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Namasté

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Dienstag, 14. September 2010

Kontrollierte Torheit

„Meine Handlungen sind aufrichtig“, sagte Don Juan“, aber sie sind nur die Handlungen eines Schauspielers.“
„Dann muss alles, was du tust, kontrollierte Torheit sein“, sagte ich, ehrlich überrascht.
„Ja, alles“, sagte er.
„Aber es kann doch nicht wahr sein“, wandte ich ein, „dass alle deine Handlungen nur kontrollierte Torheit sind.“
„Warum nicht?“ sagte er und sah mich geheimnisvoll an.
„Das würde heißen, dass im Grunde nichts an dich herankommt und dass dir an keiner Sache und keiner Person wirklich liegt. Nimm mich, zum Beispiel. Willst du sagen, dass es dir egal ist, ob ich ein Wissender werde oder nicht, oder ob ich lebe oder sterbe oder sonst was tu?“
„Richtig! So ist es. Du bist wie Lucio (Don Juans Enkelsohn) oder wie jeder andere in meinem Leben, meiner kontrollierten Torheit.“
Ich hatte ein eigenartig leeres Gefühl. Selbstverständlich gab es keinen Grund, warum Don Juan an mir etwas liegen sollte, aber andererseits war ich so gut wie sicher, dass er persönlich Anteil an mir nahm. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen, da er mir immer seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ich hatte den Verdacht, dass Don Juan dies, weil er sich über mich ärgerte. Immerhin hatte ich seine Lehren abgebrochen.
„Ich glaube, dass wir nicht über dasselbe sprechen“, sagte ich. „Ich hätte mich aus dem Spiel lassen sollen. Was ich sagen wollte, war, dass es irgend etwas auf der Welt geben muss, an dem dir in einer Weise liegt, die du nicht als kontrollierte Torheit bezeichnest. Ich glaube nicht, dass man weiterleben kann, wenn einem nichts nahe geht.“
„Das trifft auf dich zu“, sagte er. „Dir gehen die Dinge nahe. Du hast mich nach meiner kontrollierten Torheit gefragt, und ich habe dir geantwortet, dass alles, was ich in Bezug auf mich und meine Mitmenschen unternehme, Torheit ist, weil nichts wichtig ist.“
„Ich meine folgendes, Don Juan: wenn dir nichts nahe geht, wie kannst du dann weiterleben?“
Er lachte, und nach einer kurzen Pause, während er zu überlegen schien, ob er mir antworten sollte, stand er auch und ging hinter das Haus. Ich folgte ihm.
„Warte, Don Juan, warte“, rief ich. „Ich möchte es wirklich wissen. Du musst mir erklären, was du meinst.“
„Vielleicht kann man es nicht erklären“, sagte er. „Dir gehen bestimmte Dinge in deinem Leben nahe, weil sie wichtig sind. Deine Handlungen sind für dich sicher wichtig, aber für mich ist gar nichts mehr wichtig, weder meine Handlungen noch die Handlungen irgendeines meiner Mitmenschen. Ich lebe trotzdem weiter, weil ich meinen Willen habe. Weil ich mein ganzes Leben lang meinen Willen gezähmt habe, bis er klar und dienstbar wurde, und jetzt macht es mir nichts mehr aus, dass nichts wichtig ist. Mein Wille kontrolliert die Torheit meines Lebens.“
Er hockte sich nieder und fuhr mit den Fingern über ein paar Kräuter, die er auf einem großen Stück Sackleinen in die Sonne zum Trocknen gelegt hatte. Ich war verblüfft. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Frage in eine solche Richtung führen würde. Nach einer langen Pause fiel mir ein guter Einwand ein. Ich sagte, dass für mich gewisse Handlungen meiner Mitmenschen von größter Bedeutung seien. Ich erwähnte den Atomkrieg als das zweifellos drastische Beispiel einer solchen Handlung. Die Zerstörung des Lebens auf der Erde, sagte ich, sei für mich eine erschreckende Ungeheuerlichkeit.
„Das glaubst du, weil du dir Gedanken machst. Du denkst über das Leben nach“, sagte Don Juan augenzwinkernd. „Du ‚siehst’ nicht.“
„Wäre ich anderer Meinung, wenn ich ‚sehen’ würde?“
„Sobald ein Mann ‚sehen’ lernt, stellt er fest, dass er allein auf der Welt und nur von Torheit umgeben ist“, sagte Don Juan rätselhaft.
Er machte eine Pause und sah mich an, als wolle er die Wirkung seiner Worte abschätzen.
„Deine Handlungen, wie auch die Handlungen deiner Mitmenschen im allgemeinen, erscheinen dir wichtig, weil du gelernt hast, sie wichtig zu nehmen.“
Er sprach das Wort „gelernt“ mit so eigenartiger Betonung aus, dass ich ihn fragen musste, was er damit meinte.
„Wir lernen, über alles nachzudenken, und dann üben wir unsere Augen darin, die Dinge so zu sehen, wie wir über sie denken. Wir schauen uns an und sind im voraus überzeugt, dass wir wichtig sind. Darum müssen wir uns wichtig ‚vorkommen’! Aber wenn ein Mann ‚sehen’ lernt, erkennt er, dass er nicht länger über die Dinge nachdenken kann, die er anschaut, und wenn er erkennt, dass er über das, was er sieht, nicht mehr nachdenken kann, dann wird alles unwichtig.“

