"Wenn Du einmal versuchst, Dein gegenwärtiges Wissen über die Konsequenzen der Reise von Kolumbus zurückzuhalten, und Dich selbst in seine Situation versetzt, dann wirst Du anfangen zu sehen, daß unsere gegenwärtige Erforschung des Mondes ein Picknick im Vergleich zu dem ist, was er durchgemacht hat. Die Erforschung des Mondes bezieht keinerlei Erforschung der Wurzeln unseres Denkens mit ein... In Wirklichkeit ist sie nur eine Ausdehnung dessen, was er getan hat." Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten
Eine wirkliche Ausdehnung der Wurzeln unseres Denkens erkennt man daran, daß sie uns dazu bringt, die Art und Weise, in der wir unsere Wirklichkeit interpretieren, neu zu bestimmen. Und auch wenn sie zuerst nur unsere intellektuellen Perspektiven beeinflußt, zieht sich ihr Nachhall mit der Zeit durch unsere gesamte Kultur und Zivilisation, die Form all dessen verändernd, wer wir sind, und was wir sein werden. Solche Ausdehnungen der Wurzeln sind selten, weil sie den Bruch mit jeglichem Ethos und mit allen Denksystemen zur Folge haben.
Seit der späten Sechziger Jahre trat eine interessante Ausdehnung der Wurzeln auf, ausgelöst durch den Zauberer-Schüler Carlos Castaneda und seine Bücher über seine Ausbildung bei dem mexikanisch-indianischen Zauberer Don Juan erfuhr. Seine Bücher sind ein deutliches Zeichen des gegenwärtigen Dranges, zu einem Kulturethos zurückzukehren, in dem Wunder, Magie und spirituelle Fähigkeiten jene Ketten brechen, welche starre Vernunft und Zynismus unseren Wirklichkeiten angelegt haben.
Taisha Abelar, Zauberin und Autorin des Buches "Der Übergang der Zauberer" (The Sorcerers' Crossing), ist ein Mitglied von Carlos Castanedas Gruppe von Zauberern. In diesem Interview redet sie über ihre Linie, wie die Zauberer dieser Linie die Vorgänge im Energiekörper sehen, sowie über einige ihrer Zauberer-Techniken zum Erreichen spiritueller und wahrnehmungsmäßiger Freiheit, erzielt durch das Zerbrechen der intellektuellen und energetischen Ketten, die uns binden.
Kannst Du uns erzählen, wie Du in die Zauberei verwickelt wurdest?
Taisha Abelar: Als ich Don Juan und seinen Leuten begegnete, war ich gerade Anfang Zwanzig. Tatsächlich habe ich den größten Teil meines Erwachsenenlebens unter ihrer Leitung und ihrem Training verbracht. Don Juan gehörte zu einer Generation von Zauberern, die auf 27 Naguals - oder spirituelle Führer - zurückblicken konnte. Jeder dieser Naguals hatte seine bestimmten Schüler, die Träumen, Pirschen und eine Reihe anderer Dinge lernten. Die Techniken, die wir lernten, haben also einen historischen Hintergrund, der in dieser Linie von Zauberern weit zurückreicht.
Gibt es irgendwelche Unterschiede zwischen den alten und den modernen Zauberern?
Taisha Abelar: Ja, wenn wir von den Zauberern alter Zeit sprechen, denken wir in Begriffen wie Manipulation von Menschen, Anhäufung von Kraft und an die Kontrolle über die Wesen anderer Sphären oder Wirklichkeiten. Während diese Tradition weitergegeben wurde, entdeckten nachfolgende Seher, daß die Praktiken der alten Zauberer nicht zur Freiheit führten. Anstelle dessen führten sie zu einer Abhängigkeit von Ritualen und zu zwanghaftem Verhalten, wie z.B. dem Anhäufen von Kraft und der Erhöhung des Selbst. Und doch waren diese Praktiken sehr wirksam, indem sie die Zauberer zu sehr kraftvollen Wesen machten, die andere Menschen kontrollieren, den Elementen (wie z.B. dem Regen) befehlen, sich selbst in verschiedene Tiere verwandeln, oder andere Taten der Zauberei vollbringen konnten.
Ungeachtet all dieser Kräfte, entdeckten die modernen Zauberer, daß Kraft allein nicht zu wahrer Freiheit führte. Anstelle dessen sind die meisten der alten Zauberer hinter dem, was wir die zweite Pforte des Träumens nennen, in die Falle gegangen.
Kannst Du uns erklären, was Du unter der zweiten Pforte des Träumens verstehst?
Taisha Abelar: Wenn sich der Körper energetisch in den Traumkörper verwandelt, kann diese Energie "andere Wirklichkeiten" oder andere Aspekte des Universums wahrnehmen. Was sich vor uns zeigt, oder, was wir gerade in diesem Moment sehen - diesen Raum, diese Mauer, die Straße dort draußen - ist nicht die einzige Wirklichkeit, die existiert. Und doch sahen die modernen Seher, daß die alten Rituale, das alte Training nicht zum letztendlichen Ziel führten: Freiheit vom Gefangensein in irgendeiner Wirklichkeit, was immer das für eine Wirklichkeit auch sein mag.
Wie haben sich die Techniken mit
den modernen Sehern verändert?
Taisha Abelar: Die Techniken, die an uns weitergegeben wurden, waren die einzigen, von denen sie sahen, daß sie den Praktiker am ehesten dazu befähigen, die totale Freiheit zu erreichen. Diese totale Befreiung ist für uns eine Freiheit von "Menschlichkeit" oder irgend etwas Menschlichem und die Fähigkeit, das ganze eigene Potential nutzbar zu machen. Diese Techniken sind die Rekapitulation und bestimmte Praktiken des Träumens.
Wann in der Geschichte hat die Trennung zwischen den alten Zauberern und den modernen Zauberern stattgefunden?
Taisha Abelar: Die Trennung kam zur Zeit der spanischen Konquista in Mexiko. Als die Spanier kamen, wurden die meisten der alten Zauberer zerstört. Trotz ihrer Fähigkeiten sich in Tiere zu verwandeln, die Elemente zu bändigen oder Verbündete zu manipulieren, war ihre Kraft unfähig, den Angriffen der Spanier zu widerstehen. Die alten Zauberer waren einfach unfähig, die Spanier zu beeinflussen, weil deren Kultur so stark und fixiert war, daß Zauberei nahezu keinen Effekt auf sie hatte. Die Spanier operierten in einem unterschiedlichen kognitiven Feld, einer unterschiedlichen Wirklichkeit.
Ein weiterer Wendepunkt ereignete sich in Don Juans Linie im Jahr 1725, als eine Wesenheit in Kontakt zum damaligen Nagual, Sebastian, trat. Wer war dieses Wesen?
Taisha Abelar: Wir nennen ihn den Todestrotzer. Er ist wirklich einer jener alten Zauberer, der, gefangen hinter der zweiten Pforte des Träumens, viele Jahrhunderte überlebt hat. Sein Bewußtsein war immer noch intakt, aber auf Grund seiner Ausbildung gab es für ihn keine Möglichkeit, zu entkommen. Wir lernten, daß die anorganischen Wesen, die bestimmte Sphären des Träumens bevölkern, die männlichen Zauberer, die in ihr Reich eindrangen, gefangen nahmen, um denen ihre Energie zu rauben.
Die einzige Möglichkeit des Entkommens lag für den Todestrotzer in einem Pakt mit den verschiedenen Naguals aus Don Juans Linie. Von diesem Zeitpunkt an verschmolz er mit unserer Linie und gab den Naguals Geschenke der Kraft für ihre Energie.
Was waren das für Geschenke, die
der Todestrotzer ihnen gab?
Taisha Abelar: Er verschenkte verschiedene Position von dem, was wir den Montagepunkt nennen. Wir sehen, daß es auf dem leuchtenden Kokon oder Energiekörper eine Stelle gibt, die besonders hell ist. Diese Stelle nennen wir den Montagepunkt, weil sie bestimmte Fasern oder Energielinien an der Oberfläche des Energiekörpers zum Aufleuchten bringt. Wir haben gesehen, daß, wenn bestimmte Fasern aufleuchten, eine Ausrichtung mit entsprechen Fasern außerhalb des Energiekörpers, innerhalb des Universums als solchem, stattfindet, die wiederum bedingt, daß Wahrnehmung geschehen kann.
Die Zauberer sehen, daß diese Anpassung der Energiefasern innerhalb und außerhalb des leuchtenden Kokon immer stattfindet, um Wirklichkeit wahrzunehmen.
Und so gab der Todestrotzer dieser Linie die verschiedenen Positionen des Montagepunkts oder die Fähigkeit, verschiedene Wirklichkeiten wahrzunehmen, weil jede Position unvorstellbare Möglichkeiten beleuchtet. Er gab jedem Nagual eine verschiedene Anzahl solch möglicher Punkte, und diese wurden von Generation zu Generation weitergereicht. Und die neuen Zauberer, die aus diesem Übergangsstadium hervorgingen, erkannten, daß Zauberei tatsächlich eine Frage der Wahrnehmung ist. Eine Definition von Zauberei ist somit: die Fähigkeit, mehr wahrzunehmen als der Durchschnittsmensch, dessen Wahrnehmung des Universums begrenzt ist, weil sie/er nur einen Platz für den Montagepunkt hat - den einen, in der sie/er hinein geboren wurde.
Als die Seher ihre Erfahrungen erweiterten, erkannten sie, daß jede dieser anderen Positionen genauso beschränkend war, wie die Wirklichkeit, in die der Mensch hinein geboren wurde. Dies hat uns zu der Erkenntnis geführt, daß es unser Ziel sein muß, uns nicht auf irgendeine permanente Position zu fixieren. Dies war immerhin das, was dem Todestrotzer widerfahren war; er war in einer bestimmten Position des Montagepunkts gefangen.
Wie schützt ihr euch davor, in diese
Falle zu gehen?
Taisha Abelar: Unsere Praktiken sind darauf abgestimmt, nicht auf einer irgendeiner solch bestimmten Position fixiert zu werden. Die Rekapitulation ist eine dieser Methoden. Alle Praktiken der Alten erhöhten das Selbst in einem solchen Ausmaß, daß sie nicht länger in der Lage waren, beweglich oder flüssig zu sein. Dies war einer der Hauptgründe dafür, warum sie in anderen Sphären in Gefangenschaft gerieten. Und darum suchen wir Flüssigkeit.
Was ist Rekapitulation?
Taisha Abelar: Die Rekapitulation ist eine Methode, all die in der Welt eingeschlossene Energie zurückzuholen, um sie für den Gebrauch anderer Dinge zur Verfügung zu haben. Sie befähigt einen, zu sehen, daß die Wirklichkeit, in die man hinein geboren wurde, nicht die einzige Wirklichkeit, sondern nur eine Fixierung von Energie ist.
Wenn ein Kind geboren wird, ist sein Montagepunkt sehr unstetig; es ist nicht fähig, als ein funktionierendes menschliches Wesen wahrzunehmen. Und so wie es sich den Erwachsenen um sich herum anpaßt, so eifert sein Energiekörper ihrer Position nach. Energetisch betrachtet, formt es sich selbst nach dem Abbild jener, die um es herum sind. Wir alle haben die Position unseres Montagepunkts auf nahezu ein und demselben Platz, was uns dazu befähigt, die gleiche Wirklichkeit wahrzunehmen.
Die Rekapitulation befähigt dich durch einen psychischen Prozeß der Ausdehnung des Atmens dazu, diesen Punkt zu bewegen, indem all die Energie zurückgerufen wird, die du während deines Lebens zurückgelassen hast.
Jede Epoche ist durch das charakterisiert, was Don Juan die "Modalität der Zeit" nannte: einem bestimmten Muster von Ideen oder kulturellem Ethos. Die Modalität unserer Zeit ist das, was wir auf dem Fernsehschirm sehen und in unseren Büchern und Zeitschriften lesen. Wir werden andauernd mit bestimmten Themen und Ideen bombardiert, an die wir uns zu halten haben. Die Zauberer nennen diesen Ethos unserer Tage "Ich armes Baby"-Syndrom, weil jeder da draußen durch dieses Lebensgefühl dominiert wird. Und es ist folglich nicht nur eine Armes-Baby-Welt, sondern auch ein Armes-Baby-Universum mit schwarzen Löchern, die gleich ganze Sternenkonstellationen und Planeten verschlingen. Die Zauberer sehen, daß unsere Energie andauernd von etwas anderem konsumiert wird.
Um dahin zu kommen, wo wir hingehen wollen, benötigen wir jedoch unbedingt Energie. Aber in unserem Wachzustand wird all unsere Energie durch die Belange unseres Wachbewußtseins aufgebraucht: unsere Jobs, unsere Familien oder was immer auch sonst noch. Um aus dieser Position herauszukommen, benötigen wir Extra-Energie. Und die Rekapitulation ist das grundsätzliche Mittel, um Energie zu speichern.
