Ziel des Nicht-Tuns ist das Erreichen eines besonderen Wahrnehmungszustandes den die Zauberer über alles schätzen, die innere Stille. In der inneren Stille ist das Kreisen des inneren Dialoges ausgesetzt. Bei dem Versuch den inneren Dialog abzustellen, erlebt man jedoch leicht eine verheerende Überraschung. Man schafft es schlicht nicht, ihm Einhalt zu gebieten, und dieses Unvermögen, die eigenen Gedanken abzustellen, wirft eine sehr interessante Frage auf: Warum sind wir nicht in der Lage, die eigenen Gedanken zu kontrollieren? Oder liegt der Fehler vielleicht schon in der Annahme, es wären die eigenen Gedanken?
Wenn unser Körper in den Zustand der inneren Stille eintritt, wird unsere Wahrnehmung sehr fließend. Sie muß nicht mehr an der gewohnten Welt festhalten. Wie in einem Traum können sich dann Wahrnehmungen in andere Wahrnehmungen verwandeln. Dies alles rührt daher, daß der Montagepunkt seine Fixierung auf die Position der Alltagswelt verloren hat.
Samstag, 11. September 2010
Freitag, 10. September 2010
Die Welt anstaunen
Der Name sagt eigentlich schon alles. Mit dieser Technik können Sie einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommen, wie die Welt in der inneren Stille aussieht. Lassen Sie Ihren Mund offenstehen, halten den Atem an und reißen Sie die Augen weit auf. Dann, wenn Sie nicht mehr wissen, was d-e-n-k-e-n eigentlich ist, bestaunen Sie das Wunder dieser Welt - diese rätselhaften Dinge - wie Autos, Baumstämme, Häuserfassaden - als wären Sie ein kleines Kind, das seine Nachbarschaft zum ersten Mal erblickt.
[...] Nie, außer jetzt, hat es Leben gegeben. Nie, außer jetzt, sind Menschen vorübergegangen. Nie, außer jetzt, hat es Häuser und Alleen gegeben, Luft und Horizont. Käme jetzt mein Freund Peyriet, ich würde ihm sagen, daß ich ihn nicht kenne und daß wir von vorne beginnen müssen. [...]
Jetzt kenne ich niemanden und nichts. Ich nehme mich in einem fremden Land wahr, in dem alles von Geburt an Umriß gewinnt, das Licht einer unvergänglichen Epiphanie. Nein, mein Herr. Sprechen Sie nicht zu diesem Herrn. Sie kennen ihn nicht, und ein so unvermutetes Gespräch würde ihn überraschen. Setzen Sie nicht den Fuß auf dieses Steinchen: vielleicht ist es kein Stein, und dann werden Sie ins Leere treten. Seien Sie vorsichtig, da wir uns in einer vollkommen unbekannten Welt befinden.
Welch kurze Zeit habe ich gelebt! Meine Geburt ist noch so neu, daß es keine Maßeinheit gibt, um mein Alter zu berechnen. Ich bin soeben geboren worden! [...] ich bin so winzig klein, daß der Tag kaum in mich hineinpaßt.
Nie, außer jetzt, habe ich das Dröhnen der Lastwagen gehört, die Steine für einen Großbau am Boulevard Haussmann laden. Nie, außer jetzt, bin ich parallel zum Frühling vorangeschritten und habe zu ihm gesagt: «Wäre der Tod ein anderer gewesen ...» Nie, außer jetzt, habe ich das goldene Sonnenlicht auf den Kuppeln von Sacré-Cœur gesehen. Nie, außer jetzt, ist ein kleiner Junge auf mich zugekommen und hat mich mit seinem Mund tief angeschaut. Nie, außer jetzt, wußte ich, daß es eine Tür gab [...]
aus César Vallejo, Menschliche Gedichte: Entdeckung des Lebens
[...] Nie, außer jetzt, hat es Leben gegeben. Nie, außer jetzt, sind Menschen vorübergegangen. Nie, außer jetzt, hat es Häuser und Alleen gegeben, Luft und Horizont. Käme jetzt mein Freund Peyriet, ich würde ihm sagen, daß ich ihn nicht kenne und daß wir von vorne beginnen müssen. [...]