„Wie übt ein Wissender seine kontrollierte Torheit, wenn ein Mensch, den er liebt, stirbt?“ fragte ich.
Don Juan war von meiner Frage überrascht und sah mich belustigt an.
„Nimm zum Beispiel deinen Enkel Lucio“, sagte ich. „Wenn er stürbe, wäre dann dein Handeln kontrollierte Torheit?“
„Sprechen wir lieber von meinem Sohn Eulalio“, antwortete Don Juan ruhig, „das ist ein besseres Beispiel. Er wurde bei den Bauarbeiten am Pan American Highway von herabfallenden Gestein zerschmettert. Mein Verhalten ihm gegenüber, im Augenblick seines Todes, war kontrollierte Torheit. Als ich auf dem Sprengplatz ankam, war er fast tot, aber sein Körper war so stark, dass er sich noch immer bewegte und aufbäumte. Ich stand vor ihm und sagte den Leuten von der Straßenbaugruppe, sie sollten ihn nicht forttragen. Sie gehorchten und standen dort um meinen Sohn herum und schauten auf seinen verstümmelten Körper herab. Auch ich stand dort, aber ich schaute nicht hin. Ich veränderte meine Augen um zu ‚sehen’, wie sein persönliches Leben sich auflöste und sich unkontrollierbar über seine Grenzen hinaus ausdehnte, wie ein Kristallnebel; denn so ist es, wenn Leben und Tod sich verbinden und ausdehnen. So verhielt ich mich, als mein Sohn starb. Das ist alles, was man überhaupt tun kann, und es ist kontrollierte Torheit. Hätte ich ihn angeschaut, dann hätte ich beobachtet, wie er allmählich erstarrte, und ich hätte in meinem Inneren einen Schrei gespürt, weil ich nie wieder seine schöne Gestalt über die Erde würde schreiten sehen. Statt dessen ‚sah’ ich seinen Tod, und da war keine Trauer, kein Gefühl. Sein Tod war allem anderen gleich.“


