganz unzugänglich ist.“
„Wie bitte?“
„Das Nagual ist der Teil von uns, für den es keine Beschreibung gibt – keine Wörter, keine Namen, keine Gefühle, kein Wissen.“
„Das ist ein Widerspruch, Don Juan. Wenn es nicht gefühlt oder beschrieben oder benannt werden kann, dann kann es meiner Meinung nach nicht existieren.“
„Nur deiner Meinung nach ist es ein Widerspruch. Ich habe dich schon gewarnt, bring dich nicht um im Bemühen, dies zu verstehen.“
„Würdest du sagen, dass das Nagual der Geist ist?“
„Nein. Der Geist ist nur ein Gegenstand auf dem Tisch. Der Geist ist Teil des Tonal. Sagen wir mal, der Geist ist diese Chiliflasche.“
Er nahm eine Gewürzflasche und stellte sie vor mir auf den Tisch.
„Ist das Nagual die Seele?“
„Nein. Auch die Seele gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir einmal an, die Seele sei der Aschenbecher.“
„Sind es die Gedanken der Menschen?“
„Nein. Auch die Gedanken sind auf dem Tisch. Die Gedanken sind das Besteck hier.“
„Ist es ein Zustand der Gnade? Der Himmel?“
„Nein, das auch nicht. Das, was es auch sein mag, ist ebenfalls Teil des Tonal. Sagen wir, es sei die Serviette.“
Ich fuhr fort und zählte alle Möglichkeiten der Beschreibung auf für das, was er meinen mochte: Intellekt, Psyche, Energie, Lebenskraft, Unsterblichkeit, Lebensprinzip. Für jeden Begriff, den ich nannte, fand er auf dem Tisch einen Gegenstand, den er als Gegenstück benutzte und vor mir aufbaute, bis er alle auf dem Tisch befindlichen Objekte auf einem Haufen versammelt hatte.
Don Juan schien die ganze Sache ungeheuren Spaß zu machen. Er kicherte und rieb sich die Hände, sooft ich eine weitere Möglichkeit erwähnte.
„Ist das Nagual das höchste Wesen? Der Allmächtige, Gott?“
„Nein. Auch Gott gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir an, Gott sei das Tischtuch.“
Er machte eine spaßige Gebärde, als wolle er das Tischtuch an den Zipfeln hochheben, um es über die anderen Gegenstände zu breiten, die er vor mir aufgestellt hatte.
„Aber sagtest du nicht, dass Gott nicht existiert?“
„Nein. Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass das Nagual nicht Gott ist, denn Gott ist ein Gegenstand unseres Tonal und des Tonal der Zeiten. Wie schon gesagt, das Tonal ist alles, woraus die Welt sich, wie wir glauben, zusammensetzt – einschließlich Gott, natürlich. Gott hat nicht mehr Bedeutung, als dass er ein Teil des Tonal unserer Zeiten ist.“
„In meinem Verständnis, Don Juan, ist Gott alles. Sprechen wir überhaupt über dasselbe?“
„Nein. Gott ist nur all das, was du zu denken vermagst, daher ist er, genauso genommen nur einer unter den Gegenständen auf der Insel. Man kann Gott nicht willentlich erleben, man kann nur über ihn sprechen. Das Nagual hingegen steht dem Krieger zu Gebot. Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber sprechen.“
„Wenn das Nagual keines der Dinge ist, die ich genannt habe, kannst du mir dann vielleicht etwas über seinen Aufenthaltsort sagen? Wo ist es?“
Don Juan fegte mit der Hand durch die Luft und wies auf den Raum außerhalb der Tischkante. Er bewegte die Hand, als wollte er eine imaginäre Oberfläche säubern, die über die Kanten des Tisches hinausreichte.
„Das Nagual ist dort“, sagte er. „Dort, es umgibt die Insel. Das Nagual ist dort, wo die Kraft schwebt.
Vom Augenblick unserer Geburt an fühlen wir, dass wir aus zwei Teilen bestehen. Zum Zeitpunkt der Geburt und noch kurz danach sind wir nur Nagual. Dann fühlen wir, dass wir, um zu funktionieren, ein Gegenstück zu dem brauchen, was wir haben. Was fehlt, ist das Tonal, und dies gibt uns von Anfang an das Gefühl der Unvollkommenheit. Dann fängt das Tonal an zu wachsen, und es wird ungemein wichtig, so wichtig, dass es den Glanz des Nagual verdunkelt, es zurückdrängt. Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal sind, tun wir nichts anderes, als jenes alte Gefühl der Unvollkommenheit zu verstärken, das uns seit dem Augenblick unserer Geburt begleitet und das uns beständig sagt, dass es noch einen anderen Teil braucht, um uns zu vervollständigen.
Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal werden, fangen wir an, Paare zu bilden. Wir fühlen unsere zwei Seiten, aber wir stellen sie uns immer nur anhand von Gegenständen des Tonal vor. So sagen wir, dass unsere zwei Teile Körper und Seele sind. Oder Geist und Materie. Oder Gut und Böse. Gott und Satan. Aber nie erkennen wir, dass wir nur Gegenstände unserer Insel zu Paare zusammenfassen, ganz ähnlich wie wenn wir Kaffee und Tee, Brot und Tortillas, Chili und Senf paarweise bezeichnen. Wir sind komische Wesen, sage ich dir. Wir tappen im Dunklen, und in unserer Torheit machen wir uns vor, alles zu verstehen.“
„Ich fürchte, ich habe nicht die richtige Frage gestellt“, sagte ich. „Vielleicht verstünden wir uns besser, wenn ich fragte, was sich im einzelnen in diesem Raum außerhalb der Insel befindet?“
„Das zu beantworten ist unmöglich. Würde ich sagen: Nichts, dann würde ich das Nagual nur zu einem Teil des Tonal machen. Man kann nichts anderes sagen, als dass man dort, jenseits der Insel, das Nagual findet.“
„Aber wenn du es das Nagual nennst, bringst du es dann nicht ebenfalls auf der Insel unter?“
„Nein. Ich habe ihm nur einen Namen gegeben, weil ich dich darauf aufmerksam machen wollte.“
„Na schön! Aber indem ich darauf aufmerksam werde, tue ich doch den Schritt, der das Nagual zu einem weiteren Gegenstand meines Tonal macht.“
„Ich fürchte, du verstehst nicht. Ich habe das Tonal und das Nagual als echtes Paar benannt. Etwas anderes habe ich nicht getan.“
Er erinnerte mich daran, dass ich einmal, als ich ihm erklären wollte, warum mir so viel am Sinn der Wörter gelegen sei, die Vorstellung erörtert hatte, dass Kinder vielleicht imstande sind, den Unterschied zwischen Vater und Mutter zu verstehen, bevor sie nicht eine Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie mit Sinn umgehen können, und dass sie vielleicht glauben könnten, „Vater“ bedeutet „Hosen tragen“, und „Mutter“ bedeute „Rock tragen“ – oder andere Unterscheidungen hinsichtlich der Haartracht, Körpergröße oder Kleidung.
