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Donnerstag, 23. September 2010

Interview mit Florinda Donner (Was ist Makellosigkeit?)

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ABE: Erzähle uns etwas über das Konzept der Makellosigkeit. Was ist Makellosigkeit?

Florinda Donner: Makellosigkeit bedeutet, ganz genau zu wissen, was du zu tun hast. Und das gilt ganz besonders für Frauen, weil wir gewöhnlich zu sehr unterwürfigen Wesen erzogen werden. Frauen sind so unterwürfig und klein, daß es schon fast unglaublich ist. Und ich will damit durchaus nicht sagen, daß Männer das nicht sind, aber, egal wie man es dreht und wendet, die Männer sind letztendlich doch immer auf der Siegerseite. Es spielt dabei auch keine Rolle, ob sie Verlierer sind oder nicht - sie sind immer noch männlich. Unsere Welt ist eine Männerwelt, egal, ob es ihnen darin gut ergeht oder nicht, egal, ob sie von feministischen Ideologien überzeugt sind oder nicht, es spielt wirklich keine Rolle. Die Männer sind die Gewinner in unserer Gesellschaft.

ABE: In deinem Buch sprichst du auch davon, wie die Frauen durch ihre Angliederung an die männliche Sexualität versklavt werden. Kannst du darüber mehr erzählen?

Florinda Donner: Aber natürlich. Zuerst ist da die Vorstellung der Zauberer, daß durch den Geschlechtsverkehr eine Art Nebel erzeugt wird; eine Vorstellung, die mich damals so schockiert hat, daß ich sie sehr lange verleugnet habe und es vehement abgelehnt habe, dies in irgendeiner Form zu glauben. Aber die Zauberer ließen mich nicht in Ruhe. Sie erklärten mir weiter grundsätzlich, daß das, was in Wirklichkeit beim Geschlechtsverkehr vor sich geht, folgendes ist: wenn der Mann ejakuliert, gelangt nicht nur sein Sperma in unserem Körper, sondern auch etwas, das Don Juan als "Energiewürmer" bezeichnete; energetische Leucht- fäden, die die Spermien in diesem Moment des energetischen Ausbruchs tatsächlich sind. Und diese Energiewürmer bleiben für sieben Jahre lang im Körper der Frau aktiv. Vom bio-logischen Standpunkt aus betrachtet, garantieren diese Würmer oder Energiefasern, daß der Mann immer wieder zur gleichen Frau zurückkehrt, und daß er sich weiterhin auch um den Nachwuchs kümmert. Der Mann wird auf einer rein energetischen Ebene anhand dieser Fasern sogar feststellen können, daß und ob es sich bei Kindern um seine eigenen Nachkommen handelt.

ABE: Und wie sieht es mit dem Austausch von Energie beim Geschlechtsverkehr aus?

Florinda Donner: Sie ernährt den Mann energetisch. Don Juan ist der Überzeugung, daß die Frauen die Ecksteine des Fortbestands der menschlichen Spezies sind, und daß der Großteil der Energie von den Frauen kommt. Und diese Energie wird nicht nur für Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt und zur Pflege und Ernährung des Nachwuchses eingesetzt, sondern auch dazu, den Platz des Mannes in diesem ganzen Prozeß zu sichern. ABE: Nehmen wir mal an, du hast recht, und die Frauen werden tatsächlich durch diesen Nebel versklavt. Wie befreit sie sich selbst daraus?