Aus „Eine andere Wirklichkeit“

Montag, 13. September 2010

8 Punkte

Don Juan streute neben der Laterne etwas Asche auf den Boden, auf eine Fläche von etwa 50 x 50 Zentimeter, und zeichnete mit dem Finger ein Diagramm – ein Diagramm, das acht miteinander durch Linien verbundene Punkte aufwies. Es war eine geometrische Figur.
Schon vor Jahren hatte er einmal ein ähnliches gezeichnet, als er mit zu erklären versuchte, dass es keine Illusion gewesen sei, als ich das gleiche Blatt viermal vom gleichen Baum herabfallen sah.
Das in die Asche gezeichnete Diagramm hatte zwei Epizentren; das eine nannte er „Vernunft“, das andere „Wille“.
„Vernunft“ war direkt mit einem Punkt verbunden, den er „Sprechen“ nannte; durch „Sprechen“ war „Vernunft“ indirekt mit drei anderen Punkten verbunden, nämlich „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“. Das andere Epizentrum, „Wille“, war direkt mit „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“ verbunden, aber auch indirekt mit „Vernunft“ und „Sprechen“.
Ich wandte ein, dass das Diagramm sich von demjenigen unterschied, das er vor Jahren aufgezeichnet hatte.
„Die äußere Form ist bedeutungslos“, sagte er. „Diese Punkte stellen einen Menschen dar und können gezeichnet werden, wie es einem beliebt.“
„Stellen sie den Körper eines Menschen dar?“ fragte ich.
„Nenne es nicht Körper. Dies sind acht Punkt auf den Fasern eines leuchtenden Wesens. Der Zauberer sagt nun, dass ein Mensch, wie du aus dem Diagramm ersiehst, vor allem Wille ist, denn Wille ist direkt mit den drei Punkten Fühlen, Träumen und Sehen verbunden; sodann ist der Mensch Vernunft. Die ist, genau genommen, ein kleineres Zentrum als Wille; es ist nur mit Sprechen verbunden.“
„Was sind die zwei anderen Punkte, Don Juan?“
Er sah mich an und lächelte.
„Heute bist du viel stärker als damals, als wir zum ersten Mal über dieses Diagramm sprachen. Aber du bist noch nicht stark genug, um alle acht Punkte zu kennen. Eines Tages wird dir Genaro die beiden anderen zeigen.“
„Hat jeder Mensch diese acht Punkte oder nur die Zauberer?“
„Man kann wohl sagen, dass jeder acht Punkte mit auf die Welt bringt. Zwei von ihnen, Vernunft und Sprechen, kennt jeder. Fühlen ist immer unbestimmt, aber irgendwie bekannt. Doch nur in der Welt der Zauberer wird man mit Träumen, Sehen und Wille gänzlich vertraut. Und schließlich findet man am äußeren Rand dieser Welt die anderen zwei.
Diese acht Punkte bilden die Ganzheit des Selbst.“
Er zeigte mir auf dem Diagramm, dass im Grunde alle acht Punkt indirekt miteinander verbunden werden könnten. Ich fragte ihn nach den beiden übrigen geheimnisvollen Punkten. Er zeigte mir, dass sie nur mit „Wille“ verbunden waren, dass sie von „Fühlen“, „Träumen“ und „Sehen“ entfernt lagen und noch viel ferner von „Sprechen“ und „Vernunft“. Er zeigte mit dem Finger darauf, um mir zu zeigen, dass sie von den anderen und auch voneinander getrennt waren.
„Diese zwei Punkte werden sich niemals dem Sprechen oder der Vernunft unterordnen“, sagte er. „Nur der Wille kann sie beeinflussen. Vernunft ist so weit von ihnen entfernt, dass es völlig nutzlos ist, sie vernünftig ergründen zu wollen. Dies ist eines der am schwersten verstehbaren Dinge. Immerhin ist es das Privileg der Vernunft, dass sie alles vernünftelnd ergründen will.“

Sonntag, 12. September 2010

Das Feuer von Innen --- Der Adler

Die alten Seher sahen, dass es der Adler ist, der Bewusstsein verleiht. Der Adler schafft alle lebenden Wesen, auf dass sie leben und ihr Bewusstsein bereichern, das er ihnen zusammen mit dem Leben schenkt. Sie sahen auch, dass es der Adler ist, der eben dieses bereicherte Bewusstsein verschlingt, da er die Lebewesen zwingt, es im Augenblick ihres Todes aufzugeben.