„Sicher tun wir dasselbe mit unseren zwei Teilen“, sagte er. „Wir fühlen, dass es noch eine andere Seite von uns gibt. Aber sobald wir versuchen, diese andere Seite festzumachen, gelangt das Tonal ans Ruder, und als Kommandant ist es ziemlich kleinlich und eifersüchtig. Es blendet uns mit seiner List und zwingt uns, auch noch die leiseste Ahnung von dem anderen Teil des echten Paares, dem Nagual, auszutilgen.“
(aus „Der Ring der Kraft – Don Juan in den Städten“)
Mittwoch, 15. September 2010
Die menschliche Form
„Die Meisterschaft des Bewusstseins ist es, die dem Montagepunkt einen Schub versetzt. Immerhin hat’s mit uns Menschen nicht viel auf sich: wir sind im Wesentlichen ein Montagepunkt, der an eine bestimmte Position fixiert ist. Unser Feind, und zugleich unser Freund, ist der innere Dialog, unser inneres Inventar. Sei ein Krieger. Schalte deinen inneren Dialog ab. Mache dein Inventar und wirf es zum Fenster hinaus. Die neuen Seher legen sorgfältige Inventare an und lachen am Ende darüber. Ohne das Inventar wird der Montagepunkt frei.“
Don Juan erinnerte mich daran, dass er viel über den stabilen Aspekt unseres menschlichen Inventars gesprochen habe: unsere Vorstellung Gottes. Dieser Aspekt, sagte er, wirke wie ein starker Leim, der den Montagepunkt an seine ursprüngliche Position binde. Falls ich aber eine andere wahrhafte Welt, aus einem anderen großen Emanations-Band montieren wolle, müsse ich einen unvermeidlichen Schritt tun und meinen Montagepunkt von all diesen Dingen freimachen.
Dieser Schritt bedeutet, die Form des Menschen zu sehen“, sagte er. „Das wirst du heute tun müssen, und zwar ohne Hilfe.“
„Was ist die Form des Menschen?“ fragte ich.
„Ich habe dir viele Male geholfen, sie zu sehen“, sagte er. „Du weißt, wovon ich spreche.“
Ich verzichtete auf meinen Einwand, ich wisse gar nicht, worum er spräche. Wenn er sagte, ich hätte die Form des Menschen gesehen, dann musste ich sie gesehen haben, auch wenn ich nicht die blasseste Ahnung hatte, wie sie aussehen sollte.
Er wusste, was mir durch den Kopf ging. Er zeigte mir ein wissendes Lächeln und schüttelte bedächtig den Kopf.
„Die Form des Menschen ist ein riesiges Bündel von Emanationen im großen Band des organischen Lebens“, sagte er. „Man nennt sie die Form des Menschen, weil das Bündel nur im Kokon des Menschen sichtbar wird. Die Form des Menschen ist jener Teil der Emanationen des Adlers, den die Seher direkt sehen, ohne sich in Gefahr zu bringen.“
„Die Wahrnehmungsbarriere zu durchbrechen, das ist die letzte Aufgabe der Meisterschaft des Bewusstseins“, sagte er. „Um den Montagepunkt in diese Position zu bewegen, musst du genügend Energie ansammeln. Eine Wieder-Entdeckungsreise machen. Dich erinnern, was du getan hast.“
Ich versuchte vergeblich, mich zu erinnern, was die Form des Menschen sei. Ich empfand eine unerträgliche Frustration, die alsbald in echte Wut umschlug. Ich war böse auf mich selbst, auf Don Juan, auf jeden.
Don Juan blieb ungerührt durch meinen Zorn. Ärger, stellte er sachlich fest, sei eine ganz natürliche Reaktion auf das Widerstreben des Montagepunktes, sich auf Befehl zu bewegen.
Dann erklärte er mir ausführlich, was die Form des Menschen sei. Er sprach nicht darüber im Sinne der Emanationen des Adlers, sondern im Sinne einer energetischen Struktur, die in der Lage sei, einem amorphen Klumpen biologischer Materie die Eigenschaften des Menschlichen aufzuprägen. Zumindest verstand ich es so, zumal er mir die Form des Menschen in mechanischen Gleichnissen schilderte. Sie sei ein gigantischer Prägestock, sagte er, der in endloser Folge menschliche Wesen ausstanze, als kämen sie von einem Fabriksfließband.
Er sagte auch, dass jede Gattung ihre Form habe und dass jedes auf diese Weise geformte Individuum einer jeden Gattung die seiner Art entsprechenden Merkmale aufweise.
Und dann gab er mir eine beruhigende Schilderung dieser Form des Menschen. Die alten Seher, sagte er, hätten mit den abendländischen Mystikern eines gemeinsam, nämlich, dass sie die Form des Menschen sahen, ohne jedoch zu verstehen, was sie sei. Die Mystiker aller Jahrhunderte hätten uns ergreifende Berichte von ihren Erfahrungen hinterlassen. Diese Berichte, so schön sie wären, litten alle an den einen großen, hoffnungsvollen Mangel, dass darin die Form des Menschen als allmächtiger, allwissender Schöpfer aufgefasst würde. Das gleiche gelte auch für die Deutung der alten Seher, die die Form des Menschen als freundlichen Geist, als Beschützer der Menschen bezeichnete.
Einzig die neuen Seher, sagte er, seien nüchtern genug, die Form des Menschen als das zu sehen und zu verstehen, was sie sei. Und sie hatten erkannt, dass die Form des Menschen kein Schöpfer sei, sondern das Prägemuster aller nur denk- oder vorstellbaren menschlichen Eigenschaften. Die Form, sagte er, sei unser Gott, weil wir nun eben das seien, was uns präge, und nicht etwa, weil sie uns aus dem Nichts und nach ihrem Ebenbild geschaffen hätte. Wollten wir vor der Form des Menschen auf die Knie fallen, so sei dies in Don Juans Augen ein Zeichen von Arroganz und menschlicher Selbstbezogenheit.
Er gab mir einen Schlag auf die rechte Körperseite, zwischen Hüftknochen und Brustkorb. Der Schlag ließ mich davon schweben in ein strahlendes Licht, in einen durchsichtigen Quell der friedlichsten und köstlichsten Seligkeit. Dieses Licht war ein sicherer Hort, eine Oase in all der Schwärze, die mich umgab.
Während ich mit aller Inbrunst, deren ich fähig war, in das Licht starrte, fing das Licht an sich zu verdichten, und ich sah einen Mann. Einen leuchtenden Mann, der Charisma ausstrahlte. Der Liebe, Verstehen, Aufrichtigkeit und Wahrheit ausstrahlte. Ein Mann, der die Quintessenz alles Guten war.
Die Inbrunst, mit der ich diesen Mann sah, übertraf alles, was ich je in meinem Leben empfunden hatte. Ich fiel auf die Knie. Ich wollte den Mensch gewordenen Gott anbeten, aber Don Juan schritt ein und versetzte mir einen Schlag auf die Brust, in Höhe des Schlüsselbeins, und ich verlor den Anblick Gottes.
Don Juan machte sich lustig über mich. Er nannte mich einen unbekümmerten Frömmler und meinte, ich hätte das Zeug zum Priester.
„Und der Mann?“ fragte er. „Du kannst wohl nicht vergessen, dass Gott ein Mann ist?“
Nun erinnerte ich mich, dass ich die Form des Menschen fünfmal im Laufe der Jahre gesehen hatte.
(Auch damals) fiel ich auf die Knie, aber nicht aus Frömmigkeit, sondern aus psychische Reaktion auf meine Ergriffenheit. Der Anblick der Form des Menschen war erstaunlicher denn je. Ohne alle Überheblichkeit glaubte ich, eine gewaltige Veränderung durchgemacht zu haben – seit damals, als ich sie zum ersten Mal sah. All die Dinge, die ich gesehen und gelernt hatte, vermittelten mir nur eine tiefere Dankbarkeit für das Wunder, das da vor meinen Augen geschah.
Die Form des Menschen hatte keine Macht, mich zu beschützen oder zu verschonen, und doch liebte ich sie mit einer Leidenschaft, die kein Ende kannte.