Jetzt kenne ich niemanden und nichts. Ich nehme mich in einem fremden Land wahr, in dem alles von Geburt an Umriß gewinnt, das Licht einer unvergänglichen Epiphanie. Nein, mein Herr. Sprechen Sie nicht zu diesem Herrn. Sie kennen ihn nicht, und ein so unvermutetes Gespräch würde ihn überraschen. Setzen Sie nicht den Fuß auf dieses Steinchen: vielleicht ist es kein Stein, und dann werden Sie ins Leere treten. Seien Sie vorsichtig, da wir uns in einer vollkommen unbekannten Welt befinden.
Welch kurze Zeit habe ich gelebt! Meine Geburt ist noch so neu, daß es keine Maßeinheit gibt, um mein Alter zu berechnen. Ich bin soeben geboren worden! [...] ich bin so winzig klein, daß der Tag kaum in mich hineinpaßt.
Nie, außer jetzt, habe ich das Dröhnen der Lastwagen gehört, die Steine für einen Großbau am Boulevard Haussmann laden. Nie, außer jetzt, bin ich parallel zum Frühling vorangeschritten und habe zu ihm gesagt: «Wäre der Tod ein anderer gewesen ...» Nie, außer jetzt, habe ich das goldene Sonnenlicht auf den Kuppeln von Sacré-Cœur gesehen. Nie, außer jetzt, ist ein kleiner Junge auf mich zugekommen und hat mich mit seinem Mund tief angeschaut. Nie, außer jetzt, wußte ich, daß es eine Tür gab [...]
aus César Vallejo, Menschliche Gedichte: Entdeckung des Lebens
Donnerstag, 9. September 2010
Die Folgen des Nicht-Tuns
All diese Nicht-Tu-Techniken klären in unserem Bewußtsein das Wissen um unsere zweite mysteriöse Seite, die der freien Wahrnehmung. Das Resultat davon ist die Notwendigkeit, die bislang einzig bekannte Seite von uns einer neuen Betrachtung zu unterziehen. Da wir sie nicht mehr für alles halten, was wir sind, können wir nun auch viele Selbstvorstellungen nicht mehr mit ihr identifizieren. Sie wird dafür zu einer äußerst funktionalen Seite unseres Bewußtseins die von den toltekischen Sehern als das Tonal bezeichnet wird. Das Tonal beinhaltet unsere Aufmerksamkeit für die bekannte Welt, uns eingeschlossen. Seine Natur ist dabei jedoch genauso rätselhaft wie die der unbekannte Seite. Um dies aber erkennen zu können, muß unser Denken sehr klar und transparent werden. Dies läßt sich nur durch das Nicht-Tun erreichen. Es ist schon komisch, wenn man schließlich feststellt, daß, um zu begreifen, was Denken eigentlich ist, man erst einmal damit aufhören muß, denn erst in der Stille des Denkens erfahren wir etwas über die Urgründe unseres Denkens.
Mittwoch, 8. September 2010
Das Nicht-Tun
Um das Konzept des Nicht-Tuns wie es von Castaneda beschrieben wurde zu erfassen, gibt es zwei Wege, einen theoretischen und einen praktischen. Beide sollen im folgenden kurz angerissen werden. Das theoretische Verstehen des Nicht-Tuns ist allerdings ziemlich schwierig, da es sich in einem abstrakten Raum abspielt. Außerdem, warum über Bewußtseinserweiterung reden, wenn man sie doch praktizieren kann?
Die Kontinuität unserer Alltagswelt läßt sich vor diesem Hintergrund verstehen als ein kontinuierlicher Fluß der Akte unserer Tuns. Wir sehen diese Welt (das Tun des Sehens) und interpretieren sie, wir denken über sie nach (das Tun des Denkens), wir sprechen über sie, alles in der Form der uns gewohnten Akte des Tuns. Wir halten die Welt aufrecht mit unserem Tun, denn die Welt, so wie sie in unserem Bewußtsein erscheint, erscheint dort nur kraft unseres stetigen Tuns.