„Aber was für eine Kraft ist denn der Adler?“ fragte ich.
„Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Der Adler ist für die Seher etwas so reales, wie Schwerkraft und Zeit es für dich sind – genauso abstrakt und unvorstellbar.“
„Warte mal, Don Juan. Dies sind abstrakte Begriffe, aber sie beziehen sich doch auf reale Phänomene, die verifiziert werden können. Ganze Wissenschaften befassen sich mit nichts anderem.“
„Der Adler und seine Emanationen sind ebenso verifizierbar. Und genau damit befasst sich die Wissenschaft der neuen Seher.“
Ich bat ihn, mich aufzuklären, was denn die Emanationen des Adlers wären.
Die Emanationen des Adlers, sagte er, seien ein unwandelbares Ding an sich, das alles Existierende einbegreife, das Erkennbare, wie das Unerkennbare.
„Was die Emanationen des Adlers wirklich sind, kann man nicht mit Worten beschreiben“, fuhr Don Juan fort. „Ein Seher muss sie erleben.“

„Würdest du sagen, Don Juan, dass der Adler der Ursprung der Emanationen ist?“
„Selbstverständlich ist der Adler der Ursprung der Emanationen.“
„Ich meine, ob er sichtbar der Ursprung ist.“
„Nichts am Adler ist sichtbar. Der ganze Körper eines Sehers spürt den Adler. Es gibt etwas in uns allen, das uns befähigt, ihn mit unserem ganzen Körper zu erleben. Die Seher haben eine einfache Erklärung für das ‚Sehen’ des Adlers: Weil der Mensch aus den Emanationen des Adlers besteht, braucht der Mensch nur auf seine eigenen Elemente zu achten. Das Problem entsteht erst durch das Bewusstsein des Menschen; sein Bewusstsein verstrickt und verwirrt sich. Im entscheidenden Augenblick, wenn es einfach darum geht, dass die Emanationen sich bemerkbar machen, fühlt sich das Bewusstsein des Menschen gezwungen, diesen Vorgang zu interpretieren. Das Ergebnis ist ein Bild des Adlers und der Emanationen des Adlers. Was es dort draußen gibt, ist etwas, das kein Lebender begreifen kann.“

„Sie nur, was gewisse Seher uns angetan haben. Da sitzen wir und kleben an ihrer Vision eines Adlers, der uns regiert und uns im Augenblick unseres Todes verschlingt.“
An dieser Vorstellung, sagte Don Juan, sei etwas eindeutig Nachlässiges. Er persönlich könne keinen Gefallen finden an der Vorstellung, dass irgendetwas uns am Ende verschlinge. Wenn es nach ihm ginge, meinte er, sollte man zutreffender sagen, dass da eine Kraft sei, die unser Bewusstsein anzieht, ähnlich wie ein Magnet Eisenspäne anzieht. Im Augenblick des Sterbens löse unser Sein sich dann auf in der Anziehung einer unendlichen Kraft.
Dass dieser Vorgang als ein uns verschlingender Adler interpretiert werden konnte, fand er grotesk, denn es mache aus diesem unbeschreiblichen Akt etwas so Alltägliches, wie das Gefressenwerden.