Florinda Donner: Wenn wir das ganze aus einem biologischen Blickwinkel heraus betrachten, ist sie dann tatsächlich versklavt? Die Zauberer sagen ja, und zwar in dem Sinne, daß sie sich selbst in diesem Prozeß immer nur durch die Augen der Männer betrachtet. Sie hat gar keine andere Wahl. Die Diskussion dieses Themas machte mich damals vollkommen verrückt; ich ging mit ihnen immer wieder alle einzelnen Punkte durch, um wieder ganz am Anfang zu beginnen und es erneut durchzukauen. Du mußt wissen, das war in den frühen siebziger Jahren, als die Frauenbewegung ihren Höhepunkt hatte. Und ich sagte ihnen: "Nein, die Frauen haben es weit gebracht. Schaut euch doch einfach mal an, was sie alles erreicht haben." Und sie sagten einfach nur: "Nein, sie haben überhaupt nichts erreicht." Für sie war das Ergebnis der sexuellen Revolution - und sie waren durchaus nicht prüde oder an irgend welchen Moral-vorstellungen interessiert, sondern nur an Energie - und der sexuellen "Befreiung" der Frauen, daß die Frauen dadurch in gewisser Weise noch stärker in die Sklaverei gerieten, weil sie plötzlich energetisch nicht mehr nur einen einzigen Mann durchfütterten, sondern gleich viele Männer auf einmal. Das ist höchst interessant. So hielten sie diese ganze Idee von der sexuellen Revolution und der sexuellen "Emanzipation" der Frau für absurd. Und was auch immer zur Zeit geschieht, Don Juan hat dies bereits in den siebziger Jahren vorhergesagt. Er sagte, daß die Frauen damit auf die Nase fallen würden. Sie würden letztlich nur geschwächt werden. Und das ist genau so eingetreten. Die wenigen Frauen, mit denen ich im Rahmen meiner Vorträge und Buchlesungen über dieses Thema gesprochen habe, haben mir in dieser Hinsicht voll zugestimmt. Das ist doch sehr interessant, oder? Und dabei hatte ich zuerst befürchtet, daß ich mit diesem Thema einige Schwierigkeiten bekommen würde. Aber gerade die Frauen, die im Prozeß dieser sogenannten "Befreiung" viele Liebhaber gehabt haben, sagten, daß sie völlig erschöpft seien, ohne zu wissen warum.

ABE: Also reden wir über etwas, das weit über das rein Sexuelle hinausgeht.

Florinda Donner: Ja, und das vor allem in der Hinsicht, daß die Gebärmutter - jenseits des sexuellen Aspekts - ursprünglich dafür sorgt, daß die Frauen diejenigen sind, die dem Geist am nächsten stehen. Dies meine ich natürlich in Hinsicht auf den Prozeß der Annäherung an das Wissen im Sinne des Im-Träumen-Seins. Der Mann baut Stufe um Stufe dem Wissen entgegen und nähert sich diesem mithin "kegelförmig" an. Aber die Definition des Kegels besagt bereits, daß dieser Prozeß an der Spitze des Kegels sein definitives Ende findet. Und das ist ein energetisches Prinzip. Der Mann strebt nach dem Wissen, weil er dem Geist - oder wie immer wir diese gewaltige Kraft dort draußen nennen mögen - eben nicht nahe ist. Den Zauberern zufolge sind die Frauen nun das genaue Gegenteil. Der Kegel ist umgekehrt, wie ein Trichter. Sie haben eine direkte Verbindung zum Geist; und das liegt nach Meinung der Zauberer daran, daß die Gebärmutter nicht nur ein Reproduktionsorgan ist; sie ist ein Organ des Träumens, eine Art zweites Gehirn.

ABE: Oder Herz.

Florinda Donner: Oder Herz, wenn du so willst. Und sie ergreifen das Wissen durch dieses Organ direkt und ohne langwierige Erklärungen. Dennoch hat man uns es nie erlaubt - weder in unserer Gesellschaft, noch in irgendeiner anderen - mitzubestimmen, mit zu definieren, was Wissen eigentlich ist. Und die paar wenigen Frauen, die an der Formulierung und Schöpfung der Wissensgebäude unserer Zeit mitarbeiten, tun dies ausschließlich in männlichen Begriffen. Nehmen wir zum Beispiel eine Frau, die in der Forschung arbeitet. Wenn sie sich nicht an die Regeln hält, die bereits durch den männlichen Konsens etabliert worden sind, wird sie keine Chance zur Veröffentlichung ihrer Arbeiten bekommen. Sie kann vielleicht sogar ein wenig vom Konsens abweichen, vorausgesetzt, sie bleibt innerhalb der vorgegeben Matrix. Frauen ist es nicht erlaubt, irgend etwas anderes zu unternehmen.

ABE: Und die Zauberinnen stehen nicht mehr länger im Bann dieser kollektiven Hypnose.