Wie rekapituliert man?
Taisha Abelar: Zuerst machst du eine Liste von allen, deren Bekanntschaft du während deines Lebens gemacht hast, von jeder Person, der du je begegnet bist. Das ist für sich selbst schon eine Unternehmung, die intensive Konzentration verlangt. Und schon das Erstellen der Liste lockert manches auf und befähigt dich dazu, deine Aufmerksamkeit auf spezifische Dinge zu fokusieren. Wenn du deine Liste erstellt hast, mußt du einen Platz finden, der Druck auf deinen Energiekörper ausübt, wie z.B. einen Wandschrank. Nehme eine bequeme Sitzhaltung ein und beginne mit der ersten Person auf deiner Liste. Arbeite dich zurück, indem du alle Begegnungen mit dieser Person, all jene Interaktionen, in denen Energie ausgetauscht wurde, rekapitulierst oder visualisierst. Sieh dich selbst interagieren, sieh, wie du alle möglichen energetischen Manöver durchläufst, um die Situation aufrecht zu erhalten. Denn wir alle konstruieren unsere Welt energetisch. Sogar wenn wir einfach nur die Straße hinunterfahren, konstruieren wir. Und wir halten diesen Akt für selbstverständlich und sagen, daß die Straße doch immer da sei. Aber in Wirklichkeit sind wir alle Zauberer, welche die Welt um uns herum konstituieren, und wir alle haben in diese Taktik eingewilligt.
Durch die Rekapitulation holst du die Energie aus der Vergangenheit zurück, die in deiner persönlichen Geschichte verloren ist und die sich hinter dir herzieht, wie ein aus Trümmern bestehender Kometenschweif. Um dich nun von den erinnerten Ereignissen aus der Vergangenheit zu lösen, starte an deiner rechten Schulter, bewege deinen Kopf von rechts nach links, und atme dabei ein. Dann drehst du deinen Kopf zurück und atmest aus, während du all das zurückschickst, mit dem du nicht länger verbunden sein willst. Abschließend bringst du den Kopf wieder in eine zentrierte Haltung zurück. Du wirst das Gefühl nicht bei jedem Bild haben, aber atme alles tief aus, während du mit jedem Atemzug Linien zurücksendest. Und wenn du deine Energie zurückgezogen hast, atme sie in einem Stück ein, und fahre damit so lange fort, bis dort keinerlei Energie mehr zurückbleibt. Die Szene wird leer sein, eine Art Vakuum, weil nunmehr keine energetische Komponente in ihr verblieben ist.
Welchen Effekt hat das Rekapitulieren auf euer Leben?
Taisha Abelar: Du wirst feststellen, daß sich deine Bindung zu deiner Familie und zu deinen Freunden mehr und mehr verringert. Du kannst natürlich weiterhin mit ihnen interagieren, aber du bist nicht länger an sie gebunden, weil du die energetische Abhängigkeit von ihnen überwunden hast.
Was ist Pirschen?
Taisha Abelar: Pirschen ist die Fähigkeit, den Montagepunkt an jeder gegebenen Position zu fixieren, um der chaotischen Wahrnehmung Struktur und Kohärenz zu verleihen. Wir pirschen unsere Wirklichkeit jeden Tag, jede Minute an, um herauszufinden, was es bedeutet, diese Straße hinunterzufahren oder in diesem Einkaufszentrum zu sein. Pirschen bedeutet, Kategorisierungsschemata von Objekten und Dingen zu erstellen, die uns vom Namen her bekannt sind.
Und wie sehen Zauberer das
Träumen?
Taisha Abelar: Träumen ist eine Bewegung des Montagepunkts, die wir ganz natürlich im Schlaf vollziehen. Es sind willkürliche Bewegungen unseres Energiekörpers. Aber für Zauberer bedeutet Träumen die Kontrolle über die eigenen Träume. Dazu mußt du deine Träume anpirschen, was in Wirklichkeit bedeutet, den Montagepunkt absichtlich in eine neue Position zu bewegen und ihn dort so lange zu halten, wie es deine Traum-Energie erlaubt.
Wenn du dich also selbst in einer Traumwelt wiederfindest, mußt du, bevor sie hinwegdriftet und sich in etwas anderes verwandelt, diese Wirklichkeit aufrechterhalten wollen, indem du sie anpirschst. Und wenn du ein sehr erfahrener Pirscher und Träumer bist, dann kann diese Wirklichkeit zu deiner einzigen Wirklichkeit werden. Das ist genau das, was den alten Zauberern widerfahren ist, als sie in einer anderen Sphäre in die Falle gingen und nicht länger zu unserer normalen Wirklichkeit zurückkehren konnten. Tatsächlich radierte die Zeit die Wirklichkeit, in die sie hinein geboren worden waren, einfach aus. Da sie nämlich fähig waren, ihre Energie in jener anderen Wirklichkeit über eine längere Zeit - d.h. über mehrere Jahrhunderte - zu erhalten, waren sie schließlich unfähig, zu unserer zurückzukehren, da die Modalität ihrer Zeit bereits vergangen war.
Wenn wir also unsere Wirklichkeiten anpirschen, betrachten wir niemals eine von ihnen als die primäre Realität. Denn in dem Moment, wo wir denken, diese oder jene Wirklichkeit sei die primäre, sind wir schon auf dieser Ebene gefangen, egal wo dies auch sein mag.
Welche Bedeutung hat Deiner Meinung nach die Veröffentlichung von The Sorcerers' Crossing und all den anderen Informationen über eure Linie?
Taisha Abelar: Der Grund dafür, daß Du und ich überhaupt miteinander reden können, liegt in der extremen Notwendigkeit, die Modalität unserer Kultur zu ändern. Die Zauberer sagen, daß die Zukunftsprognosen in der heutigen Modalität vollkommen negativ sind. Und wenn eine Veränderung stattfinden soll, so muß sie von außen kommen, allein um zu zeigen, daß diese Bewegung überhaupt möglich ist. Und so haben wir diese Information nach außen gegeben, nicht als Information, sondern als eine Möglichkeit. Vor allem anderen ist es eine Idee, welche die Leute erfassen können, um zu erkennen, daß es da draußen - neben unserer populären Kultur, die durch das "Armes-Baby" Syndrom dominiert wird - noch etwas anderes gibt.
Wir sind in dieser Realität genauso gefangen, wie der Todestrotzer hinter der zweiten Pforte des Träumens gefangen ist. Der Todestrotzer hat uns gesagt, daß die Position der Menschheit über Tausende von Jahren so ziemlich gleich geblieben ist, mit nur winzigen Veränderungen. Es hat so z.B. Verschiebungen in der Renaissance gegeben, als sich die menschliche Wahrnehmung von Gott verschob, was eine Wahrnehmungsverschiebung seiner selbst zur Folge hatte.
Eine andere Verschiebung muß zur Zeit der alten Griechen stattgefunden haben, als sich unsere Fähigkeit, Feen und Götter zu sehen bzw. mit ihnen in Kontakt zu treten, in den Glauben verwandelte, daß es sich hierbei lediglich um Mythen oder das Produkt menschlicher Imagination gehandelt habe. So gibt es also offenbar Verschiebungen, die uns von Dingen entfernt haben, die wir gar nicht mehr wahrnehmen. Und der Kontakt unserer Linie mit dem größeren Kulturethos des Menschen bewirkt eine weitere Verschiebung: weg vom Verstand und einem beschränkten Verständnis von Realität, hin zu einem System, in dem alles lebendig ist und ein Bewußtsein hat, daß wir wahrnehmen können.
Wohin, denkst Du, geht eure Gruppe nach dem Tod?
Taisha Abelar: Ich sehe uns selbst in eine unendliche Entwicklung eintreten. Wir verschmelzen mit jener unvorstellbaren, namenlosen Kraft, von der wir nur ein winziger Funke sind. Und je weniger menschlich wir im energetischen Sinne sind, um so mehr verschmelzen mit dem Unermeßlichen.
Das mag kalt und herzlos klingen, ist es aber nicht. Zauberer haben Gefühle und eine überwältigende Zuneigung, aber diese sind nahezu unpersönlich. Sie sind ein Teil der Energie, die aus einem Zustand des Wohlergehens hervorgeht. Denn, wenn dein Energiekörper sich in einem gesunden Zustand befindet, hast du starke, positive Gefühle, die vom Universum selbst kommen. Alles da draußen ist bewußt und intelligent, und ist ein Teil der Absicht selbst. Die Zuneigung ist dort; du brauchst dich nur selbst daran anzuschließen, um sie zu fühlen. Sie stammt nicht vom persönlichen Selbst.
All diese Dinge sind da draußen. Es ist mitnichten ein kalter, leerer Raum. Mit dem Traumkörper kannst du dich über die Begrenzungen des Körpers hinausbewegen, verschiedene Formen annehmen und die Wirklichkeit aus der Warte dieser Konfigurationen heraus wahrnehmen, was bedeutet, daß du durch Wände gehen, und dich sogar in die reine Energie selbst hineinbewegen kannst. Und es ist diese Bewegung in die reine Energie hinein, die das Ziel unserer Suche ist.
Wenn diese Verschmelzung als Ergebnis unserer Entwicklung stattfindet, gehen wir in eine andere Sphäre ein. Wir bewegen uns von allem Menschlichen weg. Unsere affenartige Existenz fällt von uns ab wie die Gitter eines Gefängnisses, und, was übrig bleibt, ist wirklich unvorstellbar. Die Strukturen der Sprache können die Unermeßlichkeit der Stille unmöglich beinhalten, die direkt und ganz ohne Worte zu uns flüstert. Wir werden auch nicht aufhören, zu wissen oder bewußt zu werden, da all dies von der Absicht selbst auf uns herabtropfen wird. Das Bewußtsein, daß dich mit Staunen erfüllt, ist unser Bindeglied zum Unermeßlichen.
Das Original Interview ist Juni/1993 im amerikanischen
Magazin "Magical Blend" erschienen.
Sonntag, 19. September 2010
Samstag, 18. September 2010
Wie die Zauberer das Nagual nutzen...
»Was Genaro dir gestern abend mit der ersten Übung zeigen wollte, das war, wie die Zauberer das Nagual nutzen«, fuhr er fort. »Man gelangt unmöglich zur Erklärung der Zauberer, solange man nicht willig das Nagual benutzt hat, oder besser, solange man nicht willig das Tonal genutzt hat, um seine Handlungen im Nagual zu verstehen. Um es vielleicht verständlicher auszudrücken, könnte man sagen, daß die Ansicht des Tonal vorherrschen muß, wenn man das Nagual nutzen will, wie die Zauberer es tun.«
Ich sagte ihm, ich fände in dem, was er eben gesagt hatte, einen eklatanten Widerspruch. Einerseits hatte er mir erst vor zwei Tagen eine unglaubliche Zusammenfassung all seiner wohlüberlegten Taten in einem Zeitraum von Jahren gegeben - Taten, die meine Weltsicht verändern sollten. Und andererseits wolle er nun, daß diese gleiche Ansicht vorherrsche. »Das eine hat nichts mit dem ändern zu tun«, sagte er. »Die Ordnung unserer Wahrnehmung gehört ausschließlich zum Bereich des Tonal. Nur dort können unsere Handlungen eine Reihenfolge haben, nur dort sind sie wie Leitern, auf denen man die Sprossen zählen kann. Im Nagual gibt es nichts dergleichen. Die Anschauung des Tonal ist also ein Werkzeug, und als solches ist es nicht nur das beste, sondern auch das einzige Werkzeug, das wir haben.