Die Emanationen des Adlers zu ‚sehen’, so meinte Don Juan, bedeute im Grunde, die Katastrophe heraufbeschwören. Die neuen Seher hätten gar bald die damit verbundenen, ungeheuren Schwierigkeiten entdeckt, und erst nach großer Bedrängnis und vielen Versuchen, das Unbekannte zu kartographieren und es von dem Unerkennbaren zu scheiden, hätten sie erkannt, dass alles, was ist, aus den Emanationen des Adlers besteht. Ein kleiner Teil dieser Emanationen sei dem menschlichen Bewusstsein zugänglich, und auch dieser kleine Teil werde durch die Zwänge unseres Alltagslebens auf einen winzigen Bruchteil weiterverringert. Dieser winzige Bruchteil der Emanationen des Adlers sei das Bekannte; der kleine Teil, der überhaupt dem menschlichen Bewusstsein zugänglich sei, sei das Unbekannte, und der unermessliche Rest sei das Unerkennbare.
Und weiter erzählte er, dass die neuen Seher, in ihrer praktischen Gesinnung, alsbald der unwiderstehlichen Macht der Emanationen gewahrten. Sie erkannten, dass alle Lebewesen mit den Emanationen des Adlers arbeiten müssen, ohne zu wissen, was sie eigentlich sind. Sie erkannten auch, dass die Organismen darauf eingerichtet sind, ein bestimmtes Spektrum dieser Emanationen zu erfassen und dass jeder Spezies ein bestimmtes Spektrum von Emanationen zukommt. Die Emanationen üben einen starken Druck auf die Organismen aus, und mittels dieses Drucks bauen die Organismen ihre wahrnehmbare Welt auf.
„Wir als Menschen“, sagte Don Juan, „arbeiten mit diesen Emanationen und interpretieren sie als Realität. Doch was der Mensch empfindet, ist ein so kleiner Teil der Emanationen des Adlers, dass es lächerlich wäre, sich groß auf unsere Wahrnehmung zu verlassen, und doch ist es uns nicht möglich, unsere Wahrnehmung zu ignorieren. Dies mussten die neuen Seher auf die Art lernen – und unter dem Risiko unabsehbarer Gefahren.“

„Wie nutzt der Mensch die Emanationen, Don Juan?“
„Es ist so einfach, dass es idiotisch klingt. Für einen Seher sind die Menschen leuchtende Wesen. Unsere Leuchtkraft besteht aus jenem Teil der Emanationen des Adlers, der in unseren eiförmigen Kokon eingeschlossen ist. Dieser kleine Teil, diese Handvoll eingeschlossener Emanationen ist das, was uns zu Menschen macht.
Wahrnehmen heißt, die im inneren des Kokons enthaltenen Emanationen in Übereinstimmung zu bringen mit jenen außerhalb.
Die Seher können zum Beispiel die Emanationen im Inneren des Kokon ‚sehen’ und erkennen, welche der äußeren Emanationen mit ihnen übereinstimmen.“
„Sind die Emanationen so etwas wie Lichtstrahlen?“ fragte ich.
„Nein. Gar nicht. Das wäre zu einfach. Sie sind etwas Unbeschreibliches. Und doch würde ich sagen, sie sind so etwas wie Lichtfäden. Was dem Normal-Bewusstsein unbegreiflich ist, ist die Tatsache, dass diese Fäden bewusst sind. Ich kann dir nicht sagen, was dies bedeutet, weil ich das, wovon ich rede, nicht mit Sicherheit weiß. Mit meiner persönlichen Auffassung kann ich dir nur drei Dinge sagen: Die Fäden sind sich ihrer selbst bewusst, lebendig und vibrierend. Es sind so viele, dass Zahlenangaben sinnlos wären. Und jeder einzelne ist für sich selbst eine Ewigkeit.“

(aus „Das Feuer von innen“)
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Samstag, 11. September 2010

Innere Stille

Ziel des Nicht-Tuns ist das Erreichen eines besonderen Wahrnehmungszustandes den die Zauberer über alles schätzen, die innere Stille. In der inneren Stille ist das Kreisen des inneren Dialoges ausgesetzt. Bei dem Versuch den inneren Dialog abzustellen, erlebt man jedoch leicht eine verheerende Überraschung. Man schafft es schlicht nicht, ihm Einhalt zu gebieten, und dieses Unvermögen, die eigenen Gedanken abzustellen, wirft eine sehr interessante Frage auf: Warum sind wir nicht in der Lage, die eigenen Gedanken zu kontrollieren? Oder liegt der Fehler vielleicht schon in der Annahme, es wären die eigenen Gedanken?

Wenn unser Körper in den Zustand der inneren Stille eintritt, wird unsere Wahrnehmung sehr fließend. Sie muß nicht mehr an der gewohnten Welt festhalten. Wie in einem Traum können sich dann Wahrnehmungen in andere Wahrnehmungen verwandeln. Dies alles rührt daher, daß der Montagepunkt seine Fixierung auf die Position der Alltagswelt verloren hat.