Jetzt glaubte ich auch zu verstehen, was Don Juan mir immer wieder gesagt hatte, nämlich, dass wahre Liebe keine Investition sein kann. Mit Freuden hätte ich mich dem Dienst an der Form des Menschen gewidmet, nicht um dessenthalben, was sie mir geben konnte, denn sie hatte nichts zu geben, sondern um der reinen Liebe wegen, die ich für sie empfand.
Ich sah keinen Grund mich zu rechtfertigen. Meine Liebe zur Form des Menschen war frei, ohne Gedanken an einen Lohn. Es machte mir nichts aus, dass mein Gelübde wertlos sein sollte.
(Textausschnitte aus „Das Feuer von innen“)
Don Juan erinnerte mich daran, dass er viel über den stabilen Aspekt unseres menschlichen Inventars gesprochen habe: unsere Vorstellung Gottes. Dieser Aspekt, sagte er, wirke wie ein starker Leim, der den Montagepunkt an seine ursprüngliche Position binde. Falls ich aber eine andere wahrhafte Welt, aus einem anderen großen Emanations-Band montieren wolle, müsse ich einen unvermeidlichen Schritt tun und meinen Montagepunkt von all diesen Dingen freimachen.
Dieser Schritt bedeutet, die Form des Menschen zu sehen“, sagte er. „Das wirst du heute tun müssen, und zwar ohne Hilfe.“
„Was ist die Form des Menschen?“ fragte ich.
„Ich habe dir viele Male geholfen, sie zu sehen“, sagte er. „Du weißt, wovon ich spreche.“
Ich verzichtete auf meinen Einwand, ich wisse gar nicht, worum er spräche. Wenn er sagte, ich hätte die Form des Menschen gesehen, dann musste ich sie gesehen haben, auch wenn ich nicht die blasseste Ahnung hatte, wie sie aussehen sollte.
Er wusste, was mir durch den Kopf ging. Er zeigte mir ein wissendes Lächeln und schüttelte bedächtig den Kopf.
„Die Form des Menschen ist ein riesiges Bündel von Emanationen im großen Band des organischen Lebens“, sagte er. „Man nennt sie die Form des Menschen, weil das Bündel nur im Kokon des Menschen sichtbar wird. Die Form des Menschen ist jener Teil der Emanationen des Adlers, den die Seher direkt sehen, ohne sich in Gefahr zu bringen.“
„Die Wahrnehmungsbarriere zu durchbrechen, das ist die letzte Aufgabe der Meisterschaft des Bewusstseins“, sagte er. „Um den Montagepunkt in diese Position zu bewegen, musst du genügend Energie ansammeln. Eine Wieder-Entdeckungsreise machen. Dich erinnern, was du getan hast.“
Ich versuchte vergeblich, mich zu erinnern, was die Form des Menschen sei. Ich empfand eine unerträgliche Frustration, die alsbald in echte Wut umschlug. Ich war böse auf mich selbst, auf Don Juan, auf jeden.
Don Juan blieb ungerührt durch meinen Zorn. Ärger, stellte er sachlich fest, sei eine ganz natürliche Reaktion auf das Widerstreben des Montagepunktes, sich auf Befehl zu bewegen.
Dann erklärte er mir ausführlich, was die Form des Menschen sei. Er sprach nicht darüber im Sinne der Emanationen des Adlers, sondern im Sinne einer energetischen Struktur, die in der Lage sei, einem amorphen Klumpen biologischer Materie die Eigenschaften des Menschlichen aufzuprägen. Zumindest verstand ich es so, zumal er mir die Form des Menschen in mechanischen Gleichnissen schilderte. Sie sei ein gigantischer Prägestock, sagte er, der in endloser Folge menschliche Wesen ausstanze, als kämen sie von einem Fabriksfließband.
Er sagte auch, dass jede Gattung ihre Form habe und dass jedes auf diese Weise geformte Individuum einer jeden Gattung die seiner Art entsprechenden Merkmale aufweise.
Und dann gab er mir eine beruhigende Schilderung dieser Form des Menschen. Die alten Seher, sagte er, hätten mit den abendländischen Mystikern eines gemeinsam, nämlich, dass sie die Form des Menschen sahen, ohne jedoch zu verstehen, was sie sei. Die Mystiker aller Jahrhunderte hätten uns ergreifende Berichte von ihren Erfahrungen hinterlassen. Diese Berichte, so schön sie wären, litten alle an den einen großen, hoffnungsvollen Mangel, dass darin die Form des Menschen als allmächtiger, allwissender Schöpfer aufgefasst würde. Das gleiche gelte auch für die Deutung der alten Seher, die die Form des Menschen als freundlichen Geist, als Beschützer der Menschen bezeichnete.
Einzig die neuen Seher, sagte er, seien nüchtern genug, die Form des Menschen als das zu sehen und zu verstehen, was sie sei. Und sie hatten erkannt, dass die Form des Menschen kein Schöpfer sei, sondern das Prägemuster aller nur denk- oder vorstellbaren menschlichen Eigenschaften. Die Form, sagte er, sei unser Gott, weil wir nun eben das seien, was uns präge, und nicht etwa, weil sie uns aus dem Nichts und nach ihrem Ebenbild geschaffen hätte. Wollten wir vor der Form des Menschen auf die Knie fallen, so sei dies in Don Juans Augen ein Zeichen von Arroganz und menschlicher Selbstbezogenheit.
Er gab mir einen Schlag auf die rechte Körperseite, zwischen Hüftknochen und Brustkorb. Der Schlag ließ mich davon schweben in ein strahlendes Licht, in einen durchsichtigen Quell der friedlichsten und köstlichsten Seligkeit. Dieses Licht war ein sicherer Hort, eine Oase in all der Schwärze, die mich umgab.
Während ich mit aller Inbrunst, deren ich fähig war, in das Licht starrte, fing das Licht an sich zu verdichten, und ich sah einen Mann. Einen leuchtenden Mann, der Charisma ausstrahlte. Der Liebe, Verstehen, Aufrichtigkeit und Wahrheit ausstrahlte. Ein Mann, der die Quintessenz alles Guten war.
Die Inbrunst, mit der ich diesen Mann sah, übertraf alles, was ich je in meinem Leben empfunden hatte. Ich fiel auf die Knie. Ich wollte den Mensch gewordenen Gott anbeten, aber Don Juan schritt ein und versetzte mir einen Schlag auf die Brust, in Höhe des Schlüsselbeins, und ich verlor den Anblick Gottes.
Don Juan machte sich lustig über mich. Er nannte mich einen unbekümmerten Frömmler und meinte, ich hätte das Zeug zum Priester.
„Und der Mann?“ fragte er. „Du kannst wohl nicht vergessen, dass Gott ein Mann ist?“
Nun erinnerte ich mich, dass ich die Form des Menschen fünfmal im Laufe der Jahre gesehen hatte.
(Auch damals) fiel ich auf die Knie, aber nicht aus Frömmigkeit, sondern aus psychische Reaktion auf meine Ergriffenheit. Der Anblick der Form des Menschen war erstaunlicher denn je. Ohne alle Überheblichkeit glaubte ich, eine gewaltige Veränderung durchgemacht zu haben – seit damals, als ich sie zum ersten Mal sah. All die Dinge, die ich gesehen und gelernt hatte, vermittelten mir nur eine tiefere Dankbarkeit für das Wunder, das da vor meinen Augen geschah.
Die Form des Menschen hatte keine Macht, mich zu beschützen oder zu verschonen, und doch liebte ich sie mit einer Leidenschaft, die kein Ende kannte.