Wenn das Tun eines Tuns der Aufrechterhaltung der Alltagswelt dient, so ist ein Nicht-Tun sein naürlicher Gegenspieler. Ein Nicht-Tun ist ein fremdartiges Element, mit dem wir den gewohnten Fluß der Wahrnehmung unserer Alltagswelt unterbrechen wollen. Der Fluß der Wahrnehmung verhält sich dabei nicht unähnlich den natürlichen Flüssen. Der unterbrochene Fluß staut sich zurück, er sammelt Kraft, um schließlich über die Ufer zu treten. Das Land, welches er dabei erobert, ist wirkliches Neuland. Noch nie hatte der Fluß dieses Land gesehen. Der Horizont seiner Wahrnehmung war durch die Ufer seines (selbst gegrabenen) Flußbettes beschränkt.
Das Nicht-Tun verändert unsere Wahrnehmung. Normalerweise glauben wir (natürlich ohne bewußt darüber nachzudenken), daß wenn die Wahrnehmung unserer gewohnten Welt aufhört, wir dann sterben würden. Die Übungen des Nicht-Tuns belehren uns jedoch eines besseren. Der Strom der Wahrnehmung reißt mitnichten ab, er sucht sich bloß neue Gebiete.
So, Sie müssen trotzdem verstehen?
Laut Castaneda ist alles, was wir in der Alltagswelt tun, das Tun eines sogenanntes Tuns. Man könnte eine Aufzählung beginnen mit etwa, das Tun des Essens, das Tun des Denkens, das Tun des Redens, das Tun des Schlafens, das Tun des Blickens, usf. In unserem normalen Verhaltensrepertoire verfügen wir über eine Vielzahl von Möglichkeiten des Tuns, jedoch erschöpft sich auch diese Liste irgendwann. So hat denn die deutsche Sprache lediglich eine endliche Anzahl von Verben, oder wenn dieser Ausflug in Ihre frühere Schulzeit gestattet ist, von Tu-Wörtern.Die Kontinuität unserer Alltagswelt läßt sich vor diesem Hintergrund verstehen als ein kontinuierlicher Fluß der Akte unserer Tuns. Wir sehen diese Welt (das Tun des Sehens) und interpretieren sie, wir denken über sie nach (das Tun des Denkens), wir sprechen über sie, alles in der Form der uns gewohnten Akte des Tuns. Wir halten die Welt aufrecht mit unserem Tun, denn die Welt, so wie sie in unserem Bewußtsein erscheint, erscheint dort nur kraft unseres stetigen Tuns.
Wenn das Tun eines Tuns der Aufrechterhaltung der Alltagswelt dient, so ist ein Nicht-Tun sein naürlicher Gegenspieler. Ein Nicht-Tun ist ein fremdartiges Element, mit dem wir den gewohnten Fluß der Wahrnehmung unserer Alltagswelt unterbrechen wollen. Der Fluß der Wahrnehmung verhält sich dabei nicht unähnlich den natürlichen Flüssen. Der unterbrochene Fluß staut sich zurück, er sammelt Kraft, um schließlich über die Ufer zu treten. Das Land, welches er dabei erobert, ist wirkliches Neuland. Noch nie hatte der Fluß dieses Land gesehen. Der Horizont seiner Wahrnehmung war durch die Ufer seines (selbst gegrabenen) Flußbettes beschränkt.
Das Nicht-Tun verändert unsere Wahrnehmung. Normalerweise glauben wir (natürlich ohne bewußt darüber nachzudenken), daß wenn die Wahrnehmung unserer gewohnten Welt aufhört, wir dann sterben würden. Die Übungen des Nicht-Tuns belehren uns jedoch eines besseren. Der Strom der Wahrnehmung reißt mitnichten ab, er sucht sich bloß neue Gebiete.