Gestern abend öffnete sich die Blase deiner Wahrnehmung, und ihre Flügel breiteten sich aus. Mehr kann man darüber nicht sagen. Es ist unmöglich zu erklären, was dir widerfuhr, darum werde ich es nicht versuchen, und auch du solltest es nicht versuchen. Es muß genügen, wenn ich sage, daß die Flügel deiner Wahrnehmung dazu bestimmt waren, deine Ganzheit zu berühren. Gestern abend schwanktest du immer und immer wieder zwischen dem Nagual und dem Tonal hin und her. Du wurdest zweimal hineingeschleudert, um jeden Irrtum auszuschließen. Das zweite Mal erlebtest du die volle Wirkung der Reise ins Unbekannte. Und deine Wahrnehmung breitete ihre Flügel aus, als irgend etwas in dir deine wahre Natur erkannte. Du bist ein Bündel. Dies ist die Erklärung der Zauberer. Das Nagual ist das Unaussprechliche. In ihm schwimmen all die möglichen Gefühle und Wesenheiten und Ichs wie Kähne im Wasser dahin, friedlich, unabänderlich, ewig. Dann bindet der Leim des Lebens einige von ihnen zusammen. Das hast du selbst gestern abend festgestellt, und auch Pablito hat es festgestellt, und auch Genaro, damals, als er in das Unbekannte aufbrach, und auch ich. Wenn der Leim des Lebens diese Gefühle zusammenbindet, dann wird ein Wesen geschaffen - ein Wesen, das das Gefühl seiner wahren Natur verliert und sich durch den Glanz und Lärm jener Region blenden läßt, in der die Wesen hausen, nämlich das Tonal. Das Tonal ist da, wo einheitliche Organisation herrscht. Ein Wesen taucht ins Tonal ein, sobald die Kraft des Lebens alle dazu nötigen Gefühle zusammenbindet. Ich sagte dir einmal, daß das Tonal mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Ich sagte dies, weil ich weiß, daß, sobald die Kraft des Lebens den Körper verläßt, alle diese Bewußtseine sich auflösen und wieder dorthin zurückkehren, woher sie kamen, ins Nagual. Was ein Krieger tut, wenn er in das Unbekannte aufbricht, ist ganz ähnlich wie sterben, außer daß das Bündel seiner einzelnen Gefühle sich nicht auflöst, sondern diese sich ein wenig ausdehnen, ohne ihren Zusammenhalt zu verlieren. Beim Tod jedoch fallen sie auseinander und bewegen sich unabhängig von einander, als hätten sie nie eine Einheit gebildet.« Ich wollte ihm sagen, wie vollkommen seine Erläuterungen mit meiner Erfahrung übereinstimmten. Aber er ließ mich nicht zu Wort kommen. »Es ist unmöglich, das Unbekannte zu benennen«, sagte er. »Man kann es nur erleben. Die Erklärung der Zauberer sagt, daß jeder von uns ein Zentrum hat, von dem aus das Nagual erlebt werden kann, den Willen. Ein Krieger kann sich also ins Nagual vorwagen und sein Bündel der Gefühle auf jede mögliche Weise sich anordnen und umordnen lassen. Ich sagte dir, daß die Ausdrucksform des Nagual eine Frage der Persönlichkeit ist. Damit meinte ich, daß es dem einzelnen Krieger selbst überlassen ist, die Anordnung und Umordnung dieses Bündels zu dirigieren. Die menschliche Form, oder das menschliche Fühlen, ist die ursprüngliche Form, vielleicht die jenige, die uns unter allen am liebsten ist. Es gibt jedoch eine endlose Zahl alternativer Formen, die das Bündel annehmen kann. Ich sagte dir ja, daß ein Zauberer jede Form annehmen kann, die er wünscht. Das ist richtig. Ein Zauberer, der im Besitz der Ganzheit seines Selbst ist, kann die Teile seines Bündels dirigieren, so daß sie sich auf jede vorstellbare Weise vereinigen. Die Kraft des Lebens ist es, die alle diese Mischungen ermöglicht. Sobald sie erschöpft ist, gibt es kein Mittel mehr, dieses Bündel zu versammeln. Dieses Bündel habe ich die Blase der Wahrnehmung genannt. Ich sagte auch, daß diese versiegelt, fest verschlossen ist und daß sie sich bis zum Augenblick unseres Todes nie öffnet. Und doch könnte sie geöffnet werden. Offenbar haben die Zauberer dieses Geheimnis gelernt, und obwohl sie nicht alle die Ganzheit ihres Selbst erreichen, wissen sie um deren Möglichkeit. Sie wissen, daß die Blase sich nur öffnet, wenn man ins Nagual stürzt. Gestern habe ich dir eine Zusammenfassung all der Schritte gegeben, die du einhalten mußtest, um diesen Punkt zu erreichen.«
Ich sagte ihm, ich fände in dem, was er eben gesagt hatte, einen eklatanten Widerspruch. Einerseits hatte er mir erst vor zwei Tagen eine unglaubliche Zusammenfassung all seiner wohlüberlegten Taten in einem Zeitraum von Jahren gegeben - Taten, die meine Weltsicht verändern sollten. Und andererseits wolle er nun, daß diese gleiche Ansicht vorherrsche. »Das eine hat nichts mit dem ändern zu tun«, sagte er. »Die Ordnung unserer Wahrnehmung gehört ausschließlich zum Bereich des Tonal. Nur dort können unsere Handlungen eine Reihenfolge haben, nur dort sind sie wie Leitern, auf denen man die Sprossen zählen kann. Im Nagual gibt es nichts dergleichen. Die Anschauung des Tonal ist also ein Werkzeug, und als solches ist es nicht nur das beste, sondern auch das einzige Werkzeug, das wir haben.
Gestern abend öffnete sich die Blase deiner Wahrnehmung, und ihre Flügel breiteten sich aus. Mehr kann man darüber nicht sagen. Es ist unmöglich zu erklären, was dir widerfuhr, darum werde ich es nicht versuchen, und auch du solltest es nicht versuchen. Es muß genügen, wenn ich sage, daß die Flügel deiner Wahrnehmung dazu bestimmt waren, deine Ganzheit zu berühren. Gestern abend schwanktest du immer und immer wieder zwischen dem Nagual und dem Tonal hin und her. Du wurdest zweimal hineingeschleudert, um jeden Irrtum auszuschließen. Das zweite Mal erlebtest du die volle Wirkung der Reise ins Unbekannte. Und deine Wahrnehmung breitete ihre Flügel aus, als irgend etwas in dir deine wahre Natur erkannte. Du bist ein Bündel. Dies ist die Erklärung der Zauberer. Das Nagual ist das Unaussprechliche. In ihm schwimmen all die möglichen Gefühle und Wesenheiten und Ichs wie Kähne im Wasser dahin, friedlich, unabänderlich, ewig. Dann bindet der Leim des Lebens einige von ihnen zusammen. Das hast du selbst gestern abend festgestellt, und auch Pablito hat es festgestellt, und auch Genaro, damals, als er in das Unbekannte aufbrach, und auch ich. Wenn der Leim des Lebens diese Gefühle zusammenbindet, dann wird ein Wesen geschaffen - ein Wesen, das das Gefühl seiner wahren Natur verliert und sich durch den Glanz und Lärm jener Region blenden läßt, in der die Wesen hausen, nämlich das Tonal. Das Tonal ist da, wo einheitliche Organisation herrscht. Ein Wesen taucht ins Tonal ein, sobald die Kraft des Lebens alle dazu nötigen Gefühle zusammenbindet. Ich sagte dir einmal, daß das Tonal mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Ich sagte dies, weil ich weiß, daß, sobald die Kraft des Lebens den Körper verläßt, alle diese Bewußtseine sich auflösen und wieder dorthin zurückkehren, woher sie kamen, ins Nagual. Was ein Krieger tut, wenn er in das Unbekannte aufbricht, ist ganz ähnlich wie sterben, außer daß das Bündel seiner einzelnen Gefühle sich nicht auflöst, sondern diese sich ein wenig ausdehnen, ohne ihren Zusammenhalt zu verlieren. Beim Tod jedoch fallen sie auseinander und bewegen sich unabhängig von einander, als hätten sie nie eine Einheit gebildet.« Ich wollte ihm sagen, wie vollkommen seine Erläuterungen mit meiner Erfahrung übereinstimmten. Aber er ließ mich nicht zu Wort kommen. »Es ist unmöglich, das Unbekannte zu benennen«, sagte er. »Man kann es nur erleben. Die Erklärung der Zauberer sagt, daß jeder von uns ein Zentrum hat, von dem aus das Nagual erlebt werden kann, den Willen. Ein Krieger kann sich also ins Nagual vorwagen und sein Bündel der Gefühle auf jede mögliche Weise sich anordnen und umordnen lassen. Ich sagte dir, daß die Ausdrucksform des Nagual eine Frage der Persönlichkeit ist. Damit meinte ich, daß es dem einzelnen Krieger selbst überlassen ist, die Anordnung und Umordnung dieses Bündels zu dirigieren. Die menschliche Form, oder das menschliche Fühlen, ist die ursprüngliche Form, vielleicht die jenige, die uns unter allen am liebsten ist. Es gibt jedoch eine endlose Zahl alternativer Formen, die das Bündel annehmen kann. Ich sagte dir ja, daß ein Zauberer jede Form annehmen kann, die er wünscht. Das ist richtig. Ein Zauberer, der im Besitz der Ganzheit seines Selbst ist, kann die Teile seines Bündels dirigieren, so daß sie sich auf jede vorstellbare Weise vereinigen. Die Kraft des Lebens ist es, die alle diese Mischungen ermöglicht. Sobald sie erschöpft ist, gibt es kein Mittel mehr, dieses Bündel zu versammeln. Dieses Bündel habe ich die Blase der Wahrnehmung genannt. Ich sagte auch, daß diese versiegelt, fest verschlossen ist und daß sie sich bis zum Augenblick unseres Todes nie öffnet. Und doch könnte sie geöffnet werden. Offenbar haben die Zauberer dieses Geheimnis gelernt, und obwohl sie nicht alle die Ganzheit ihres Selbst erreichen, wissen sie um deren Möglichkeit. Sie wissen, daß die Blase sich nur öffnet, wenn man ins Nagual stürzt. Gestern habe ich dir eine Zusammenfassung all der Schritte gegeben, die du einhalten mußtest, um diesen Punkt zu erreichen.«
Freitag, 17. September 2010
Tonal und Nagual (mehr aus "Der Ring der Kraft")
Plötzlich fand ich mich neben Don Juan und Don Genaro auf der Klippe wieder. Sie flüsterten mir zu, daß sie mich zurückgeholt hätten und daß ich das Unbekannte gesehen hätte, über das man nicht sprechen könne. Sie sagten, daß sie mich noch einmal in dieses Unbekannte schleudern würden und daß ich die Flügel meiner Wahrnehmung sich entfalten lassen und das »Tonal« und das »Nagal« gleichzeitig berühren solle, ohne mir bewußt zu sein, daß ich zwischen dem einen und dem anderen hin- und herpendelte.
Wieder hatte ich das Gefühl, durch die Luft geschleudert zu werden, zu kreiseln und mit ungeheurer Geschwindigkeit zu fallen. Dann explodierte ich. Ich löste mich auf. Irgend etwas in mir verteilte sich. Es setzte etwas frei, was ich mein Leben lang verschlossen gehalten hatte. Ich war mir deutlich bewußt, daß mein innerstes Reservoir angezapft war und daß es ungehemmt verströmte. E s gab nicht länger diese mir liebe Einheit, die ich » ich « nannte. Da war nichts, und doch war dieses Nichts erfüllt. Es war weder licht noch dunkel, weder heiß noch kalt, weder angenehm noch unangenehm. Nicht daß ich mich bewegt oder stillgestanden hätte oder geschwebt wäre, auch war ich keine vereinzelte Einheit, kein Selbst, wie ich mich zu erleben gewohnt bin. Ich war eine Myriade von Selbsten, die alle »ich « waren, eine Kolonie separater Einheiten, zwischen denen ein besonderer Zusammenhalt bestand und die unaufhaltsam zusammenstrebten, um ein einzelnes Bewußtsein, mein menschliches Bewußtsein zu bilden. Nicht daß ich jenseits aller Zweifel »gewußt« hätte - denn es gab nichts, womit ich hätte »wissen« können, sondern alle meine einzelnen Bewußtseine »wußten« -, daß das » Ich «, das »Selbst« meiner vertrauten Welt eine Kolonie, ein Konglomerat von isolierten, unabhängigen Gefühlen war, die einander in unauflösbarer Solidarität verbunden waren. Die unauflösbar Solidarität meiner zahllosen Bewußtseine, der Zusammenhalt dieser Teile untereinander, d as war meine Lebenskraft. Um diese einheitliche Empfindung irgendwie zu beschreiben, könnte man sagen, daß diese Körnchen Bewußtsein verstreut waren; jedes war seiner selbst bewußt, und keines überwog vor den anderen. Dann rührte irgend etwas sie auf, und sie vereinigten sich und strömten in eine Region, wo sie sich alle auf einem Haufen versammeln mußten, dem »Ich«, das ich kenne. Und als »ich«, als »ich selbst« beobachtete ich dann eine zusammenhängende Szene irdischer Aktivität oder eine Szene, die anderen Welten angehörte und die ich für reine Imagination halten mußte, oder eine Szene, die dem »reinen Denken« zugehörte, das heißt, ich hatte Visionen von intellektuellen Systemen oder von Ideen, die zu Verbalisierungen gebündelt waren. In manchen Szenen sprach ich nach Herzenslust mit mir selbst. Nach jeder dieser zusammenhängenden Visionen löste das »Ich« sich auf und war wieder nichts. Bei einer dieser Exkursionen in eine zusammenhängende Vision erlebte ich mich oben auf der Klippe neben Don Juan.