Freitag, 10. September 2010

Die Welt anstaunen

Der Name sagt eigentlich schon alles. Mit dieser Technik können Sie einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommen, wie die Welt in der inneren Stille aussieht. Lassen Sie Ihren Mund offenstehen, halten den Atem an und reißen Sie die Augen weit auf. Dann, wenn Sie nicht mehr wissen, was d-e-n-k-e-n eigentlich ist, bestaunen Sie das Wunder dieser Welt - diese rätselhaften Dinge - wie Autos, Baumstämme, Häuserfassaden - als wären Sie ein kleines Kind, das seine Nachbarschaft zum ersten Mal erblickt.

[...] Nie, außer jetzt, hat es Leben gegeben. Nie, außer jetzt, sind Menschen vorübergegangen. Nie, außer jetzt, hat es Häuser und Alleen gegeben, Luft und Horizont. Käme jetzt mein Freund Peyriet, ich würde ihm sagen, daß ich ihn nicht kenne und daß wir von vorne beginnen müssen. [...]
Jetzt kenne ich niemanden und nichts. Ich nehme mich in einem fremden Land wahr, in dem alles von Geburt an Umriß gewinnt, das Licht einer unvergänglichen Epiphanie. Nein, mein Herr. Sprechen Sie nicht zu diesem Herrn. Sie kennen ihn nicht, und ein so unvermutetes Gespräch würde ihn überraschen. Setzen Sie nicht den Fuß auf dieses Steinchen: vielleicht ist es kein Stein, und dann werden Sie ins Leere treten. Seien Sie vorsichtig, da wir uns in einer vollkommen unbekannten Welt befinden.
Welch kurze Zeit habe ich gelebt! Meine Geburt ist noch so neu, daß es keine Maßeinheit gibt, um mein Alter zu berechnen. Ich bin soeben geboren worden! [...] ich bin so winzig klein, daß der Tag kaum in mich hineinpaßt.
Nie, außer jetzt, habe ich das Dröhnen der Lastwagen gehört, die Steine für einen Großbau am Boulevard Haussmann laden. Nie, außer jetzt, bin ich parallel zum Frühling vorangeschritten und habe zu ihm gesagt: «Wäre der Tod ein anderer gewesen ...» Nie, außer jetzt, habe ich das goldene Sonnenlicht auf den Kuppeln von Sacré-Cœur gesehen. Nie, außer jetzt, ist ein kleiner Junge auf mich zugekommen und hat mich mit seinem Mund tief angeschaut. Nie, außer jetzt, wußte ich, daß es eine Tür gab [...]

aus César Vallejo, Menschliche Gedichte: Entdeckung des Lebens

Donnerstag, 9. September 2010

Die Folgen des Nicht-Tuns

All diese Nicht-Tu-Techniken klären in unserem Bewußtsein das Wissen um unsere zweite mysteriöse Seite, die der freien Wahrnehmung. Das Resultat davon ist die Notwendigkeit, die bislang einzig bekannte Seite von uns einer neuen Betrachtung zu unterziehen. Da wir sie nicht mehr für alles halten, was wir sind, können wir nun auch viele Selbstvorstellungen nicht mehr mit ihr identifizieren. Sie wird dafür zu einer äußerst funktionalen Seite unseres Bewußtseins die von den toltekischen Sehern als das Tonal bezeichnet wird. Das Tonal beinhaltet unsere Aufmerksamkeit für die bekannte Welt, uns eingeschlossen. Seine Natur ist dabei jedoch genauso rätselhaft wie die der unbekannte Seite. Um dies aber erkennen zu können, muß unser Denken sehr klar und transparent werden. Dies läßt sich nur durch das Nicht-Tun erreichen. Es ist schon komisch, wenn man schließlich feststellt, daß, um zu begreifen, was Denken eigentlich ist, man erst einmal damit aufhören muß, denn erst in der Stille des Denkens erfahren wir etwas über die Urgründe unseres Denkens.