Die Praxis!
Es gibt unzählige Arten des Nicht-Tuns, von denen hier einige aus den Büchern Castanedas herausgegriffen sind. Mit beharrlichem Üben klärt sich der Sinn dieser Übungen zusehends. Oder haben Sie schon alles verstanden? Allerdings möchte ich noch ergänzen, daß nicht zu jedem Zeitpunkt alle Übungen gleich praktikabel sind. Sie müssen schon selbst herausfinden, welche Übungen Ihnen jeweils helfen sollen und welche nicht.Dienstag, 7. September 2010
Die Regel des Nagual - Die Befehle des Adlers
"Zu dem Zweck, die Lebewesen zu diesem Durchlaß hinzuführen, hat der Adler den Nagual geschaffen. Der Nagual ist ein Doppelwesen, dem die Regel offenbart wurde. Der Nagual - sei es in Gestalt eines Menschen, eines Tieres, einer Pflanze oder sonst eines lebenden Dinges - fühlt sich kraft seines Doppeltseins gedrängt, diesen verborgenen Durchlaß zu suchen.
Der Nagual tritt paarweise auf, als Mann und als Frau. Ein doppelter Mann und eine doppelte Frau werden erst dann zum Nagual, wenn jedem von ihnen die Regel verkündet wurde und jeder von ihnen sie in vollem Umfang akzeptiert hat."
"Der Adler schuf den ersten Nagual-Mann und die erste Nagual-Frau als Sehende und setzte sie sogleich in die Welt zum Sehen. Er gab ihnen vier weibliche Krieger, die Pirscher waren, drei männliche Krieger und einen männlichen Kurier, die sie nähren, fördern und zur Freiheit führen sollten."
"Um die Sache zu vereinfachen, zeigte der Adler dem Nagual-Mann und der Nagual-Frau, daß alle diese vier männlichen und vier weiblichen Typen bei den Männern und Frauen dieser Welt besondere Merkmale am leuchtenden Körper aufweisen."
"Der erste Befehl, den der Adler dem Nagual-Mann und der Nagual-Frau gab, war, von sich aus eine weitere Gruppe von vier Richtungen zu finden, vier Kriegerinnen, die zwar exakte Kopien der Pirscher, allerdings Träumer waren."
"Alsdann erhielten der Nagual und sein Trupp den Befehl, eine Gruppe von drei Kurieren zu finden, entweder eine Gruppe von Männern, oder eine Gruppe von Frauen, oder eine gemischte Gruppe; es wurde ihnen aufgetragen, daß die männlichen Kuriere dem vierten Männertyp, dem des Gehilfen, angehören müßten. Die Frauen mußten von der Art des Südens sein.
Um sicherzustellen, daß der erste Nagual-Mann seinen Trupp zur Freiheit führte und nicht von seinem Weg abwich oder sich verderben ließ, holte der Adler die Nagual-Frau in die andere Welt, wo sie als Leuchtfeuer diente, das den Trupp zum Durchlaß hingeleitete.
Dann erhielten der Nagual und seine Krieger den Befehl, zu vergessen. Sie wurden in Dunkelheit gestürzt und erhielten neue Aufgaben; die Aufgabe, sich zu erinnern, und die Aufgabe, sich an den Adler zu erinnern.
Der Befehl zu vergessen, war so stark, daß er alle voneinander trennte. Sie erinnerten sich nicht mehr, wer sie waren. Der Adler hatte die Absicht, daß sie, wenn sie sich wieder erinnerten, die Ganzheit ihres Selbst finden würden. Erst dann hätten sie die notwendige Stärke und Ausdauer, um ihre endgültige Reise anzustreben und zu ertragen.
Ihre letzte Aufgabe, nachdem sie die Ganzheit ihres Selbst errungen hatten, bestand darin, ein neues Paar von Doppelwesen zu finden und sie zu einem neuen Nagual-Mann und einer Nagual-Frau zu machen, indem sie ihnen die Regel offenbarten. Und genau wie der erste Nagual-Mann und die erste Nagual-Frau nur mit einem kleinstmöglichen Trupp versorgt waren, mußten sie das neue Nagual-Paar mit vier weiblichen Kriegern ausstatten, die Pirscher waren, drei männlichen Kriegern und einem männlichen Kurier.