Florinda Donner: Zumindest nicht mehr innerhalb der gesellschaftlichen Matrizen. Es ist übrigens sehr interessant, daß du die Idee der Hypnose ansprichst, weil Don Juan immer wieder sagte, daß wir zu der Zeit, als die Psychologie Freud hervorbrachte, geschlafen haben, wir zu passiv waren. Damals hätten wir die Wahl gehabt, entweder Mesmer oder aber Freud zu folgen. Wir sind mesmerische Wesen. Wir haben diesen alternativen Pfad nie wirklich ausgearbeitet...

ABE: Ja. Den Pfad der Energie.

Florinda Donner: ...und dies alles wäre uns niemals passiert, wenn Freud damals nicht die Oberhand gewonnen hätte.

ABE: Nun gut, aber die hat er inzwischen verloren.

Florinda Donner: Nein, nicht wirklich. Schau dir doch an, was wir machen. Und wer weiß, wie viele Generationen es brauchen wird, um dies wirklich zu ändern. Natürlich hast du in der Hinsicht recht, daß er seine intellektuelle Vormachtstellung verloren hat, und daß ihm in wissenschaftlichen Kreisen kaum noch jemand folgt. Aber seine Lehren sind in unser kulturelles Gepäck übernommen worden... Wir reden und denken immer noch in den von ihm geprägten Mustern und Begriffen, ja selbst solche Leute, die gar nicht wissen, wer Freud war. Seine Ideen sind Teil unserer Sprache, Teil unserer Kultur geworden.

ABE: Ja, das weiß ich. Es ist immer wieder sehr frustrierend, mit Leuten umzugehen, die die gesamte Wirklichkeit von diesem abgedroschenen Standpunkt aus angehen.

Florinda Donner: Ja. Und die meisten wissen nicht einmal, woher diese Ideen kommen. Sie sind Teil unseres kulturellen Gepäcks.

ABE: Und eine Zauberin ist diesen Bedingungen nicht mehr unterworfen, sie ist frei davon.

Florinda Donner: Nun, frei in der Hinsicht, daß du, wenn du einmal erkannt hast, was die soziale Ordnung wirklich ist, nämlich eine Übereinkunft, zumindest vorsichtiger wirst und nicht alles unbesehen akzeptierst. Die Leute sagen: "Aber sieh doch ein, wie verschieden das Leben heute im Vergleich mit dem zu den Zeiten deiner Mutter oder gar deiner Großmutter ist." Und ich sage, daß es das nicht ist. Es ist nur graduell verschieden. Aber nichts ist wirklich anders. Wenn ich mein Leben so gelebt hätte, wie man es für mich vorgesehen hatte... nun ja, ich wäre ein wenig gebildeter, ich hätte gesellschaftlich gesehen bessere Chancen gehabt. Aber das war es dann auch schon. Ich wäre letztendlich genau da gelandet, wo meine Mutter und Großmutter gelandet sind: im "Hafen" der Ehe, frustriert, mit Kindern, die ich inzwischen sicherlich hassen würde, oder die mich hassen würden.

ABE: Ich versuche schon die ganze Zeit, dich dazu zu bringen, darüber hinauszugehen, um von dir zu erfahren, was nun passiert, wenn du einmal diese Knechtschaft erkannt hast und nun damit beginnst, dich daraus zu befreien. Was ist es, was sich deiner Wahrnehmung dann erschließt?

Florinda Donner: Alles. Alles. Erst einmal lernst du, in deinen Träumen zu sehen. So schreibe ich zum Beispiel meine Bücher im Träumen. Es ist nicht so, daß ich dann in der Alltagswelt keine Arbeit mehr damit hätte, aber das Material kommt im Träumen.  (fortsetzung ...)

Mittwoch, 22. September 2010

Interview mit Florinda Donner von Alexander Blair-Ewart (Fortsetzung)

ABE: Ich möchte jetzt noch einmal auf den Mythos zurückkommen. Dort wird der einzelne Seher und auch der Nagual von der Vorsehung, dem Unbekannten, dem Unsagbaren ausgewählt.