Jetzt glaubte ich auch zu verstehen, was Don Juan mir immer wieder gesagt hatte, nämlich, dass wahre Liebe keine Investition sein kann. Mit Freuden hätte ich mich dem Dienst an der Form des Menschen gewidmet, nicht um dessenthalben, was sie mir geben konnte, denn sie hatte nichts zu geben, sondern um der reinen Liebe wegen, die ich für sie empfand.
Ich sah keinen Grund mich zu rechtfertigen. Meine Liebe zur Form des Menschen war frei, ohne Gedanken an einen Lohn. Es machte mir nichts aus, dass mein Gelübde wertlos sein sollte.
(Textausschnitte aus „Das Feuer von innen“)
Dienstag, 14. September 2010
Kontrollierte Torheit
„Meine Handlungen sind aufrichtig“, sagte Don Juan“, aber sie sind nur die Handlungen eines Schauspielers.“
„Dann muss alles, was du tust, kontrollierte Torheit sein“, sagte ich, ehrlich überrascht.
„Ja, alles“, sagte er.
„Aber es kann doch nicht wahr sein“, wandte ich ein, „dass alle deine Handlungen nur kontrollierte Torheit sind.“
„Warum nicht?“ sagte er und sah mich geheimnisvoll an.
„Das würde heißen, dass im Grunde nichts an dich herankommt und dass dir an keiner Sache und keiner Person wirklich liegt. Nimm mich, zum Beispiel. Willst du sagen, dass es dir egal ist, ob ich ein Wissender werde oder nicht, oder ob ich lebe oder sterbe oder sonst was tu?“
„Richtig! So ist es. Du bist wie Lucio (Don Juans Enkelsohn) oder wie jeder andere in meinem Leben, meiner kontrollierten Torheit.“
Ich hatte ein eigenartig leeres Gefühl. Selbstverständlich gab es keinen Grund, warum Don Juan an mir etwas liegen sollte, aber andererseits war ich so gut wie sicher, dass er persönlich Anteil an mir nahm. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen, da er mir immer seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ich hatte den Verdacht, dass Don Juan dies, weil er sich über mich ärgerte. Immerhin hatte ich seine Lehren abgebrochen.
„Ich glaube, dass wir nicht über dasselbe sprechen“, sagte ich. „Ich hätte mich aus dem Spiel lassen sollen. Was ich sagen wollte, war, dass es irgend etwas auf der Welt geben muss, an dem dir in einer Weise liegt, die du nicht als kontrollierte Torheit bezeichnest. Ich glaube nicht, dass man weiterleben kann, wenn einem nichts nahe geht.“
„Das trifft auf dich zu“, sagte er. „Dir gehen die Dinge nahe. Du hast mich nach meiner kontrollierten Torheit gefragt, und ich habe dir geantwortet, dass alles, was ich in Bezug auf mich und meine Mitmenschen unternehme, Torheit ist, weil nichts wichtig ist.“
„Ich meine folgendes, Don Juan: wenn dir nichts nahe geht, wie kannst du dann weiterleben?“
Er lachte, und nach einer kurzen Pause, während er zu überlegen schien, ob er mir antworten sollte, stand er auch und ging hinter das Haus. Ich folgte ihm.
„Warte, Don Juan, warte“, rief ich. „Ich möchte es wirklich wissen. Du musst mir erklären, was du meinst.“
„Vielleicht kann man es nicht erklären“, sagte er. „Dir gehen bestimmte Dinge in deinem Leben nahe, weil sie wichtig sind. Deine Handlungen sind für dich sicher wichtig, aber für mich ist gar nichts mehr wichtig, weder meine Handlungen noch die Handlungen irgendeines meiner Mitmenschen. Ich lebe trotzdem weiter, weil ich meinen Willen habe. Weil ich mein ganzes Leben lang meinen Willen gezähmt habe, bis er klar und dienstbar wurde, und jetzt macht es mir nichts mehr aus, dass nichts wichtig ist. Mein Wille kontrolliert die Torheit meines Lebens.“
Er hockte sich nieder und fuhr mit den Fingern über ein paar Kräuter, die er auf einem großen Stück Sackleinen in die Sonne zum Trocknen gelegt hatte. Ich war verblüfft. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Frage in eine solche Richtung führen würde. Nach einer langen Pause fiel mir ein guter Einwand ein. Ich sagte, dass für mich gewisse Handlungen meiner Mitmenschen von größter Bedeutung seien. Ich erwähnte den Atomkrieg als das zweifellos drastische Beispiel einer solchen Handlung. Die Zerstörung des Lebens auf der Erde, sagte ich, sei für mich eine erschreckende Ungeheuerlichkeit.
„Das glaubst du, weil du dir Gedanken machst. Du denkst über das Leben nach“, sagte Don Juan augenzwinkernd. „Du ‚siehst’ nicht.“
„Wäre ich anderer Meinung, wenn ich ‚sehen’ würde?“
„Sobald ein Mann ‚sehen’ lernt, stellt er fest, dass er allein auf der Welt und nur von Torheit umgeben ist“, sagte Don Juan rätselhaft.
Er machte eine Pause und sah mich an, als wolle er die Wirkung seiner Worte abschätzen.
„Deine Handlungen, wie auch die Handlungen deiner Mitmenschen im allgemeinen, erscheinen dir wichtig, weil du gelernt hast, sie wichtig zu nehmen.“
Er sprach das Wort „gelernt“ mit so eigenartiger Betonung aus, dass ich ihn fragen musste, was er damit meinte.
„Wir lernen, über alles nachzudenken, und dann üben wir unsere Augen darin, die Dinge so zu sehen, wie wir über sie denken. Wir schauen uns an und sind im voraus überzeugt, dass wir wichtig sind. Darum müssen wir uns wichtig ‚vorkommen’! Aber wenn ein Mann ‚sehen’ lernt, erkennt er, dass er nicht länger über die Dinge nachdenken kann, die er anschaut, und wenn er erkennt, dass er über das, was er sieht, nicht mehr nachdenken kann, dann wird alles unwichtig.“
„Wie übt ein Wissender seine kontrollierte Torheit, wenn ein Mensch, den er liebt, stirbt?“ fragte ich.
Don Juan war von meiner Frage überrascht und sah mich belustigt an.
„Nimm zum Beispiel deinen Enkel Lucio“, sagte ich. „Wenn er stürbe, wäre dann dein Handeln kontrollierte Torheit?“
„Sprechen wir lieber von meinem Sohn Eulalio“, antwortete Don Juan ruhig, „das ist ein besseres Beispiel. Er wurde bei den Bauarbeiten am Pan American Highway von herabfallenden Gestein zerschmettert. Mein Verhalten ihm gegenüber, im Augenblick seines Todes, war kontrollierte Torheit. Als ich auf dem Sprengplatz ankam, war er fast tot, aber sein Körper war so stark, dass er sich noch immer bewegte und aufbäumte. Ich stand vor ihm und sagte den Leuten von der Straßenbaugruppe, sie sollten ihn nicht forttragen. Sie gehorchten und standen dort um meinen Sohn herum und schauten auf seinen verstümmelten Körper herab. Auch ich stand dort, aber ich schaute nicht hin. Ich veränderte meine Augen um zu ‚sehen’, wie sein persönliches Leben sich auflöste und sich unkontrollierbar über seine Grenzen hinaus ausdehnte, wie ein Kristallnebel; denn so ist es, wenn Leben und Tod sich verbinden und ausdehnen. So verhielt ich mich, als mein Sohn starb. Das ist alles, was man überhaupt tun kann, und es ist kontrollierte Torheit. Hätte ich ihn angeschaut, dann hätte ich beobachtet, wie er allmählich erstarrte, und ich hätte in meinem Inneren einen Schrei gespürt, weil ich nie wieder seine schöne Gestalt über die Erde würde schreiten sehen. Statt dessen ‚sah’ ich seinen Tod, und da war keine Trauer, kein Gefühl. Sein Tod war allem anderen gleich.“
Aus „Eine andere Wirklichkeit“
„Dann muss alles, was du tust, kontrollierte Torheit sein“, sagte ich, ehrlich überrascht.