Als der erste Nagual-Mann und sein Trupp bereit waren, durch den Durchlaß zu gehen, wartete dort schon die erste Nagual-Frau, um sie zu führen. Dann erhielten sie den Befehl, die neue Nagual-Frau in die andere Welt mitzunehmen, damit sie ihren Leuten als Leuchtfeuer diene, und den neuen Nagual-Mann in der Welt zu lassen, damit er den Kreislauf wiederhole."
Don Juan in Carlos Castaneda, Die Gabe des Adlers (Die kunst des Pirschens)
Der Nagual tritt paarweise auf, als Mann und als Frau. Ein doppelter Mann und eine doppelte Frau werden erst dann zum Nagual, wenn jedem von ihnen die Regel verkündet wurde und jeder von ihnen sie in vollem Umfang akzeptiert hat."
"Der Adler schuf den ersten Nagual-Mann und die erste Nagual-Frau als Sehende und setzte sie sogleich in die Welt zum Sehen. Er gab ihnen vier weibliche Krieger, die Pirscher waren, drei männliche Krieger und einen männlichen Kurier, die sie nähren, fördern und zur Freiheit führen sollten."
"Um die Sache zu vereinfachen, zeigte der Adler dem Nagual-Mann und der Nagual-Frau, daß alle diese vier männlichen und vier weiblichen Typen bei den Männern und Frauen dieser Welt besondere Merkmale am leuchtenden Körper aufweisen."
"Der erste Befehl, den der Adler dem Nagual-Mann und der Nagual-Frau gab, war, von sich aus eine weitere Gruppe von vier Richtungen zu finden, vier Kriegerinnen, die zwar exakte Kopien der Pirscher, allerdings Träumer waren."
"Alsdann erhielten der Nagual und sein Trupp den Befehl, eine Gruppe von drei Kurieren zu finden, entweder eine Gruppe von Männern, oder eine Gruppe von Frauen, oder eine gemischte Gruppe; es wurde ihnen aufgetragen, daß die männlichen Kuriere dem vierten Männertyp, dem des Gehilfen, angehören müßten. Die Frauen mußten von der Art des Südens sein.
Um sicherzustellen, daß der erste Nagual-Mann seinen Trupp zur Freiheit führte und nicht von seinem Weg abwich oder sich verderben ließ, holte der Adler die Nagual-Frau in die andere Welt, wo sie als Leuchtfeuer diente, das den Trupp zum Durchlaß hingeleitete.
Dann erhielten der Nagual und seine Krieger den Befehl, zu vergessen. Sie wurden in Dunkelheit gestürzt und erhielten neue Aufgaben; die Aufgabe, sich zu erinnern, und die Aufgabe, sich an den Adler zu erinnern.
Der Befehl zu vergessen, war so stark, daß er alle voneinander trennte. Sie erinnerten sich nicht mehr, wer sie waren. Der Adler hatte die Absicht, daß sie, wenn sie sich wieder erinnerten, die Ganzheit ihres Selbst finden würden. Erst dann hätten sie die notwendige Stärke und Ausdauer, um ihre endgültige Reise anzustreben und zu ertragen.
Ihre letzte Aufgabe, nachdem sie die Ganzheit ihres Selbst errungen hatten, bestand darin, ein neues Paar von Doppelwesen zu finden und sie zu einem neuen Nagual-Mann und einer Nagual-Frau zu machen, indem sie ihnen die Regel offenbarten. Und genau wie der erste Nagual-Mann und die erste Nagual-Frau nur mit einem kleinstmöglichen Trupp versorgt waren, mußten sie das neue Nagual-Paar mit vier weiblichen Kriegern ausstatten, die Pirscher waren, drei männlichen Kriegern und einem männlichen Kurier.