Augenblicklich erkannte ich, daß ich nun das ganze, mir vertraute Ich war. Ich empfand meine Physis als real. Ich war in der Welt, statt sie nur anzuschauen. Don Juan herzte mich wie ein Kind. Sein Gesicht war ganz nah. Ich konnte seine Augen in der Dunkelheit sehen. Sie waren freundlich. Sie schienen eine Frage aussprechen zu wollen. Ich wußte, was es war. Das Unaussprechliche war wirklich unaussprechlich.
Wieder hatte ich das Gefühl, durch die Luft geschleudert zu werden, zu kreiseln und mit ungeheurer Geschwindigkeit zu fallen. Dann explodierte ich. Ich löste mich auf. Irgend etwas in mir verteilte sich. Es setzte etwas frei, was ich mein Leben lang verschlossen gehalten hatte. Ich war mir deutlich bewußt, daß mein innerstes Reservoir angezapft war und daß es ungehemmt verströmte. E s gab nicht länger diese mir liebe Einheit, die ich » ich « nannte. Da war nichts, und doch war dieses Nichts erfüllt. Es war weder licht noch dunkel, weder heiß noch kalt, weder angenehm noch unangenehm. Nicht daß ich mich bewegt oder stillgestanden hätte oder geschwebt wäre, auch war ich keine vereinzelte Einheit, kein Selbst, wie ich mich zu erleben gewohnt bin. Ich war eine Myriade von Selbsten, die alle »ich « waren, eine Kolonie separater Einheiten, zwischen denen ein besonderer Zusammenhalt bestand und die unaufhaltsam zusammenstrebten, um ein einzelnes Bewußtsein, mein menschliches Bewußtsein zu bilden. Nicht daß ich jenseits aller Zweifel »gewußt« hätte - denn es gab nichts, womit ich hätte »wissen« können, sondern alle meine einzelnen Bewußtseine »wußten« -, daß das » Ich «, das »Selbst« meiner vertrauten Welt eine Kolonie, ein Konglomerat von isolierten, unabhängigen Gefühlen war, die einander in unauflösbarer Solidarität verbunden waren. Die unauflösbar Solidarität meiner zahllosen Bewußtseine, der Zusammenhalt dieser Teile untereinander, d as war meine Lebenskraft. Um diese einheitliche Empfindung irgendwie zu beschreiben, könnte man sagen, daß diese Körnchen Bewußtsein verstreut waren; jedes war seiner selbst bewußt, und keines überwog vor den anderen. Dann rührte irgend etwas sie auf, und sie vereinigten sich und strömten in eine Region, wo sie sich alle auf einem Haufen versammeln mußten, dem »Ich«, das ich kenne. Und als »ich«, als »ich selbst« beobachtete ich dann eine zusammenhängende Szene irdischer Aktivität oder eine Szene, die anderen Welten angehörte und die ich für reine Imagination halten mußte, oder eine Szene, die dem »reinen Denken« zugehörte, das heißt, ich hatte Visionen von intellektuellen Systemen oder von Ideen, die zu Verbalisierungen gebündelt waren. In manchen Szenen sprach ich nach Herzenslust mit mir selbst. Nach jeder dieser zusammenhängenden Visionen löste das »Ich« sich auf und war wieder nichts. Bei einer dieser Exkursionen in eine zusammenhängende Vision erlebte ich mich oben auf der Klippe neben Don Juan.
Augenblicklich erkannte ich, daß ich nun das ganze, mir vertraute Ich war. Ich empfand meine Physis als real. Ich war in der Welt, statt sie nur anzuschauen. Don Juan herzte mich wie ein Kind. Sein Gesicht war ganz nah. Ich konnte seine Augen in der Dunkelheit sehen. Sie waren freundlich. Sie schienen eine Frage aussprechen zu wollen. Ich wußte, was es war. Das Unaussprechliche war wirklich unaussprechlich.
Donnerstag, 16. September 2010
Tonal und Nagual
„Ich werde dir jetzt etwas über das Tonal und das Nagual erzählen“, sagte Don Juan und sah mich eindringlich an.
Dies war das erste Mal, seit wir uns kannten, dass er diese beiden Begriffe erwähnte. Aus der anthropologischen Literatur über die Kulturen Zentralmexikos war ich ungefähr mit ihnen vertraut. Ich wusste, dass das „Tonal“ (ausgesprochen tohna’hl) als eine Art Schutzgeist – in der Regel ein Tier – vorgestellt wurde, den ein Kind bei der Geburt erhielt und mit dem es sein Leben lang eine enge Beziehung unterhielt. „Nagual“ (ausgesprochen: nah’wa’hl) war der Name des Tieres, in das ein Zauberer sich angeblich verwandeln konnte, oder des Zauberers, der eine solche Verwandlung vornahm.
„Dies ist mein Tonal“, sagte Don Juan und strich sich mit den Händen über die Brust.
„Dein Anzug?“
„Nein, meine Person.“
Er klopfte sich auf die Brust, die Schenkel und die Rippen.
„All dies ist mein Tonal.“
Er erklärte, dass jeder Mensch zwei Seiten habe, zwei getrennte Wesenheiten, zwei Gegenstücke, die im Augenblick der Geburt ihr Dasein aufnehmen; das eine heiße „Tonal“, das andere das „Nagual“.
„Ich möchte sagen, Tonal und Nagual sind ausschließlich den Wissenden zugänglich. In deinem Fall ist dies sozusagen der Deckel, der alles abschließt, was ich dich bisher gelehrt habe, um dir davon zu erzählen.
Das Tonal ist nicht ein Tier, das über einen Menschen wacht. Eher könnte man sagen, es ist ein Wächter, den man sich als ein Tier vorstellen kann. Aber dies ist nicht die entscheidende Frage.“
Er lächelte und zwinkerte mir zu.
„Ich will jetzt mal deine Worte gebrauchen“, sagte er. „Das Tonal ist die soziale Person.“
Er lachte, wie ich annahm, über mein bestürztes Gesicht.
„Das Tonal gilt, mit Recht, als ein Beschützer, ein Wächter – ein Wächter, der sich meistens in einen Wärter verwandelt.“
„Das Tonal ist der Organisator der Welt“, fuhr er fort. „Vielleicht kann man seine gewaltige Arbeit am besten beschreiben, wenn man sagt, dass auf seinen Schultern die Aufgabe ruht, das Chaos der Welt zu ordnen. Es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man – wie die Zauberer – behauptet, dass alles, was wir als Menschen wissen und tun, das Werk des Tonal ist.
Im Augenblick zum Beispiel ist es dein Tonal, das versucht, unser Gespräch zu verstehen. Ohne dieses gäbe es nur komische Geräusche und Grimassen, und du würdest nichts von alledem verstehen, was ich sage.
Ich sage also, das Tonal ist ein Wächter, der etwas Kostbares bewacht, unser ganzes Sein. Daher ist es eine wesentliche Eigenschaft des Tonal, dass es bei seinem Tun vorsichtig und bedachtsam ist. Und da seine Taten der bei weitem wichtigste Teil unseres Leben sind, ist es kein Wunder, dass es sich schließlich bei jedem von uns aus einem Wächter in einen Wärter verwandelt.“
Er hielt inne und fragte mich, ob ich verstanden hätte. Automatisch nickte ich bestätigend, und er lächelte mit ungläubiger Miene.
„Ein Wächter ist großzügig und verständnisvoll“, erklärte er. „Ein Wärter dagegen ist ein Sicherheitsorgan, engherzig und meistens despotisch. Ich behaupte also, dass das Tonal bei uns allen zu einem kleinlichen, despotischen Wärter gemacht wird, während es doch ein großzügiger Wächter sein sollte.“
Zweifellos konnte ich dem Gang seiner Erläuterung nicht folgen. Ich hörte zwar jedes Wort und schrieb es mit, und doch hing ich irgendwie einem eigenen inneren Dialog nach.
„Es fällt mir sehr schwer, dir zu folgen“, sagte ich.
„Würdest du dich nicht an dein Selbstgespräch klammern, dann hättest du keine Schwierigkeiten“, sagte er scharf.
Diese Bemerkung veranlasste mich zu einer langen, weitschweifigen Erklärung. Schließlich fing ich mich wieder und entschuldigte mich für meine beharrliche Selbstrechtfertigung.
Er lächelte und machte eine Gebärde, die anzudeuten schien, dass er sich nicht wirklich über mein Verhalten geärgert hatte.
„Das Tonal, das ist alles, was wir sind“, fuhr er fort. „Schau dich um! Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. Und da das Tonal nichts anderes ist als sein eigenes Tun, muss folglich alles in seine Sphäre fallen.“
„Ich verstehe noch immer nicht, Don Juan, was du mit der Feststellung meinst, dass das Tonal Alles sein soll“, meinte ich nach kurzer Pause.
„Das Tonal ist das, was die Welt schafft.“
„Ist das Tonal der Schöpfer der Welt?“
Don Juan kratzte sich am Kopf.
„Das Tonal schafft die Welt – das ist nur eine bildliche Redeweise. Es kann nichts erschaffen oder verändern, und doch schafft es die Welt, denn es ist seine Funktion, zu urteilen, zu bewerten und zu bezeugen. Ich sage, das Tonal schafft die Welt, denn es bezeugt und bewertet sie gemäß den Regeln des Tonal. Auf ganz seltsame Weise ist das Tonal ein Schöpfer, der nichts erschaffen kann. Mit anderen Worten, das Tonal stellt die Regeln auf, nach denen es die Welt begreift. Also erschafft es sozusagen die Welt.“
„Das Tonal ist eine Insel“, erklärte er. „Am besten kann man es beschreiben, wenn man sagt, dies hier ist das Tonal.“
Er strich mit der Hand über die Tischplatte.
„Man kann sagen, das Tonal ist wie diese Tischplatte. Eine Insel. Und auf dieser Insel haben wir alles mögliche. Diese Insel ist also die Welt.
Hier gibt es ein persönliches Tonal für jeden von uns, und da ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein kollektives für uns alle, das wir als das Tonal der Zeiten bezeichnen können.“
Er deutete auf die Tischreihen im Restaurant.
„Schau! Jeder Tisch zeigt das gleiche Bild. Auf allen gibt es gewisse Gegenstände. Doch sie unterscheiden sich im einzelnen voneinander. Auf manchen Tischen findet sich mehr als auf anderen. Verschiedene Speisen stehen auf ihnen, verschiedene Teller, da ist eine unterschiedliche Atmosphäre, und doch müssen wir zugeben, dass alle Tische in diesem Restaurant sich sehr ähnlich sind. Das gleiche gilt für das Tonal. Man kann sagen, es ist das Tonal der Zeiten, was uns einander ähnlich macht, genau wie es alle Tische im Restaurant sich gleich lässt. Dennoch ist jeder Tisch für sich ein Einzelfall, genau wie das persönliche Tonal eines jeden von uns. Doch das entscheidende Faktum, das wir nicht vergessen dürfen, ist, dass alles, was wir über uns selbst und unsere Welt wissen, sich auf der Insel des Tonal befindet. Siehst du, was ich meine?“
„Wenn das Tonal all das ist, was wir über uns und unsere Welt wissen, was ist dann das Nagual?“
„Das Nagual ist derjenige Teil von uns, der uns ganz unzugänglich ist.“
„Wie bitte?“
„Das Nagual ist der Teil von uns, für den es keine Beschreibung gibt – keine Wörter, keine Namen, keine Gefühle, kein Wissen.“
„Das ist ein Widerspruch, Don Juan. Wenn es nicht gefühlt oder beschrieben oder benannt werden kann, dann kann es meiner Meinung nach nicht existieren.“
„Nur deiner Meinung nach ist es ein Widerspruch. Ich habe dich schon gewarnt, bring dich nicht um im Bemühen, dies zu verstehen.“
„Würdest du sagen, dass das Nagual der Geist ist?“
„Nein. Der Geist ist nur ein Gegenstand auf dem Tisch. Der Geist ist Teil des Tonal. Sagen wir mal, der Geist ist diese Chiliflasche.“
Er nahm eine Gewürzflasche und stellte sie vor mir auf den Tisch.
„Ist das Nagual die Seele?“
„Nein. Auch die Seele gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir einmal an, die Seele sei der Aschenbecher.“
„Sind es die Gedanken der Menschen?“
„Nein. Auch die Gedanken sind auf dem Tisch. Die Gedanken sind das Besteck hier.“
„Ist es ein Zustand der Gnade? Der Himmel?“
„Nein, das auch nicht. Das, was es auch sein mag, ist ebenfalls Teil des Tonal. Sagen wir, es sei die Serviette.“
Ich fuhr fort und zählte alle Möglichkeiten der Beschreibung auf für das, was er meinen mochte: Intellekt, Psyche, Energie, Lebenskraft, Unsterblichkeit, Lebensprinzip. Für jeden Begriff, den ich nannte, fand er auf dem Tisch einen Gegenstand, den er als Gegenstück benutzte und vor mir aufbaute, bis er alle auf dem Tisch befindlichen Objekte auf einem Haufen versammelt hatte.