„Ja, alles“, sagte er.
„Aber es kann doch nicht wahr sein“, wandte ich ein, „dass alle deine Handlungen nur kontrollierte Torheit sind.“
„Warum nicht?“ sagte er und sah mich geheimnisvoll an.
„Das würde heißen, dass im Grunde nichts an dich herankommt und dass dir an keiner Sache und keiner Person wirklich liegt. Nimm mich, zum Beispiel. Willst du sagen, dass es dir egal ist, ob ich ein Wissender werde oder nicht, oder ob ich lebe oder sterbe oder sonst was tu?“
„Richtig! So ist es. Du bist wie Lucio (Don Juans Enkelsohn) oder wie jeder andere in meinem Leben, meiner kontrollierten Torheit.“
Ich hatte ein eigenartig leeres Gefühl. Selbstverständlich gab es keinen Grund, warum Don Juan an mir etwas liegen sollte, aber andererseits war ich so gut wie sicher, dass er persönlich Anteil an mir nahm. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen, da er mir immer seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ich hatte den Verdacht, dass Don Juan dies, weil er sich über mich ärgerte. Immerhin hatte ich seine Lehren abgebrochen.
„Ich glaube, dass wir nicht über dasselbe sprechen“, sagte ich. „Ich hätte mich aus dem Spiel lassen sollen. Was ich sagen wollte, war, dass es irgend etwas auf der Welt geben muss, an dem dir in einer Weise liegt, die du nicht als kontrollierte Torheit bezeichnest. Ich glaube nicht, dass man weiterleben kann, wenn einem nichts nahe geht.“
„Das trifft auf dich zu“, sagte er. „Dir gehen die Dinge nahe. Du hast mich nach meiner kontrollierten Torheit gefragt, und ich habe dir geantwortet, dass alles, was ich in Bezug auf mich und meine Mitmenschen unternehme, Torheit ist, weil nichts wichtig ist.“
„Ich meine folgendes, Don Juan: wenn dir nichts nahe geht, wie kannst du dann weiterleben?“
Er lachte, und nach einer kurzen Pause, während er zu überlegen schien, ob er mir antworten sollte, stand er auch und ging hinter das Haus. Ich folgte ihm.
„Warte, Don Juan, warte“, rief ich. „Ich möchte es wirklich wissen. Du musst mir erklären, was du meinst.“
„Vielleicht kann man es nicht erklären“, sagte er. „Dir gehen bestimmte Dinge in deinem Leben nahe, weil sie wichtig sind. Deine Handlungen sind für dich sicher wichtig, aber für mich ist gar nichts mehr wichtig, weder meine Handlungen noch die Handlungen irgendeines meiner Mitmenschen. Ich lebe trotzdem weiter, weil ich meinen Willen habe. Weil ich mein ganzes Leben lang meinen Willen gezähmt habe, bis er klar und dienstbar wurde, und jetzt macht es mir nichts mehr aus, dass nichts wichtig ist. Mein Wille kontrolliert die Torheit meines Lebens.“
Er hockte sich nieder und fuhr mit den Fingern über ein paar Kräuter, die er auf einem großen Stück Sackleinen in die Sonne zum Trocknen gelegt hatte. Ich war verblüfft. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Frage in eine solche Richtung führen würde. Nach einer langen Pause fiel mir ein guter Einwand ein. Ich sagte, dass für mich gewisse Handlungen meiner Mitmenschen von größter Bedeutung seien. Ich erwähnte den Atomkrieg als das zweifellos drastische Beispiel einer solchen Handlung. Die Zerstörung des Lebens auf der Erde, sagte ich, sei für mich eine erschreckende Ungeheuerlichkeit.
„Das glaubst du, weil du dir Gedanken machst. Du denkst über das Leben nach“, sagte Don Juan augenzwinkernd. „Du ‚siehst’ nicht.“
„Wäre ich anderer Meinung, wenn ich ‚sehen’ würde?“
„Sobald ein Mann ‚sehen’ lernt, stellt er fest, dass er allein auf der Welt und nur von Torheit umgeben ist“, sagte Don Juan rätselhaft.
Er machte eine Pause und sah mich an, als wolle er die Wirkung seiner Worte abschätzen.
„Deine Handlungen, wie auch die Handlungen deiner Mitmenschen im allgemeinen, erscheinen dir wichtig, weil du gelernt hast, sie wichtig zu nehmen.“
Er sprach das Wort „gelernt“ mit so eigenartiger Betonung aus, dass ich ihn fragen musste, was er damit meinte.
„Wir lernen, über alles nachzudenken, und dann üben wir unsere Augen darin, die Dinge so zu sehen, wie wir über sie denken. Wir schauen uns an und sind im voraus überzeugt, dass wir wichtig sind. Darum müssen wir uns wichtig ‚vorkommen’! Aber wenn ein Mann ‚sehen’ lernt, erkennt er, dass er nicht länger über die Dinge nachdenken kann, die er anschaut, und wenn er erkennt, dass er über das, was er sieht, nicht mehr nachdenken kann, dann wird alles unwichtig.“
„Wie übt ein Wissender seine kontrollierte Torheit, wenn ein Mensch, den er liebt, stirbt?“ fragte ich.
Don Juan war von meiner Frage überrascht und sah mich belustigt an.
„Nimm zum Beispiel deinen Enkel Lucio“, sagte ich. „Wenn er stürbe, wäre dann dein Handeln kontrollierte Torheit?“
„Sprechen wir lieber von meinem Sohn Eulalio“, antwortete Don Juan ruhig, „das ist ein besseres Beispiel. Er wurde bei den Bauarbeiten am Pan American Highway von herabfallenden Gestein zerschmettert. Mein Verhalten ihm gegenüber, im Augenblick seines Todes, war kontrollierte Torheit. Als ich auf dem Sprengplatz ankam, war er fast tot, aber sein Körper war so stark, dass er sich noch immer bewegte und aufbäumte. Ich stand vor ihm und sagte den Leuten von der Straßenbaugruppe, sie sollten ihn nicht forttragen. Sie gehorchten und standen dort um meinen Sohn herum und schauten auf seinen verstümmelten Körper herab. Auch ich stand dort, aber ich schaute nicht hin. Ich veränderte meine Augen um zu ‚sehen’, wie sein persönliches Leben sich auflöste und sich unkontrollierbar über seine Grenzen hinaus ausdehnte, wie ein Kristallnebel; denn so ist es, wenn Leben und Tod sich verbinden und ausdehnen. So verhielt ich mich, als mein Sohn starb. Das ist alles, was man überhaupt tun kann, und es ist kontrollierte Torheit. Hätte ich ihn angeschaut, dann hätte ich beobachtet, wie er allmählich erstarrte, und ich hätte in meinem Inneren einen Schrei gespürt, weil ich nie wieder seine schöne Gestalt über die Erde würde schreiten sehen. Statt dessen ‚sah’ ich seinen Tod, und da war keine Trauer, kein Gefühl. Sein Tod war allem anderen gleich.“
Aus „Eine andere Wirklichkeit“
Montag, 13. September 2010
8 Punkte
Don Juan streute neben der Laterne etwas Asche auf den Boden, auf eine Fläche von etwa 50 x 50 Zentimeter, und zeichnete mit dem Finger ein Diagramm – ein Diagramm, das acht miteinander durch Linien verbundene Punkte aufwies. Es war eine geometrische Figur.