Florinda Donner: Ausgewählt ist das richtige Wort. Carlos ist im energetischen Sinne "angeschlossen" worden. Aber unsere energetische Konfiguration ist nicht die gleiche, wie in Don Juans Trupp; und das liegt daran, daß manche Menschen im energetischen Sinne grundsätzlich verschieden sind. Carlos ist ein sogenannter dreizackiger Nagual, während Don Juan ein vierzackiger Nagual war.

ABE: Aber was ist es, was sie letztendlich zum Nagual, zum Anführer macht?

Florinda Donner: Vor allem die Tatsache, daß sie über mehr Energie verfügen als der Rest der Gruppe. Seltsam ist allerdings etwas anderes: warum zum Teufel sind immer wieder Männer die Naguals? Wir haben zwar auch Nagual-Frauen in unserer Linie, aber die Männer hatten immer das größere Energiepotential, zumindest diejenigen, die bislang ausgewählt wurden. Das macht sie jedoch noch lange nicht zu etwas Besserem als dem Rest der Gruppe. In Don Juans Welt gab es Leute, die unendlich viel spiritueller, besser vorbereitet und kenntnisreicher waren als er selbst, aber das machte keinen Unterschied. Es geht letztendlich nicht darum, daß der Nagual besser oder schlechter in irgendwelchen Eigenschaften oder Fähigkeiten ist. Es geht nur darum, daß er die spezielle Energie hat, die ihn zum Anführer macht.

ABE: Aber er kann diese Energie doch auch auf andere Leute übertragen, um ihnen einen energetischen Anstoß zu geben.

Florinda Donner: Wir zapfen diese Energie an, ja. Aber es ist nicht so, daß du diese Energie im wörtlichen Sinne bekommst. Die Energie des Nagual dient ihm und uns unter anderem dazu, nicht dem zu verfallen, was immer uns die Welt auch anbieten mag. Ein Beispiel, um das zu verdeutlichen: während der langen Zeit, die ich mit Castaneda verbracht habe, sind ihm unglaubliche weltliche Reichtümer und Vorzüge angeboten worden. Aber er ist nie von seinem Weg abgewichen. Ich persönlich könnte nicht guten Gewissens behaupten, daß ich, wenn ich für so viele Jahre in seiner Position gewesen wäre, so makellos und standhaft geblieben wäre. Ich fühle mich verpflichtet, das hier auf diese Weise öffentlich anzuerkennen, weil der Versuch bestimmte Dinge zu verbergen, das Schlimmste ist, was wir überhaupt tun können. Und ich fühle mich ebenso verpflichtet, Castanedas Makellosigkeit zu bezeugen; ich will damit sagen, es sind ihm unbeschreibliche weltliche Güter angeboten worden, die er jedoch immer abgelehnt hat. Und dazu braucht man Energie. Das ist der Punkt, an dem die Energie ins Spiel kommt, und der Punkt, an dem man den Nagual als Führer der Gruppe braucht, um einem zu sagen, wo es lang geht. Wenn in so einer Situation jemand anders in der Position des Nagual wäre, der nicht die entsprechende Energie hat, er würde der Versuchung sicherlich erliegen, und im Sinne seines eigentlichen Strebens scheitern.

ABE: Aber kann denn ein Nagual nicht der Versuchung nur vorläufig oder zeitweilig erliegen, und dann wieder auf seinen wahren Weg zurückkehren?

Florinda Donner: Nein. Da besteht keine Chance.

ABE: Wie kommt das?

Florinda Donner: Um das zu erklären, muß ich wieder auf den Mythos zurückgreifen. Der Vogel der Freiheit fliegt immer nur in einer geraden Linie. Weder hält er für dich an, noch wird er sich umdrehen, um ein zweites Mal an dir vorbeizufliegen. Eine winzige Möglichkeit, die dir bleibt, ist dir selbst zu sagen, daß du dann eben schneller hinter ihm herlaufen mußt, um dein Ziel vielleicht doch noch zu erreichen. Was das alles bedeutet? Es ist natürlich eine Metapher.

ABE: Also arbeitet der Nagual daran, auf verschiedene Weisen die vollständige Entfaltung des Mythos zu gewährleisten.