Als der erste Nagual-Mann und sein Trupp bereit waren, durch den Durchlaß zu gehen, wartete dort schon die erste Nagual-Frau, um sie zu führen. Dann erhielten sie den Befehl, die neue Nagual-Frau in die andere Welt mitzunehmen, damit sie ihren Leuten als Leuchtfeuer diene, und den neuen Nagual-Mann in der Welt zu lassen, damit er den Kreislauf wiederhole."
Don Juan in Carlos Castaneda, Die Gabe des Adlers (Die kunst des Pirschens)
Montag, 6. September 2010
Die Regel des Nagual - Der Adler
"Die Kraft, die das Schicksal aller lebenden Wesen regiert, heißt der Adler, nicht weil sie ein Adler wäre oder irgend etwas mit einem Adler zu tun hätte, sondern weil sie dem Sehenden, der sie sieht, als ein unermeßlich großer, jettschwarzer Adler erscheint, aufrecht stehend, wie ein Adler steht, und bis in die Unendlichkeit aufragend.
Wenn der Sehende die Schwärze erblickt, die der Adler ist, lassen vier Lichtstrahlen ihn erkennen, wie der Adler beschaffen ist. Der erste Strahl, der wie ein Blitzstrahl ist, hilft dem Sehenden, die Konturen des Körpers des Adlers zu erkennen. Da sind Flecken einer weißen Tönung, die wie Flaum und Krallen eines Adlers aussehen. Ein zweiter Blitzstrahl enthüllt die flatternde, Wind aufwirbelnde Schwärze, die wie Schwingen eines Adlers aussieht. Mit dem dritten Blitzstrahl erblickt der Sehende ein durchdringendes unmenschliches Auge. Und der vierte und letzte Strahl enthüllt, was der Adler tut.
Der Adler verschlingt die Bewußtheit aller lebenden Geschöpfe, die, einen Moment vorher noch lebendig auf Erden und nun tot, wie ein endloser Schwarm von Leuchtkäfern in den Schnabel des Adlers schweben, um ihrem Besitzer, dem Grund ihres gewesenen Lebens, zu begegnen. Der Adler sortiert diese winzigen Flämmchen, glättet sie flach, wie ein Gerber eine Haut streckt, und verzehrt sie; denn Bewußtheit ist die Speise des Adlers.
Der Adler, jene Macht, die das Schicksal aller lebenden Wesen regiert, spiegelt alle diese Lebewesen gleichzeitig und zugleich wieder. Es ist daher dem Menschen unmöglich, den Adler anzubeten, ihn um Wohltaten zu bitten, auf seine Gnade zu hoffen. Der menschliche Teil des Adlers ist zu unbedeutend, als daß er die Welt bewegen könnte.
Nur am Tun des Adlers kann der Sehende erkennen, was der Adler will. Obwohl der Adler sich durch die jeweiligen Umstände eines Lebewesens nicht rühren läßt, gewährt er doch jedem dieser Wesen eine Gabe. Sie alle, ein jedes auf seine Art und nach seinem Recht, haben - wenn sie es wollen - die Macht, die Flamme ihrer Bewußtheit zu behalten; die Kraft, sich dem Ruf, der sie zum Sterben und zum Gefressenwerden bestimmt, zu widersetzen. Jedem lebenden Wesen wird - wenn es dies will - die Kraft gewährt, einen Durchlaß zur Freiheit zu suchen und dort hindurchzugehen. Dem Sehenden, der den Durchlaß sieht, und den Geschöpfen, die durch ihn hindurchgehen, ist klar ersichtlich, daß der Adler diese Gabe gewährt hat, um die Bewußtheit weiterbestehen zu lassen."
Don Juan in Carlos Castaneda, Die Gabe des Adlers
Durch einen unglücklichen Fehler bei der Übersetzung ist dieses Buch jedoch in Deutschland nur unter dem Titel Die Kunst des Pirschens erhältlich.
Abonnieren
Posts (Atom)