Schon vor Jahren hatte er einmal ein ähnliches gezeichnet, als er mit zu erklären versuchte, dass es keine Illusion gewesen sei, als ich das gleiche Blatt viermal vom gleichen Baum herabfallen sah.
Das in die Asche gezeichnete Diagramm hatte zwei Epizentren; das eine nannte er „Vernunft“, das andere „Wille“.
„Vernunft“ war direkt mit einem Punkt verbunden, den er „Sprechen“ nannte; durch „Sprechen“ war „Vernunft“ indirekt mit drei anderen Punkten verbunden, nämlich „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“. Das andere Epizentrum, „Wille“, war direkt mit „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“ verbunden, aber auch indirekt mit „Vernunft“ und „Sprechen“.
Ich wandte ein, dass das Diagramm sich von demjenigen unterschied, das er vor Jahren aufgezeichnet hatte.
„Die äußere Form ist bedeutungslos“, sagte er. „Diese Punkte stellen einen Menschen dar und können gezeichnet werden, wie es einem beliebt.“
„Stellen sie den Körper eines Menschen dar?“ fragte ich.
„Nenne es nicht Körper. Dies sind acht Punkt auf den Fasern eines leuchtenden Wesens. Der Zauberer sagt nun, dass ein Mensch, wie du aus dem Diagramm ersiehst, vor allem Wille ist, denn Wille ist direkt mit den drei Punkten Fühlen, Träumen und Sehen verbunden; sodann ist der Mensch Vernunft. Die ist, genau genommen, ein kleineres Zentrum als Wille; es ist nur mit Sprechen verbunden.“
„Was sind die zwei anderen Punkte, Don Juan?“
Er sah mich an und lächelte.
„Heute bist du viel stärker als damals, als wir zum ersten Mal über dieses Diagramm sprachen. Aber du bist noch nicht stark genug, um alle acht Punkte zu kennen. Eines Tages wird dir Genaro die beiden anderen zeigen.“
„Hat jeder Mensch diese acht Punkte oder nur die Zauberer?“
„Man kann wohl sagen, dass jeder acht Punkte mit auf die Welt bringt. Zwei von ihnen, Vernunft und Sprechen, kennt jeder. Fühlen ist immer unbestimmt, aber irgendwie bekannt. Doch nur in der Welt der Zauberer wird man mit Träumen, Sehen und Wille gänzlich vertraut. Und schließlich findet man am äußeren Rand dieser Welt die anderen zwei.
Diese acht Punkte bilden die Ganzheit des Selbst.“
Er zeigte mir auf dem Diagramm, dass im Grunde alle acht Punkt indirekt miteinander verbunden werden könnten. Ich fragte ihn nach den beiden übrigen geheimnisvollen Punkten. Er zeigte mir, dass sie nur mit „Wille“ verbunden waren, dass sie von „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“ entfernt lagen und noch viel ferner von „Sprechen“ und „Vernunft“. Er zeigte mit dem Finger darauf, um mir zu zeigen, dass sie von den anderen und auch voneinander getrennt waren.
„Diese zwei Punkte werden sich niemals dem Sprechen oder der Vernunft unterordnen“, sagte er. „Nur der Wille kann sie beeinflussen. Vernunft ist so weit von ihnen entfernt, dass es völlig nutzlos ist, sie vernünftig ergründen zu wollen. Dies ist eines der am schwersten verstehbaren Dinge. Immerhin ist es das Privileg der Vernunft, dass sie alles vernünftelnd ergründen will.“
Schon vor Jahren hatte er einmal ein ähnliches gezeichnet, als er mit zu erklären versuchte, dass es keine Illusion gewesen sei, als ich das gleiche Blatt viermal vom gleichen Baum herabfallen sah.
Das in die Asche gezeichnete Diagramm hatte zwei Epizentren; das eine nannte er „Vernunft“, das andere „Wille“.
„Vernunft“ war direkt mit einem Punkt verbunden, den er „Sprechen“ nannte; durch „Sprechen“ war „Vernunft“ indirekt mit drei anderen Punkten verbunden, nämlich „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“. Das andere Epizentrum, „Wille“, war direkt mit „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“ verbunden, aber auch indirekt mit „Vernunft“ und „Sprechen“.
Ich wandte ein, dass das Diagramm sich von demjenigen unterschied, das er vor Jahren aufgezeichnet hatte.
„Die äußere Form ist bedeutungslos“, sagte er. „Diese Punkte stellen einen Menschen dar und können gezeichnet werden, wie es einem beliebt.“
„Stellen sie den Körper eines Menschen dar?“ fragte ich.
„Nenne es nicht Körper. Dies sind acht Punkt auf den Fasern eines leuchtenden Wesens. Der Zauberer sagt nun, dass ein Mensch, wie du aus dem Diagramm ersiehst, vor allem Wille ist, denn Wille ist direkt mit den drei Punkten Fühlen, Träumen und Sehen verbunden; sodann ist der Mensch Vernunft. Die ist, genau genommen, ein kleineres Zentrum als Wille; es ist nur mit Sprechen verbunden.“
„Was sind die zwei anderen Punkte, Don Juan?“
Er sah mich an und lächelte.
„Heute bist du viel stärker als damals, als wir zum ersten Mal über dieses Diagramm sprachen. Aber du bist noch nicht stark genug, um alle acht Punkte zu kennen. Eines Tages wird dir Genaro die beiden anderen zeigen.“
„Hat jeder Mensch diese acht Punkte oder nur die Zauberer?“
„Man kann wohl sagen, dass jeder acht Punkte mit auf die Welt bringt. Zwei von ihnen, Vernunft und Sprechen, kennt jeder. Fühlen ist immer unbestimmt, aber irgendwie bekannt. Doch nur in der Welt der Zauberer wird man mit Träumen, Sehen und Wille gänzlich vertraut. Und schließlich findet man am äußeren Rand dieser Welt die anderen zwei.
Diese acht Punkte bilden die Ganzheit des Selbst.“
Er zeigte mir auf dem Diagramm, dass im Grunde alle acht Punkt indirekt miteinander verbunden werden könnten. Ich fragte ihn nach den beiden übrigen geheimnisvollen Punkten. Er zeigte mir, dass sie nur mit „Wille“ verbunden waren, dass sie von „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“ entfernt lagen und noch viel ferner von „Sprechen“ und „Vernunft“. Er zeigte mit dem Finger darauf, um mir zu zeigen, dass sie von den anderen und auch voneinander getrennt waren.
„Diese zwei Punkte werden sich niemals dem Sprechen oder der Vernunft unterordnen“, sagte er. „Nur der Wille kann sie beeinflussen. Vernunft ist so weit von ihnen entfernt, dass es völlig nutzlos ist, sie vernünftig ergründen zu wollen. Dies ist eines der am schwersten verstehbaren Dinge. Immerhin ist es das Privileg der Vernunft, dass sie alles vernünftelnd ergründen will.“
Sonntag, 12. September 2010
Das Feuer von Innen --- Der Adler
Die alten Seher sahen, dass es der Adler ist, der Bewusstsein verleiht. Der Adler schafft alle lebenden Wesen, auf dass sie leben und ihr Bewusstsein bereichern, das er ihnen zusammen mit dem Leben schenkt. Sie sahen auch, dass es der Adler ist, der eben dieses bereicherte Bewusstsein verschlingt, da er die Lebewesen zwingt, es im Augenblick ihres Todes aufzugeben.
„Aber was für eine Kraft ist denn der Adler?“ fragte ich.
„Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Der Adler ist für die Seher etwas so reales, wie Schwerkraft und Zeit es für dich sind – genauso abstrakt und unvorstellbar.“
„Warte mal, Don Juan. Dies sind abstrakte Begriffe, aber sie beziehen sich doch auf reale Phänomene, die verifiziert werden können. Ganze Wissenschaften befassen sich mit nichts anderem.“
„Der Adler und seine Emanationen sind ebenso verifizierbar. Und genau damit befasst sich die Wissenschaft der neuen Seher.“
Ich bat ihn, mich aufzuklären, was denn die Emanationen des Adlers wären.
Die Emanationen des Adlers, sagte er, seien ein unwandelbares Ding an sich, das alles Existierende einbegreife, das Erkennbare, wie das Unerkennbare.
„Was die Emanationen des Adlers wirklich sind, kann man nicht mit Worten beschreiben“, fuhr Don Juan fort. „Ein Seher muss sie erleben.“
„Würdest du sagen, Don Juan, dass der Adler der Ursprung der Emanationen ist?“
„Selbstverständlich ist der Adler der Ursprung der Emanationen.“
„Ich meine, ob er sichtbar der Ursprung ist.“
„Nichts am Adler ist sichtbar. Der ganze Körper eines Sehers spürt den Adler. Es gibt etwas in uns allen, das uns befähigt, ihn mit unserem ganzen Körper zu erleben. Die Seher haben eine einfache Erklärung für das ‚Sehen’ des Adlers: Weil der Mensch aus den Emanationen des Adlers besteht, braucht der Mensch nur auf seine eigenen Elemente zu achten. Das Problem entsteht erst durch das Bewusstsein des Menschen; sein Bewusstsein verstrickt und verwirrt sich. Im entscheidenden Augenblick, wenn es einfach darum geht, dass die Emanationen sich bemerkbar machen, fühlt sich das Bewusstsein des Menschen gezwungen, diesen Vorgang zu interpretieren. Das Ergebnis ist ein Bild des Adlers und der Emanationen des Adlers. Was es dort draußen gibt, ist etwas, das kein Lebender begreifen kann.“
„Sie nur, was gewisse Seher uns angetan haben. Da sitzen wir und kleben an ihrer Vision eines Adlers, der uns regiert und uns im Augenblick unseres Todes verschlingt.“
An dieser Vorstellung, sagte Don Juan, sei etwas eindeutig Nachlässiges. Er persönlich könne keinen Gefallen finden an der Vorstellung, dass irgendetwas uns am Ende verschlinge. Wenn es nach ihm ginge, meinte er, sollte man zutreffender sagen, dass da eine Kraft sei, die unser Bewusstsein anzieht, ähnlich wie ein Magnet Eisenspäne anzieht. Im Augenblick des Sterbens löse unser Sein sich dann auf in der Anziehung einer unendlichen Kraft.
Dass dieser Vorgang als ein uns verschlingender Adler interpretiert werden konnte, fand er grotesk, denn es mache aus diesem unbeschreiblichen Akt etwas so Alltägliches, wie das Gefressenwerden.
Die Emanationen des Adlers zu ‚sehen’, so meinte Don Juan, bedeute im Grunde, die Katastrophe heraufbeschwören. Die neuen Seher hätten gar bald die damit verbundenen, ungeheuren Schwierigkeiten entdeckt, und erst nach großer Bedrängnis und vielen Versuchen, das Unbekannte zu kartographieren und es von dem Unerkennbaren zu scheiden, hätten sie erkannt, dass alles, was ist, aus den Emanationen des Adlers besteht. Ein kleiner Teil dieser Emanationen sei dem menschlichen Bewusstsein zugänglich, und auch dieser kleine Teil werde durch die Zwänge unseres Alltagslebens auf einen winzigen Bruchteil weiterverringert. Dieser winzige Bruchteil der Emanationen des Adlers sei das Bekannte; der kleine Teil, der überhaupt dem menschlichen Bewusstsein zugänglich sei, sei das Unbekannte, und der unermessliche Rest sei das Unerkennbare.
Und weiter erzählte er, dass die neuen Seher, in ihrer praktischen Gesinnung, alsbald der unwiderstehlichen Macht der Emanationen gewahrten. Sie erkannten, dass alle Lebewesen mit den Emanationen des Adlers arbeiten müssen, ohne zu wissen, was sie eigentlich sind. Sie erkannten auch, dass die Organismen darauf eingerichtet sind, ein bestimmtes Spektrum dieser Emanationen zu erfassen und dass jeder Spezies ein bestimmtes Spektrum von Emanationen zukommt. Die Emanationen üben einen starken Druck auf die Organismen aus, und mittels dieses Drucks bauen die Organismen ihre wahrnehmbare Welt auf.
„Wir als Menschen“, sagte Don Juan, „arbeiten mit diesen Emanationen und interpretieren sie als Realität. Doch was der Mensch empfindet, ist ein so kleiner Teil der Emanationen des Adlers, dass es lächerlich wäre, sich groß auf unsere Wahrnehmung zu verlassen, und doch ist es uns nicht möglich, unsere Wahrnehmung zu ignorieren. Dies mussten die neuen Seher auf die Art lernen – und unter dem Risiko unabsehbarer Gefahren.“
„Wie nutzt der Mensch die Emanationen, Don Juan?“
„Es ist so einfach, dass es idiotisch klingt. Für einen Seher sind die Menschen leuchtende Wesen. Unsere Leuchtkraft besteht aus jenem Teil der Emanationen des Adlers, der in unseren eiförmigen Kokon eingeschlossen ist. Dieser kleine Teil, diese Handvoll eingeschlossener Emanationen ist das, was uns zu Menschen macht.
Wahrnehmen heißt, die im inneren des Kokons enthaltenen Emanationen in Übereinstimmung zu bringen mit jenen außerhalb.
Die Seher können zum Beispiel die Emanationen im Inneren des Kokon ‚sehen’ und erkennen, welche der äußeren Emanationen mit ihnen übereinstimmen.“
„Sind die Emanationen so etwas wie Lichtstrahlen?“ fragte ich.
„Nein. Gar nicht. Das wäre zu einfach. Sie sind etwas Unbeschreibliches. Und doch würde ich sagen, sie sind so etwas wie Lichtfäden. Was dem Normal-Bewusstsein unbegreiflich ist, ist die Tatsache, dass diese Fäden bewusst sind. Ich kann dir nicht sagen, was dies bedeutet, weil ich das, wovon ich rede, nicht mit Sicherheit weiß. Mit meiner persönlichen Auffassung kann ich dir nur drei Dinge sagen: Die Fäden sind sich ihrer selbst bewusst, lebendig und vibrierend. Es sind so viele, dass Zahlenangaben sinnlos wären. Und jeder einzelne ist für sich selbst eine Ewigkeit.“
(aus „Das Feuer von innen“)
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„Aber was für eine Kraft ist denn der Adler?“ fragte ich.
„Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Der Adler ist für die Seher etwas so reales, wie Schwerkraft und Zeit es für dich sind – genauso abstrakt und unvorstellbar.“
„Warte mal, Don Juan. Dies sind abstrakte Begriffe, aber sie beziehen sich doch auf reale Phänomene, die verifiziert werden können. Ganze Wissenschaften befassen sich mit nichts anderem.“
„Der Adler und seine Emanationen sind ebenso verifizierbar. Und genau damit befasst sich die Wissenschaft der neuen Seher.“
Ich bat ihn, mich aufzuklären, was denn die Emanationen des Adlers wären.
Die Emanationen des Adlers, sagte er, seien ein unwandelbares Ding an sich, das alles Existierende einbegreife, das Erkennbare, wie das Unerkennbare.