Don Juan schien die ganze Sache ungeheuren Spaß zu machen. Er kicherte und rieb sich die Hände, sooft ich eine weitere Möglichkeit erwähnte.
„Ist das Nagual das höchste Wesen? Der Allmächtige, Gott?“
„Nein. Auch Gott gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir an, Gott sei das Tischtuch.“
Er machte eine spaßige Gebärde, als wolle er das Tischtuch an den Zipfeln hochheben, um es über die anderen Gegenstände zu breiten, die er vor mir aufgestellt hatte.
„Aber sagtest du nicht, dass Gott nicht existiert?“
„Nein. Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass das Nagual nicht Gott ist, denn Gott ist ein Gegenstand unseres Tonal und des Tonal der Zeiten. Wie schon gesagt, das Tonal ist alles, woraus die Welt sich, wie wir glauben, zusammensetzt – einschließlich Gott, natürlich. Gott hat nicht mehr Bedeutung, als dass er ein Teil des Tonal unserer Zeiten ist.“
„In meinem Verständnis, Don Juan, ist Gott alles. Sprechen wir überhaupt über dasselbe?“
„Nein. Gott ist nur all das, was du zu denken vermagst, daher ist er, genauso genommen nur einer unter den Gegenständen auf der Insel. Man kann Gott nicht willentlich erleben, man kann nur über ihn sprechen. Das Nagual hingegen steht dem Krieger zu Gebot. Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber sprechen.“
„Wenn das Nagual keines der Dinge ist, die ich genannt habe, kannst du mir dann vielleicht etwas über seinen Aufenthaltsort sagen? Wo ist es?“
Don Juan fegte mit der Hand durch die Luft und wies auf den Raum außerhalb der Tischkante. Er bewegte die Hand, als wollte er eine imaginäre Oberfläche säubern, die über die Kanten des Tisches hinausreichte.
„Das Nagual ist dort“, sagte er. „Dort, es umgibt die Insel. Das Nagual ist dort, wo die Kraft schwebt.
Vom Augenblick unserer Geburt an fühlen wir, dass wir aus zwei Teilen bestehen. Zum Zeitpunkt der Geburt und noch kurz danach sind wir nur Nagual. Dann fühlen wir, dass wir, um zu funktionieren, ein Gegenstück zu dem brauchen, was wir haben. Was fehlt, ist das Tonal, und dies gibt uns von Anfang an das Gefühl der Unvollkommenheit. Dann fängt das Tonal an zu wachsen, und es wird ungemein wichtig, so wichtig, dass es den Glanz des Nagual verdunkelt, es zurückdrängt. Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal sind, tun wir nichts anderes, als jenes alte Gefühl der Unvollkommenheit zu verstärken, das uns seit dem Augenblick unserer Geburt begleitet und das uns beständig sagt, dass es noch einen anderen Teil braucht, um uns zu vervollständigen.
Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal werden, fangen wir an, Paare zu bilden. Wir fühlen unsere zwei Seiten, aber wir stellen sie uns immer nur anhand von Gegenständen des Tonal vor. So sagen wir, dass unsere zwei Teile Körper und Seele sind. Oder Geist und Materie. Oder Gut und Böse. Gott und Satan. Aber nie erkennen wir, dass wir nur Gegenstände unserer Insel zu Paare zusammenfassen, ganz ähnlich wie wenn wir Kaffee und Tee, Brot und Tortillas, Chili und Senf paarweise bezeichnen. Wir sind komische Wesen, sage ich dir. Wir tappen im Dunklen, und in unserer Torheit machen wir uns vor, alles zu verstehen.“
„Ich fürchte, ich habe nicht die richtige Frage gestellt“, sagte ich. „Vielleicht verstünden wir uns besser, wenn ich fragte, was sich im einzelnen in diesem Raum außerhalb der Insel befindet?“
„Das zu beantworten ist unmöglich. Würde ich sagen: Nichts, dann würde ich das Nagual nur zu einem Teil des Tonal machen. Man kann nichts anderes sagen, als dass man dort, jenseits der Insel, das Nagual findet.“
„Aber wenn du es das Nagual nennst, bringst du es dann nicht ebenfalls auf der Insel unter?“
„Nein. Ich habe ihm nur einen Namen gegeben, weil ich dich darauf aufmerksam machen wollte.“
„Na schön! Aber indem ich darauf aufmerksam werde, tue ich doch den Schritt, der das Nagual zu einem weiteren Gegenstand meines Tonal macht.“
„Ich fürchte, du verstehst nicht. Ich habe das Tonal und das Nagual als echtes Paar benannt. Etwas anderes habe ich nicht getan.“
Er erinnerte mich daran, dass ich einmal, als ich ihm erklären wollte, warum mir so viel am Sinn der Wörter gelegen sei, die Vorstellung erörtert hatte, dass Kinder vielleicht imstande sind, den Unterschied zwischen Vater und Mutter zu verstehen, bevor sie nicht eine Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie mit Sinn umgehen können, und dass sie vielleicht glauben könnten, „Vater“ bedeutet „Hosen tragen“, und „Mutter“ bedeute „Rock tragen“ – oder andere Unterscheidungen hinsichtlich der Haartracht, Körpergröße oder Kleidung.
„Sicher tun wir dasselbe mit unseren zwei Teilen“, sagte er. „Wir fühlen, dass es noch eine andere Seite von uns gibt. Aber sobald wir versuchen, diese andere Seite festzumachen, gelangt das Tonal ans Ruder, und als Kommandant ist es ziemlich kleinlich und eifersüchtig. Es blendet uns mit seiner List und zwingt uns, auch noch die leiseste Ahnung von dem anderen Teil des echten Paares, dem Nagual, auszutilgen.“
(aus „Der Ring der Kraft – Don Juan in den Städten“)
Dies war das erste Mal, seit wir uns kannten, dass er diese beiden Begriffe erwähnte. Aus der anthropologischen Literatur über die Kulturen Zentralmexikos war ich ungefähr mit ihnen vertraut. Ich wusste, dass das „Tonal“ (ausgesprochen tohna’hl) als eine Art Schutzgeist – in der Regel ein Tier – vorgestellt wurde, den ein Kind bei der Geburt erhielt und mit dem es sein Leben lang eine enge Beziehung unterhielt. „Nagual“ (ausgesprochen: nah’wa’hl) war der Name des Tieres, in das ein Zauberer sich angeblich verwandeln konnte, oder des Zauberers, der eine solche Verwandlung vornahm.
„Dies ist mein Tonal“, sagte Don Juan und strich sich mit den Händen über die Brust.
„Dein Anzug?“
„Nein, meine Person.“
Er klopfte sich auf die Brust, die Schenkel und die Rippen.
„All dies ist mein Tonal.“
Er erklärte, dass jeder Mensch zwei Seiten habe, zwei getrennte Wesenheiten, zwei Gegenstücke, die im Augenblick der Geburt ihr Dasein aufnehmen; das eine heiße „Tonal“, das andere das „Nagual“.
„Ich möchte sagen, Tonal und Nagual sind ausschließlich den Wissenden zugänglich. In deinem Fall ist dies sozusagen der Deckel, der alles abschließt, was ich dich bisher gelehrt habe, um dir davon zu erzählen.
Das Tonal ist nicht ein Tier, das über einen Menschen wacht. Eher könnte man sagen, es ist ein Wächter, den man sich als ein Tier vorstellen kann. Aber dies ist nicht die entscheidende Frage.“
Er lächelte und zwinkerte mir zu.
„Ich will jetzt mal deine Worte gebrauchen“, sagte er. „Das Tonal ist die soziale Person.“
Er lachte, wie ich annahm, über mein bestürztes Gesicht.
„Das Tonal gilt, mit Recht, als ein Beschützer, ein Wächter – ein Wächter, der sich meistens in einen Wärter verwandelt.“
„Das Tonal ist der Organisator der Welt“, fuhr er fort. „Vielleicht kann man seine gewaltige Arbeit am besten beschreiben, wenn man sagt, dass auf seinen Schultern die Aufgabe ruht, das Chaos der Welt zu ordnen. Es ist nicht zu weit hergeholt, wenn man – wie die Zauberer – behauptet, dass alles, was wir als Menschen wissen und tun, das Werk des Tonal ist.
Im Augenblick zum Beispiel ist es dein Tonal, das versucht, unser Gespräch zu verstehen. Ohne dieses gäbe es nur komische Geräusche und Grimassen, und du würdest nichts von alledem verstehen, was ich sage.
Ich sage also, das Tonal ist ein Wächter, der etwas Kostbares bewacht, unser ganzes Sein. Daher ist es eine wesentliche Eigenschaft des Tonal, dass es bei seinem Tun vorsichtig und bedachtsam ist. Und da seine Taten der bei weitem wichtigste Teil unseres Leben sind, ist es kein Wunder, dass es sich schließlich bei jedem von uns aus einem Wächter in einen Wärter verwandelt.“
Er hielt inne und fragte mich, ob ich verstanden hätte. Automatisch nickte ich bestätigend, und er lächelte mit ungläubiger Miene.
„Ein Wächter ist großzügig und verständnisvoll“, erklärte er. „Ein Wärter dagegen ist ein Sicherheitsorgan, engherzig und meistens despotisch. Ich behaupte also, dass das Tonal bei uns allen zu einem kleinlichen, despotischen Wärter gemacht wird, während es doch ein großzügiger Wächter sein sollte.“
Zweifellos konnte ich dem Gang seiner Erläuterung nicht folgen. Ich hörte zwar jedes Wort und schrieb es mit, und doch hing ich irgendwie einem eigenen inneren Dialog nach.
„Es fällt mir sehr schwer, dir zu folgen“, sagte ich.
„Würdest du dich nicht an dein Selbstgespräch klammern, dann hättest du keine Schwierigkeiten“, sagte er scharf.
Diese Bemerkung veranlasste mich zu einer langen, weitschweifigen Erklärung. Schließlich fing ich mich wieder und entschuldigte mich für meine beharrliche Selbstrechtfertigung.
Er lächelte und machte eine Gebärde, die anzudeuten schien, dass er sich nicht wirklich über mein Verhalten geärgert hatte.
„Das Tonal, das ist alles, was wir sind“, fuhr er fort. „Schau dich um! Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. Und da das Tonal nichts anderes ist als sein eigenes Tun, muss folglich alles in seine Sphäre fallen.“
„Ich verstehe noch immer nicht, Don Juan, was du mit der Feststellung meinst, dass das Tonal Alles sein soll“, meinte ich nach kurzer Pause.
„Das Tonal ist das, was die Welt schafft.“
„Ist das Tonal der Schöpfer der Welt?“
Don Juan kratzte sich am Kopf.
„Das Tonal schafft die Welt – das ist nur eine bildliche Redeweise. Es kann nichts erschaffen oder verändern, und doch schafft es die Welt, denn es ist seine Funktion, zu urteilen, zu bewerten und zu bezeugen. Ich sage, das Tonal schafft die Welt, denn es bezeugt und bewertet sie gemäß den Regeln des Tonal. Auf ganz seltsame Weise ist das Tonal ein Schöpfer, der nichts erschaffen kann. Mit anderen Worten, das Tonal stellt die Regeln auf, nach denen es die Welt begreift. Also erschafft es sozusagen die Welt.“
„Das Tonal ist eine Insel“, erklärte er. „Am besten kann man es beschreiben, wenn man sagt, dies hier ist das Tonal.“
Er strich mit der Hand über die Tischplatte.
„Man kann sagen, das Tonal ist wie diese Tischplatte. Eine Insel. Und auf dieser Insel haben wir alles mögliche. Diese Insel ist also die Welt.
Hier gibt es ein persönliches Tonal für jeden von uns, und da ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein kollektives für uns alle, das wir als das Tonal der Zeiten bezeichnen können.“
Er deutete auf die Tischreihen im Restaurant.
„Schau! Jeder Tisch zeigt das gleiche Bild. Auf allen gibt es gewisse Gegenstände. Doch sie unterscheiden sich im einzelnen voneinander. Auf manchen Tischen findet sich mehr als auf anderen. Verschiedene Speisen stehen auf ihnen, verschiedene Teller, da ist eine unterschiedliche Atmosphäre, und doch müssen wir zugeben, dass alle Tische in diesem Restaurant sich sehr ähnlich sind. Das gleiche gilt für das Tonal. Man kann sagen, es ist das Tonal der Zeiten, was uns einander ähnlich macht, genau wie es alle Tische im Restaurant sich gleich lässt. Dennoch ist jeder Tisch für sich ein Einzelfall, genau wie das persönliche Tonal eines jeden von uns. Doch das entscheidende Faktum, das wir nicht vergessen dürfen, ist, dass alles, was wir über uns selbst und unsere Welt wissen, sich auf der Insel des Tonal befindet. Siehst du, was ich meine?“
„Wenn das Tonal all das ist, was wir über uns und unsere Welt wissen, was ist dann das Nagual?“
„Das Nagual ist derjenige Teil von uns, der uns ganz unzugänglich ist.“
„Wie bitte?“
„Das Nagual ist der Teil von uns, für den es keine Beschreibung gibt – keine Wörter, keine Namen, keine Gefühle, kein Wissen.“
„Das ist ein Widerspruch, Don Juan. Wenn es nicht gefühlt oder beschrieben oder benannt werden kann, dann kann es meiner Meinung nach nicht existieren.“
„Nur deiner Meinung nach ist es ein Widerspruch. Ich habe dich schon gewarnt, bring dich nicht um im Bemühen, dies zu verstehen.“
„Würdest du sagen, dass das Nagual der Geist ist?“
„Nein. Der Geist ist nur ein Gegenstand auf dem Tisch. Der Geist ist Teil des Tonal. Sagen wir mal, der Geist ist diese Chiliflasche.“
Er nahm eine Gewürzflasche und stellte sie vor mir auf den Tisch.
„Ist das Nagual die Seele?“
„Nein. Auch die Seele gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir einmal an, die Seele sei der Aschenbecher.“
„Sind es die Gedanken der Menschen?“
„Nein. Auch die Gedanken sind auf dem Tisch. Die Gedanken sind das Besteck hier.“
„Ist es ein Zustand der Gnade? Der Himmel?“
„Nein, das auch nicht. Das, was es auch sein mag, ist ebenfalls Teil des Tonal. Sagen wir, es sei die Serviette.“
Ich fuhr fort und zählte alle Möglichkeiten der Beschreibung auf für das, was er meinen mochte: Intellekt, Psyche, Energie, Lebenskraft, Unsterblichkeit, Lebensprinzip. Für jeden Begriff, den ich nannte, fand er auf dem Tisch einen Gegenstand, den er als Gegenstück benutzte und vor mir aufbaute, bis er alle auf dem Tisch befindlichen Objekte auf einem Haufen versammelt hatte.
Don Juan schien die ganze Sache ungeheuren Spaß zu machen. Er kicherte und rieb sich die Hände, sooft ich eine weitere Möglichkeit erwähnte.
„Ist das Nagual das höchste Wesen? Der Allmächtige, Gott?“
„Nein. Auch Gott gibt es auf dem Tisch. Nehmen wir an, Gott sei das Tischtuch.“
Er machte eine spaßige Gebärde, als wolle er das Tischtuch an den Zipfeln hochheben, um es über die anderen Gegenstände zu breiten, die er vor mir aufgestellt hatte.
„Aber sagtest du nicht, dass Gott nicht existiert?“
„Nein. Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass das Nagual nicht Gott ist, denn Gott ist ein Gegenstand unseres Tonal und des Tonal der Zeiten. Wie schon gesagt, das Tonal ist alles, woraus die Welt sich, wie wir glauben, zusammensetzt – einschließlich Gott, natürlich. Gott hat nicht mehr Bedeutung, als dass er ein Teil des Tonal unserer Zeiten ist.“
„In meinem Verständnis, Don Juan, ist Gott alles. Sprechen wir überhaupt über dasselbe?“
„Nein. Gott ist nur all das, was du zu denken vermagst, daher ist er, genauso genommen nur einer unter den Gegenständen auf der Insel. Man kann Gott nicht willentlich erleben, man kann nur über ihn sprechen. Das Nagual hingegen steht dem Krieger zu Gebot. Man kann es erleben, aber man kann nicht darüber sprechen.“
„Wenn das Nagual keines der Dinge ist, die ich genannt habe, kannst du mir dann vielleicht etwas über seinen Aufenthaltsort sagen? Wo ist es?“
Don Juan fegte mit der Hand durch die Luft und wies auf den Raum außerhalb der Tischkante. Er bewegte die Hand, als wollte er eine imaginäre Oberfläche säubern, die über die Kanten des Tisches hinausreichte.
„Das Nagual ist dort“, sagte er. „Dort, es umgibt die Insel. Das Nagual ist dort, wo die Kraft schwebt.
Vom Augenblick unserer Geburt an fühlen wir, dass wir aus zwei Teilen bestehen. Zum Zeitpunkt der Geburt und noch kurz danach sind wir nur Nagual. Dann fühlen wir, dass wir, um zu funktionieren, ein Gegenstück zu dem brauchen, was wir haben. Was fehlt, ist das Tonal, und dies gibt uns von Anfang an das Gefühl der Unvollkommenheit. Dann fängt das Tonal an zu wachsen, und es wird ungemein wichtig, so wichtig, dass es den Glanz des Nagual verdunkelt, es zurückdrängt. Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal sind, tun wir nichts anderes, als jenes alte Gefühl der Unvollkommenheit zu verstärken, das uns seit dem Augenblick unserer Geburt begleitet und das uns beständig sagt, dass es noch einen anderen Teil braucht, um uns zu vervollständigen.
Von dem Augenblick an, da wir ganz Tonal werden, fangen wir an, Paare zu bilden. Wir fühlen unsere zwei Seiten, aber wir stellen sie uns immer nur anhand von Gegenständen des Tonal vor. So sagen wir, dass unsere zwei Teile Körper und Seele sind. Oder Geist und Materie. Oder Gut und Böse. Gott und Satan. Aber nie erkennen wir, dass wir nur Gegenstände unserer Insel zu Paare zusammenfassen, ganz ähnlich wie wenn wir Kaffee und Tee, Brot und Tortillas, Chili und Senf paarweise bezeichnen. Wir sind komische Wesen, sage ich dir. Wir tappen im Dunklen, und in unserer Torheit machen wir uns vor, alles zu verstehen.“
„Ich fürchte, ich habe nicht die richtige Frage gestellt“, sagte ich. „Vielleicht verstünden wir uns besser, wenn ich fragte, was sich im einzelnen in diesem Raum außerhalb der Insel befindet?“
„Das zu beantworten ist unmöglich. Würde ich sagen: Nichts, dann würde ich das Nagual nur zu einem Teil des Tonal machen. Man kann nichts anderes sagen, als dass man dort, jenseits der Insel, das Nagual findet.“
„Aber wenn du es das Nagual nennst, bringst du es dann nicht ebenfalls auf der Insel unter?“
„Nein. Ich habe ihm nur einen Namen gegeben, weil ich dich darauf aufmerksam machen wollte.“
„Na schön! Aber indem ich darauf aufmerksam werde, tue ich doch den Schritt, der das Nagual zu einem weiteren Gegenstand meines Tonal macht.“
„Ich fürchte, du verstehst nicht. Ich habe das Tonal und das Nagual als echtes Paar benannt. Etwas anderes habe ich nicht getan.“
Er erinnerte mich daran, dass ich einmal, als ich ihm erklären wollte, warum mir so viel am Sinn der Wörter gelegen sei, die Vorstellung erörtert hatte, dass Kinder vielleicht imstande sind, den Unterschied zwischen Vater und Mutter zu verstehen, bevor sie nicht eine Entwicklungsstufe erreicht haben, auf der sie mit Sinn umgehen können, und dass sie vielleicht glauben könnten, „Vater“ bedeutet „Hosen tragen“, und „Mutter“ bedeute „Rock tragen“ – oder andere Unterscheidungen hinsichtlich der Haartracht, Körpergröße oder Kleidung.
„Sicher tun wir dasselbe mit unseren zwei Teilen“, sagte er. „Wir fühlen, dass es noch eine andere Seite von uns gibt. Aber sobald wir versuchen, diese andere Seite festzumachen, gelangt das Tonal ans Ruder, und als Kommandant ist es ziemlich kleinlich und eifersüchtig. Es blendet uns mit seiner List und zwingt uns, auch noch die leiseste Ahnung von dem anderen Teil des echten Paares, dem Nagual, auszutilgen.“
(aus „Der Ring der Kraft – Don Juan in den Städten“)
Mittwoch, 15. September 2010
Die menschliche Form
„Die Meisterschaft des Bewusstseins ist es, die dem Montagepunkt einen Schub versetzt. Immerhin hat’s mit uns Menschen nicht viel auf sich: wir sind im Wesentlichen ein Montagepunkt, der an eine bestimmte Position fixiert ist. Unser Feind, und zugleich unser Freund, ist der innere Dialog, unser inneres Inventar. Sei ein Krieger. Schalte deinen inneren Dialog ab. Mache dein Inventar und wirf es zum Fenster hinaus. Die neuen Seher legen sorgfältige Inventare an und lachen am Ende darüber. Ohne das Inventar wird der Montagepunkt frei.“
Don Juan erinnerte mich daran, dass er viel über den stabilen Aspekt unseres menschlichen Inventars gesprochen habe: unsere Vorstellung Gottes. Dieser Aspekt, sagte er, wirke wie ein starker Leim, der den Montagepunkt an seine ursprüngliche Position binde. Falls ich aber eine andere wahrhafte Welt, aus einem anderen großen Emanations-Band montieren wolle, müsse ich einen unvermeidlichen Schritt tun und meinen Montagepunkt von all diesen Dingen freimachen.
Dieser Schritt bedeutet, die Form des Menschen zu sehen“, sagte er. „Das wirst du heute tun müssen, und zwar ohne Hilfe.“
„Was ist die Form des Menschen?“ fragte ich.
„Ich habe dir viele Male geholfen, sie zu sehen“, sagte er. „Du weißt, wovon ich spreche.“
Ich verzichtete auf meinen Einwand, ich wisse gar nicht, worum er spräche. Wenn er sagte, ich hätte die Form des Menschen gesehen, dann musste ich sie gesehen haben, auch wenn ich nicht die blasseste Ahnung hatte, wie sie aussehen sollte.
Er wusste, was mir durch den Kopf ging. Er zeigte mir ein wissendes Lächeln und schüttelte bedächtig den Kopf.
„Die Form des Menschen ist ein riesiges Bündel von Emanationen im großen Band des organischen Lebens“, sagte er. „Man nennt sie die Form des Menschen, weil das Bündel nur im Kokon des Menschen sichtbar wird. Die Form des Menschen ist jener Teil der Emanationen des Adlers, den die Seher direkt sehen, ohne sich in Gefahr zu bringen.“
„Die Wahrnehmungsbarriere zu durchbrechen, das ist die letzte Aufgabe der Meisterschaft des Bewusstseins“, sagte er. „Um den Montagepunkt in diese Position zu bewegen, musst du genügend Energie ansammeln. Eine Wieder-Entdeckungsreise machen. Dich erinnern, was du getan hast.“
Ich versuchte vergeblich, mich zu erinnern, was die Form des Menschen sei. Ich empfand eine unerträgliche Frustration, die alsbald in echte Wut umschlug. Ich war böse auf mich selbst, auf Don Juan, auf jeden.
Don Juan blieb ungerührt durch meinen Zorn. Ärger, stellte er sachlich fest, sei eine ganz natürliche Reaktion auf das Widerstreben des Montagepunktes, sich auf Befehl zu bewegen.
Dann erklärte er mir ausführlich, was die Form des Menschen sei. Er sprach nicht darüber im Sinne der Emanationen des Adlers, sondern im Sinne einer energetischen Struktur, die in der Lage sei, einem amorphen Klumpen biologischer Materie die Eigenschaften des Menschlichen aufzuprägen. Zumindest verstand ich es so, zumal er mir die Form des Menschen in mechanischen Gleichnissen schilderte. Sie sei ein gigantischer Prägestock, sagte er, der in endloser Folge menschliche Wesen ausstanze, als kämen sie von einem Fabriksfließband.
Er sagte auch, dass jede Gattung ihre Form habe und dass jedes auf diese Weise geformte Individuum einer jeden Gattung die seiner Art entsprechenden Merkmale aufweise.
Und dann gab er mir eine beruhigende Schilderung dieser Form des Menschen. Die alten Seher, sagte er, hätten mit den abendländischen Mystikern eines gemeinsam, nämlich, dass sie die Form des Menschen sahen, ohne jedoch zu verstehen, was sie sei. Die Mystiker aller Jahrhunderte hätten uns ergreifende Berichte von ihren Erfahrungen hinterlassen. Diese Berichte, so schön sie wären, litten alle an den einen großen, hoffnungsvollen Mangel, dass darin die Form des Menschen als allmächtiger, allwissender Schöpfer aufgefasst würde. Das gleiche gelte auch für die Deutung der alten Seher, die die Form des Menschen als freundlichen Geist, als Beschützer der Menschen bezeichnete.