„Was die Emanationen des Adlers wirklich sind, kann man nicht mit Worten beschreiben“, fuhr Don Juan fort. „Ein Seher muss sie erleben.“
„Würdest du sagen, Don Juan, dass der Adler der Ursprung der Emanationen ist?“
„Selbstverständlich ist der Adler der Ursprung der Emanationen.“
„Ich meine, ob er sichtbar der Ursprung ist.“
„Nichts am Adler ist sichtbar. Der ganze Körper eines Sehers spürt den Adler. Es gibt etwas in uns allen, das uns befähigt, ihn mit unserem ganzen Körper zu erleben. Die Seher haben eine einfache Erklärung für das ‚Sehen’ des Adlers: Weil der Mensch aus den Emanationen des Adlers besteht, braucht der Mensch nur auf seine eigenen Elemente zu achten. Das Problem entsteht erst durch das Bewusstsein des Menschen; sein Bewusstsein verstrickt und verwirrt sich. Im entscheidenden Augenblick, wenn es einfach darum geht, dass die Emanationen sich bemerkbar machen, fühlt sich das Bewusstsein des Menschen gezwungen, diesen Vorgang zu interpretieren. Das Ergebnis ist ein Bild des Adlers und der Emanationen des Adlers. Was es dort draußen gibt, ist etwas, das kein Lebender begreifen kann.“
„Sie nur, was gewisse Seher uns angetan haben. Da sitzen wir und kleben an ihrer Vision eines Adlers, der uns regiert und uns im Augenblick unseres Todes verschlingt.“
An dieser Vorstellung, sagte Don Juan, sei etwas eindeutig Nachlässiges. Er persönlich könne keinen Gefallen finden an der Vorstellung, dass irgendetwas uns am Ende verschlinge. Wenn es nach ihm ginge, meinte er, sollte man zutreffender sagen, dass da eine Kraft sei, die unser Bewusstsein anzieht, ähnlich wie ein Magnet Eisenspäne anzieht. Im Augenblick des Sterbens löse unser Sein sich dann auf in der Anziehung einer unendlichen Kraft.
Dass dieser Vorgang als ein uns verschlingender Adler interpretiert werden konnte, fand er grotesk, denn es mache aus diesem unbeschreiblichen Akt etwas so Alltägliches, wie das Gefressenwerden.
Die Emanationen des Adlers zu ‚sehen’, so meinte Don Juan, bedeute im Grunde, die Katastrophe heraufbeschwören. Die neuen Seher hätten gar bald die damit verbundenen, ungeheuren Schwierigkeiten entdeckt, und erst nach großer Bedrängnis und vielen Versuchen, das Unbekannte zu kartographieren und es von dem Unerkennbaren zu scheiden, hätten sie erkannt, dass alles, was ist, aus den Emanationen des Adlers besteht. Ein kleiner Teil dieser Emanationen sei dem menschlichen Bewusstsein zugänglich, und auch dieser kleine Teil werde durch die Zwänge unseres Alltagslebens auf einen winzigen Bruchteil weiterverringert. Dieser winzige Bruchteil der Emanationen des Adlers sei das Bekannte; der kleine Teil, der überhaupt dem menschlichen Bewusstsein zugänglich sei, sei das Unbekannte, und der unermessliche Rest sei das Unerkennbare.
Und weiter erzählte er, dass die neuen Seher, in ihrer praktischen Gesinnung, alsbald der unwiderstehlichen Macht der Emanationen gewahrten. Sie erkannten, dass alle Lebewesen mit den Emanationen des Adlers arbeiten müssen, ohne zu wissen, was sie eigentlich sind. Sie erkannten auch, dass die Organismen darauf eingerichtet sind, ein bestimmtes Spektrum dieser Emanationen zu erfassen und dass jeder Spezies ein bestimmtes Spektrum von Emanationen zukommt. Die Emanationen üben einen starken Druck auf die Organismen aus, und mittels dieses Drucks bauen die Organismen ihre wahrnehmbare Welt auf.
„Wir als Menschen“, sagte Don Juan, „arbeiten mit diesen Emanationen und interpretieren sie als Realität. Doch was der Mensch empfindet, ist ein so kleiner Teil der Emanationen des Adlers, dass es lächerlich wäre, sich groß auf unsere Wahrnehmung zu verlassen, und doch ist es uns nicht möglich, unsere Wahrnehmung zu ignorieren. Dies mussten die neuen Seher auf die Art lernen – und unter dem Risiko unabsehbarer Gefahren.“
„Wie nutzt der Mensch die Emanationen, Don Juan?“
„Es ist so einfach, dass es idiotisch klingt. Für einen Seher sind die Menschen leuchtende Wesen. Unsere Leuchtkraft besteht aus jenem Teil der Emanationen des Adlers, der in unseren eiförmigen Kokon eingeschlossen ist. Dieser kleine Teil, diese Handvoll eingeschlossener Emanationen ist das, was uns zu Menschen macht.
Wahrnehmen heißt, die im inneren des Kokons enthaltenen Emanationen in Übereinstimmung zu bringen mit jenen außerhalb.
Die Seher können zum Beispiel die Emanationen im Inneren des Kokon ‚sehen’ und erkennen, welche der äußeren Emanationen mit ihnen übereinstimmen.“
„Sind die Emanationen so etwas wie Lichtstrahlen?“ fragte ich.
„Nein. Gar nicht. Das wäre zu einfach. Sie sind etwas Unbeschreibliches. Und doch würde ich sagen, sie sind so etwas wie Lichtfäden. Was dem Normal-Bewusstsein unbegreiflich ist, ist die Tatsache, dass diese Fäden bewusst sind. Ich kann dir nicht sagen, was dies bedeutet, weil ich das, wovon ich rede, nicht mit Sicherheit weiß. Mit meiner persönlichen Auffassung kann ich dir nur drei Dinge sagen: Die Fäden sind sich ihrer selbst bewusst, lebendig und vibrierend. Es sind so viele, dass Zahlenangaben sinnlos wären. Und jeder einzelne ist für sich selbst eine Ewigkeit.“
(aus „Das Feuer von innen“)
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Samstag, 11. September 2010
Innere Stille
Ziel des Nicht-Tuns ist das Erreichen eines besonderen Wahrnehmungszustandes den die Zauberer über alles schätzen, die innere Stille. In der inneren Stille ist das Kreisen des inneren Dialoges ausgesetzt. Bei dem Versuch den inneren Dialog abzustellen, erlebt man jedoch leicht eine verheerende Überraschung. Man schafft es schlicht nicht, ihm Einhalt zu gebieten, und dieses Unvermögen, die eigenen Gedanken abzustellen, wirft eine sehr interessante Frage auf: Warum sind wir nicht in der Lage, die eigenen Gedanken zu kontrollieren? Oder liegt der Fehler vielleicht schon in der Annahme, es wären die eigenen Gedanken?
Wenn unser Körper in den Zustand der inneren Stille eintritt, wird unsere Wahrnehmung sehr fließend. Sie muß nicht mehr an der gewohnten Welt festhalten. Wie in einem Traum können sich dann Wahrnehmungen in andere Wahrnehmungen verwandeln. Dies alles rührt daher, daß der Montagepunkt seine Fixierung auf die Position der Alltagswelt verloren hat.
Wenn unser Körper in den Zustand der inneren Stille eintritt, wird unsere Wahrnehmung sehr fließend. Sie muß nicht mehr an der gewohnten Welt festhalten. Wie in einem Traum können sich dann Wahrnehmungen in andere Wahrnehmungen verwandeln. Dies alles rührt daher, daß der Montagepunkt seine Fixierung auf die Position der Alltagswelt verloren hat.
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