Einzig die neuen Seher, sagte er, seien nüchtern genug, die Form des Menschen als das zu sehen und zu verstehen, was sie sei. Und sie hatten erkannt, dass die Form des Menschen kein Schöpfer sei, sondern das Prägemuster aller nur denk- oder vorstellbaren menschlichen Eigenschaften. Die Form, sagte er, sei unser Gott, weil wir nun eben das seien, was uns präge, und nicht etwa, weil sie uns aus dem Nichts und nach ihrem Ebenbild geschaffen hätte. Wollten wir vor der Form des Menschen auf die Knie fallen, so sei dies in Don Juans Augen ein Zeichen von Arroganz und menschlicher Selbstbezogenheit.
Er gab mir einen Schlag auf die rechte Körperseite, zwischen Hüftknochen und Brustkorb. Der Schlag ließ mich davon schweben in ein strahlendes Licht, in einen durchsichtigen Quell der friedlichsten und köstlichsten Seligkeit. Dieses Licht war ein sicherer Hort, eine Oase in all der Schwärze, die mich umgab.
Während ich mit aller Inbrunst, deren ich fähig war, in das Licht starrte, fing das Licht an sich zu verdichten, und ich sah einen Mann. Einen leuchtenden Mann, der Charisma ausstrahlte. Der Liebe, Verstehen, Aufrichtigkeit und Wahrheit ausstrahlte. Ein Mann, der die Quintessenz alles Guten war.
Die Inbrunst, mit der ich diesen Mann sah, übertraf alles, was ich je in meinem Leben empfunden hatte. Ich fiel auf die Knie. Ich wollte den Mensch gewordenen Gott anbeten, aber Don Juan schritt ein und versetzte mir einen Schlag auf die Brust, in Höhe des Schlüsselbeins, und ich verlor den Anblick Gottes.
Don Juan machte sich lustig über mich. Er nannte mich einen unbekümmerten Frömmler und meinte, ich hätte das Zeug zum Priester.
„Und der Mann?“ fragte er. „Du kannst wohl nicht vergessen, dass Gott ein Mann ist?“
Nun erinnerte ich mich, dass ich die Form des Menschen fünfmal im Laufe der Jahre gesehen hatte.
(Auch damals) fiel ich auf die Knie, aber nicht aus Frömmigkeit, sondern aus psychische Reaktion auf meine Ergriffenheit. Der Anblick der Form des Menschen war erstaunlicher denn je. Ohne alle Überheblichkeit glaubte ich, eine gewaltige Veränderung durchgemacht zu haben – seit damals, als ich sie zum ersten Mal sah. All die Dinge, die ich gesehen und gelernt hatte, vermittelten mir nur eine tiefere Dankbarkeit für das Wunder, das da vor meinen Augen geschah.
Die Form des Menschen hatte keine Macht, mich zu beschützen oder zu verschonen, und doch liebte ich sie mit einer Leidenschaft, die kein Ende kannte.
Jetzt glaubte ich auch zu verstehen, was Don Juan mir immer wieder gesagt hatte, nämlich, dass wahre Liebe keine Investition sein kann. Mit Freuden hätte ich mich dem Dienst an der Form des Menschen gewidmet, nicht um dessenthalben, was sie mir geben konnte, denn sie hatte nichts zu geben, sondern um der reinen Liebe wegen, die ich für sie empfand.
Ich sah keinen Grund mich zu rechtfertigen. Meine Liebe zur Form des Menschen war frei, ohne Gedanken an einen Lohn. Es machte mir nichts aus, dass mein Gelübde wertlos sein sollte.
(Textausschnitte aus „Das Feuer von innen“)
Don Juan erinnerte mich daran, dass er viel über den stabilen Aspekt unseres menschlichen Inventars gesprochen habe: unsere Vorstellung Gottes. Dieser Aspekt, sagte er, wirke wie ein starker Leim, der den Montagepunkt an seine ursprüngliche Position binde. Falls ich aber eine andere wahrhafte Welt, aus einem anderen großen Emanations-Band montieren wolle, müsse ich einen unvermeidlichen Schritt tun und meinen Montagepunkt von all diesen Dingen freimachen.
Dieser Schritt bedeutet, die Form des Menschen zu sehen“, sagte er. „Das wirst du heute tun müssen, und zwar ohne Hilfe.“
„Was ist die Form des Menschen?“ fragte ich.
„Ich habe dir viele Male geholfen, sie zu sehen“, sagte er. „Du weißt, wovon ich spreche.“
Ich verzichtete auf meinen Einwand, ich wisse gar nicht, worum er spräche. Wenn er sagte, ich hätte die Form des Menschen gesehen, dann musste ich sie gesehen haben, auch wenn ich nicht die blasseste Ahnung hatte, wie sie aussehen sollte.
Er wusste, was mir durch den Kopf ging. Er zeigte mir ein wissendes Lächeln und schüttelte bedächtig den Kopf.
„Die Form des Menschen ist ein riesiges Bündel von Emanationen im großen Band des organischen Lebens“, sagte er. „Man nennt sie die Form des Menschen, weil das Bündel nur im Kokon des Menschen sichtbar wird. Die Form des Menschen ist jener Teil der Emanationen des Adlers, den die Seher direkt sehen, ohne sich in Gefahr zu bringen.“
„Die Wahrnehmungsbarriere zu durchbrechen, das ist die letzte Aufgabe der Meisterschaft des Bewusstseins“, sagte er. „Um den Montagepunkt in diese Position zu bewegen, musst du genügend Energie ansammeln. Eine Wieder-Entdeckungsreise machen. Dich erinnern, was du getan hast.“
Ich versuchte vergeblich, mich zu erinnern, was die Form des Menschen sei. Ich empfand eine unerträgliche Frustration, die alsbald in echte Wut umschlug. Ich war böse auf mich selbst, auf Don Juan, auf jeden.
Don Juan blieb ungerührt durch meinen Zorn. Ärger, stellte er sachlich fest, sei eine ganz natürliche Reaktion auf das Widerstreben des Montagepunktes, sich auf Befehl zu bewegen.
Dann erklärte er mir ausführlich, was die Form des Menschen sei. Er sprach nicht darüber im Sinne der Emanationen des Adlers, sondern im Sinne einer energetischen Struktur, die in der Lage sei, einem amorphen Klumpen biologischer Materie die Eigenschaften des Menschlichen aufzuprägen. Zumindest verstand ich es so, zumal er mir die Form des Menschen in mechanischen Gleichnissen schilderte. Sie sei ein gigantischer Prägestock, sagte er, der in endloser Folge menschliche Wesen ausstanze, als kämen sie von einem Fabriksfließband.
Er sagte auch, dass jede Gattung ihre Form habe und dass jedes auf diese Weise geformte Individuum einer jeden Gattung die seiner Art entsprechenden Merkmale aufweise.
Und dann gab er mir eine beruhigende Schilderung dieser Form des Menschen. Die alten Seher, sagte er, hätten mit den abendländischen Mystikern eines gemeinsam, nämlich, dass sie die Form des Menschen sahen, ohne jedoch zu verstehen, was sie sei. Die Mystiker aller Jahrhunderte hätten uns ergreifende Berichte von ihren Erfahrungen hinterlassen. Diese Berichte, so schön sie wären, litten alle an den einen großen, hoffnungsvollen Mangel, dass darin die Form des Menschen als allmächtiger, allwissender Schöpfer aufgefasst würde. Das gleiche gelte auch für die Deutung der alten Seher, die die Form des Menschen als freundlichen Geist, als Beschützer der Menschen bezeichnete.
Einzig die neuen Seher, sagte er, seien nüchtern genug, die Form des Menschen als das zu sehen und zu verstehen, was sie sei. Und sie hatten erkannt, dass die Form des Menschen kein Schöpfer sei, sondern das Prägemuster aller nur denk- oder vorstellbaren menschlichen Eigenschaften. Die Form, sagte er, sei unser Gott, weil wir nun eben das seien, was uns präge, und nicht etwa, weil sie uns aus dem Nichts und nach ihrem Ebenbild geschaffen hätte. Wollten wir vor der Form des Menschen auf die Knie fallen, so sei dies in Don Juans Augen ein Zeichen von Arroganz und menschlicher Selbstbezogenheit.
Er gab mir einen Schlag auf die rechte Körperseite, zwischen Hüftknochen und Brustkorb. Der Schlag ließ mich davon schweben in ein strahlendes Licht, in einen durchsichtigen Quell der friedlichsten und köstlichsten Seligkeit. Dieses Licht war ein sicherer Hort, eine Oase in all der Schwärze, die mich umgab.
Während ich mit aller Inbrunst, deren ich fähig war, in das Licht starrte, fing das Licht an sich zu verdichten, und ich sah einen Mann. Einen leuchtenden Mann, der Charisma ausstrahlte. Der Liebe, Verstehen, Aufrichtigkeit und Wahrheit ausstrahlte. Ein Mann, der die Quintessenz alles Guten war.
Die Inbrunst, mit der ich diesen Mann sah, übertraf alles, was ich je in meinem Leben empfunden hatte. Ich fiel auf die Knie. Ich wollte den Mensch gewordenen Gott anbeten, aber Don Juan schritt ein und versetzte mir einen Schlag auf die Brust, in Höhe des Schlüsselbeins, und ich verlor den Anblick Gottes.
Don Juan machte sich lustig über mich. Er nannte mich einen unbekümmerten Frömmler und meinte, ich hätte das Zeug zum Priester.
„Und der Mann?“ fragte er. „Du kannst wohl nicht vergessen, dass Gott ein Mann ist?“
Nun erinnerte ich mich, dass ich die Form des Menschen fünfmal im Laufe der Jahre gesehen hatte.
(Auch damals) fiel ich auf die Knie, aber nicht aus Frömmigkeit, sondern aus psychische Reaktion auf meine Ergriffenheit. Der Anblick der Form des Menschen war erstaunlicher denn je. Ohne alle Überheblichkeit glaubte ich, eine gewaltige Veränderung durchgemacht zu haben – seit damals, als ich sie zum ersten Mal sah. All die Dinge, die ich gesehen und gelernt hatte, vermittelten mir nur eine tiefere Dankbarkeit für das Wunder, das da vor meinen Augen geschah.
Die Form des Menschen hatte keine Macht, mich zu beschützen oder zu verschonen, und doch liebte ich sie mit einer Leidenschaft, die kein Ende kannte.
Jetzt glaubte ich auch zu verstehen, was Don Juan mir immer wieder gesagt hatte, nämlich, dass wahre Liebe keine Investition sein kann. Mit Freuden hätte ich mich dem Dienst an der Form des Menschen gewidmet, nicht um dessenthalben, was sie mir geben konnte, denn sie hatte nichts zu geben, sondern um der reinen Liebe wegen, die ich für sie empfand.
Ich sah keinen Grund mich zu rechtfertigen. Meine Liebe zur Form des Menschen war frei, ohne Gedanken an einen Lohn. Es machte mir nichts aus, dass mein Gelübde wertlos sein sollte.
(Textausschnitte aus „Das Feuer von innen“)
Dienstag, 14. September 2010
Kontrollierte Torheit
„Meine Handlungen sind aufrichtig“, sagte Don Juan“, aber sie sind nur die Handlungen eines Schauspielers.“
„Dann muss alles, was du tust, kontrollierte Torheit sein“, sagte ich, ehrlich überrascht.
„Ja, alles“, sagte er.
„Aber es kann doch nicht wahr sein“, wandte ich ein, „dass alle deine Handlungen nur kontrollierte Torheit sind.“
„Warum nicht?“ sagte er und sah mich geheimnisvoll an.
„Das würde heißen, dass im Grunde nichts an dich herankommt und dass dir an keiner Sache und keiner Person wirklich liegt. Nimm mich, zum Beispiel. Willst du sagen, dass es dir egal ist, ob ich ein Wissender werde oder nicht, oder ob ich lebe oder sterbe oder sonst was tu?“
„Richtig! So ist es. Du bist wie Lucio (Don Juans Enkelsohn) oder wie jeder andere in meinem Leben, meiner kontrollierten Torheit.“
Ich hatte ein eigenartig leeres Gefühl. Selbstverständlich gab es keinen Grund, warum Don Juan an mir etwas liegen sollte, aber andererseits war ich so gut wie sicher, dass er persönlich Anteil an mir nahm. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen, da er mir immer seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ich hatte den Verdacht, dass Don Juan dies, weil er sich über mich ärgerte. Immerhin hatte ich seine Lehren abgebrochen.
„Ich glaube, dass wir nicht über dasselbe sprechen“, sagte ich. „Ich hätte mich aus dem Spiel lassen sollen. Was ich sagen wollte, war, dass es irgend etwas auf der Welt geben muss, an dem dir in einer Weise liegt, die du nicht als kontrollierte Torheit bezeichnest. Ich glaube nicht, dass man weiterleben kann, wenn einem nichts nahe geht.“
„Das trifft auf dich zu“, sagte er. „Dir gehen die Dinge nahe. Du hast mich nach meiner kontrollierten Torheit gefragt, und ich habe dir geantwortet, dass alles, was ich in Bezug auf mich und meine Mitmenschen unternehme, Torheit ist, weil nichts wichtig ist.“
„Ich meine folgendes, Don Juan: wenn dir nichts nahe geht, wie kannst du dann weiterleben?“
Er lachte, und nach einer kurzen Pause, während er zu überlegen schien, ob er mir antworten sollte, stand er auch und ging hinter das Haus. Ich folgte ihm.
„Warte, Don Juan, warte“, rief ich. „Ich möchte es wirklich wissen. Du musst mir erklären, was du meinst.“
„Vielleicht kann man es nicht erklären“, sagte er. „Dir gehen bestimmte Dinge in deinem Leben nahe, weil sie wichtig sind. Deine Handlungen sind für dich sicher wichtig, aber für mich ist gar nichts mehr wichtig, weder meine Handlungen noch die Handlungen irgendeines meiner Mitmenschen. Ich lebe trotzdem weiter, weil ich meinen Willen habe. Weil ich mein ganzes Leben lang meinen Willen gezähmt habe, bis er klar und dienstbar wurde, und jetzt macht es mir nichts mehr aus, dass nichts wichtig ist. Mein Wille kontrolliert die Torheit meines Lebens.“
Er hockte sich nieder und fuhr mit den Fingern über ein paar Kräuter, die er auf einem großen Stück Sackleinen in die Sonne zum Trocknen gelegt hatte. Ich war verblüfft. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Frage in eine solche Richtung führen würde. Nach einer langen Pause fiel mir ein guter Einwand ein. Ich sagte, dass für mich gewisse Handlungen meiner Mitmenschen von größter Bedeutung seien. Ich erwähnte den Atomkrieg als das zweifellos drastische Beispiel einer solchen Handlung. Die Zerstörung des Lebens auf der Erde, sagte ich, sei für mich eine erschreckende Ungeheuerlichkeit.
„Das glaubst du, weil du dir Gedanken machst. Du denkst über das Leben nach“, sagte Don Juan augenzwinkernd. „Du ‚siehst’ nicht.“
„Wäre ich anderer Meinung, wenn ich ‚sehen’ würde?“
„Sobald ein Mann ‚sehen’ lernt, stellt er fest, dass er allein auf der Welt und nur von Torheit umgeben ist“, sagte Don Juan rätselhaft.
Er machte eine Pause und sah mich an, als wolle er die Wirkung seiner Worte abschätzen.
„Deine Handlungen, wie auch die Handlungen deiner Mitmenschen im allgemeinen, erscheinen dir wichtig, weil du gelernt hast, sie wichtig zu nehmen.“
Er sprach das Wort „gelernt“ mit so eigenartiger Betonung aus, dass ich ihn fragen musste, was er damit meinte.
„Wir lernen, über alles nachzudenken, und dann üben wir unsere Augen darin, die Dinge so zu sehen, wie wir über sie denken. Wir schauen uns an und sind im voraus überzeugt, dass wir wichtig sind. Darum müssen wir uns wichtig ‚vorkommen’! Aber wenn ein Mann ‚sehen’ lernt, erkennt er, dass er nicht länger über die Dinge nachdenken kann, die er anschaut, und wenn er erkennt, dass er über das, was er sieht, nicht mehr nachdenken kann, dann wird alles unwichtig.“
„Wie übt ein Wissender seine kontrollierte Torheit, wenn ein Mensch, den er liebt, stirbt?“ fragte ich.
Don Juan war von meiner Frage überrascht und sah mich belustigt an.
„Nimm zum Beispiel deinen Enkel Lucio“, sagte ich. „Wenn er stürbe, wäre dann dein Handeln kontrollierte Torheit?“
„Sprechen wir lieber von meinem Sohn Eulalio“, antwortete Don Juan ruhig, „das ist ein besseres Beispiel. Er wurde bei den Bauarbeiten am Pan American Highway von herabfallenden Gestein zerschmettert. Mein Verhalten ihm gegenüber, im Augenblick seines Todes, war kontrollierte Torheit. Als ich auf dem Sprengplatz ankam, war er fast tot, aber sein Körper war so stark, dass er sich noch immer bewegte und aufbäumte. Ich stand vor ihm und sagte den Leuten von der Straßenbaugruppe, sie sollten ihn nicht forttragen. Sie gehorchten und standen dort um meinen Sohn herum und schauten auf seinen verstümmelten Körper herab. Auch ich stand dort, aber ich schaute nicht hin. Ich veränderte meine Augen um zu ‚sehen’, wie sein persönliches Leben sich auflöste und sich unkontrollierbar über seine Grenzen hinaus ausdehnte, wie ein Kristallnebel; denn so ist es, wenn Leben und Tod sich verbinden und ausdehnen. So verhielt ich mich, als mein Sohn starb. Das ist alles, was man überhaupt tun kann, und es ist kontrollierte Torheit. Hätte ich ihn angeschaut, dann hätte ich beobachtet, wie er allmählich erstarrte, und ich hätte in meinem Inneren einen Schrei gespürt, weil ich nie wieder seine schöne Gestalt über die Erde würde schreiten sehen. Statt dessen ‚sah’ ich seinen Tod, und da war keine Trauer, kein Gefühl. Sein Tod war allem anderen gleich.“
Aus „Eine andere Wirklichkeit“
„Dann muss alles, was du tust, kontrollierte Torheit sein“, sagte ich, ehrlich überrascht.
„Ja, alles“, sagte er.
„Aber es kann doch nicht wahr sein“, wandte ich ein, „dass alle deine Handlungen nur kontrollierte Torheit sind.“
„Warum nicht?“ sagte er und sah mich geheimnisvoll an.
„Das würde heißen, dass im Grunde nichts an dich herankommt und dass dir an keiner Sache und keiner Person wirklich liegt. Nimm mich, zum Beispiel. Willst du sagen, dass es dir egal ist, ob ich ein Wissender werde oder nicht, oder ob ich lebe oder sterbe oder sonst was tu?“
„Richtig! So ist es. Du bist wie Lucio (Don Juans Enkelsohn) oder wie jeder andere in meinem Leben, meiner kontrollierten Torheit.“
Ich hatte ein eigenartig leeres Gefühl. Selbstverständlich gab es keinen Grund, warum Don Juan an mir etwas liegen sollte, aber andererseits war ich so gut wie sicher, dass er persönlich Anteil an mir nahm. Ich konnte es mir nicht anders vorstellen, da er mir immer seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ich hatte den Verdacht, dass Don Juan dies, weil er sich über mich ärgerte. Immerhin hatte ich seine Lehren abgebrochen.
„Ich glaube, dass wir nicht über dasselbe sprechen“, sagte ich. „Ich hätte mich aus dem Spiel lassen sollen. Was ich sagen wollte, war, dass es irgend etwas auf der Welt geben muss, an dem dir in einer Weise liegt, die du nicht als kontrollierte Torheit bezeichnest. Ich glaube nicht, dass man weiterleben kann, wenn einem nichts nahe geht.“
„Das trifft auf dich zu“, sagte er. „Dir gehen die Dinge nahe. Du hast mich nach meiner kontrollierten Torheit gefragt, und ich habe dir geantwortet, dass alles, was ich in Bezug auf mich und meine Mitmenschen unternehme, Torheit ist, weil nichts wichtig ist.“
„Ich meine folgendes, Don Juan: wenn dir nichts nahe geht, wie kannst du dann weiterleben?“
Er lachte, und nach einer kurzen Pause, während er zu überlegen schien, ob er mir antworten sollte, stand er auch und ging hinter das Haus. Ich folgte ihm.
„Warte, Don Juan, warte“, rief ich. „Ich möchte es wirklich wissen. Du musst mir erklären, was du meinst.“
„Vielleicht kann man es nicht erklären“, sagte er. „Dir gehen bestimmte Dinge in deinem Leben nahe, weil sie wichtig sind. Deine Handlungen sind für dich sicher wichtig, aber für mich ist gar nichts mehr wichtig, weder meine Handlungen noch die Handlungen irgendeines meiner Mitmenschen. Ich lebe trotzdem weiter, weil ich meinen Willen habe. Weil ich mein ganzes Leben lang meinen Willen gezähmt habe, bis er klar und dienstbar wurde, und jetzt macht es mir nichts mehr aus, dass nichts wichtig ist. Mein Wille kontrolliert die Torheit meines Lebens.“
Er hockte sich nieder und fuhr mit den Fingern über ein paar Kräuter, die er auf einem großen Stück Sackleinen in die Sonne zum Trocknen gelegt hatte. Ich war verblüfft. Ich hätte nie geglaubt, dass meine Frage in eine solche Richtung führen würde. Nach einer langen Pause fiel mir ein guter Einwand ein. Ich sagte, dass für mich gewisse Handlungen meiner Mitmenschen von größter Bedeutung seien. Ich erwähnte den Atomkrieg als das zweifellos drastische Beispiel einer solchen Handlung. Die Zerstörung des Lebens auf der Erde, sagte ich, sei für mich eine erschreckende Ungeheuerlichkeit.
„Das glaubst du, weil du dir Gedanken machst. Du denkst über das Leben nach“, sagte Don Juan augenzwinkernd. „Du ‚siehst’ nicht.“
„Wäre ich anderer Meinung, wenn ich ‚sehen’ würde?“
„Sobald ein Mann ‚sehen’ lernt, stellt er fest, dass er allein auf der Welt und nur von Torheit umgeben ist“, sagte Don Juan rätselhaft.
Er machte eine Pause und sah mich an, als wolle er die Wirkung seiner Worte abschätzen.
„Deine Handlungen, wie auch die Handlungen deiner Mitmenschen im allgemeinen, erscheinen dir wichtig, weil du gelernt hast, sie wichtig zu nehmen.“
Er sprach das Wort „gelernt“ mit so eigenartiger Betonung aus, dass ich ihn fragen musste, was er damit meinte.
„Wir lernen, über alles nachzudenken, und dann üben wir unsere Augen darin, die Dinge so zu sehen, wie wir über sie denken. Wir schauen uns an und sind im voraus überzeugt, dass wir wichtig sind. Darum müssen wir uns wichtig ‚vorkommen’! Aber wenn ein Mann ‚sehen’ lernt, erkennt er, dass er nicht länger über die Dinge nachdenken kann, die er anschaut, und wenn er erkennt, dass er über das, was er sieht, nicht mehr nachdenken kann, dann wird alles unwichtig.“
„Wie übt ein Wissender seine kontrollierte Torheit, wenn ein Mensch, den er liebt, stirbt?“ fragte ich.
Don Juan war von meiner Frage überrascht und sah mich belustigt an.
„Nimm zum Beispiel deinen Enkel Lucio“, sagte ich. „Wenn er stürbe, wäre dann dein Handeln kontrollierte Torheit?“
„Sprechen wir lieber von meinem Sohn Eulalio“, antwortete Don Juan ruhig, „das ist ein besseres Beispiel. Er wurde bei den Bauarbeiten am Pan American Highway von herabfallenden Gestein zerschmettert. Mein Verhalten ihm gegenüber, im Augenblick seines Todes, war kontrollierte Torheit. Als ich auf dem Sprengplatz ankam, war er fast tot, aber sein Körper war so stark, dass er sich noch immer bewegte und aufbäumte. Ich stand vor ihm und sagte den Leuten von der Straßenbaugruppe, sie sollten ihn nicht forttragen. Sie gehorchten und standen dort um meinen Sohn herum und schauten auf seinen verstümmelten Körper herab. Auch ich stand dort, aber ich schaute nicht hin. Ich veränderte meine Augen um zu ‚sehen’, wie sein persönliches Leben sich auflöste und sich unkontrollierbar über seine Grenzen hinaus ausdehnte, wie ein Kristallnebel; denn so ist es, wenn Leben und Tod sich verbinden und ausdehnen. So verhielt ich mich, als mein Sohn starb. Das ist alles, was man überhaupt tun kann, und es ist kontrollierte Torheit. Hätte ich ihn angeschaut, dann hätte ich beobachtet, wie er allmählich erstarrte, und ich hätte in meinem Inneren einen Schrei gespürt, weil ich nie wieder seine schöne Gestalt über die Erde würde schreiten sehen. Statt dessen ‚sah’ ich seinen Tod, und da war keine Trauer, kein Gefühl. Sein Tod war allem anderen gleich.“
Aus „Eine andere Wirklichkeit“
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