Florinda Donner: Don Juan hatte mehr Leute, die hinter ihm standen und ihn unterstützten. Energetisch gesehen hatte er eine größere Masse, was ihn dazu befähigte, dich praktisch in eine beliebige Situation hineinzuziehen und dich so ganz nach seinem Gutdünken an einen bestimmten Platz zu befördern. Carlos macht das nicht so. Ganz gleich, mit welchen Leuten er auch arbeitet - zur Zeit sind wir sechs -, für ihn ist alles immer eine Frage der Entscheidung des Einzelnen. Und das ist alles. Unsere Entscheidung ist alles, was zählt, und andere Bedingungen gibt es nicht. Er redet uns weder ins Gewissen, noch bettelt er uns an; und er schreibt uns auch nicht vor, was wir zu tun oder zu lassen haben. Wir müssen selbst wissen, was wir wollen. Er würde nie etwas tun, um uns zu zwingen, auf diesem Weg zu bleiben.

ABE: Unterschiedliche Naguals, unterschiedliche Vorgehensweisen. Das leuchtet ein. Ich habe gehört, daß Carlos Castaneda von verschiedenen Leuten als "Nagual der Pirscher" bezeichnet wurde. Ist das tatsächlich so?

Florinda Donner: Ja, schon, aber ich würde sagen... ich weiß nicht. Er ist ein Träumer.

ABE: Richtig, das wird auch irgendwo erwähnt.

Florinda Donner: Ja, und was ist das, diese Idee vom Träumen; diese Idee, gleichzeitig zu träumen und doch vollkommen wach und bewußt zu sein? Es ist ein anderer Zustand des Bewußtseins. Und du bist dabei nicht etwa ausgeflippt oder auf irgendeinem Trip; nein, du bist vollkommen normal und kohärent, aber irgend etwas in dir läuft energetisch auf einer ganz anderen Ebene ab.

ABE: Du zielst auf etwas ganz bestimmtes ab.

Florinda Donner: Ja.

ABE: Du zielst darauf ab, daß es darum geht, zu lernen, zwei Welten gleichzeitig zu betrachten.

Florinda Donner: Genau. Und wieder geht es darum, die Wahrnehmungsbarrieren zu durchbrechen, diesmal in Hinsicht auf das, was wir sehen. Was immer wir auch wahrnehmen, und egal was es auch sein mag: die Möglichkeiten unserer Wahrnehmung wurden von der sozialen Ordnung definiert. Und wir haben gelernt, diese Definitionen in konkrete Wahrnehmungen zu übertragen. Auf einer intellektuellen Ebene sind wir durchaus bereit zu akzeptieren, daß die Wahrnehmung ein kulturell definiertes Phänomen ist, aber wir sind nicht bereit, dies auf irgend einer anderen Ebene zu akzeptieren. Aber das ist absurd, weil Wahrnehmung auf anderen Ebenen existiert. Und ich kann aus meinen eigenen Erfahrungen mit den Zauberern heraus - und ich befinde mich ja offensichtlich auch in der Alltagswelt - nur sagen, daß es durchaus möglich ist, zwei Welten gleichzeitig wahrzunehmen und in beiden vollkommen kohärent, in beiden makellos zu sein.
(fortsetzung morgen....)

Dienstag, 21. September 2010

Interview mit Florinda Donner von Alexander Blair-Ewart

...
ABE: Wenn ich euch richtig verstehe, dann zeichnet ihr das Bild, oder besser gesagt entwickelt das Bewußtsein einer neuen Art Mensch, der sich auf einer parallelen Linie zur Welt des Tonal, der Welt der sozialen Person bewegt. Und diese andere Welt - oder die Öffnung zu ihr - ist etwas, daß anscheinend immer schon vorhanden war.

Florinda Donner: Ja, sie ist immer vorhanden. Und sie ist für uns alle zugänglich. Aber niemand will sie erschließen. Manche Leute mögen sogar denken, daß sie sie erschließen wollen, aber wie Don Juan richtig festgestellt hat, sind solche Sucher schon in andere Bestrebungen verstrickt, weil eine Person, die sucht, bereits weiß, was sie sucht. Dies ist auch dann der Fall, wenn die Person bewußt nicht zu wissen scheint, was das Gesuchte ist. ABE: Ja, das ist klar.

Florinda Donner: Deshalb sind auch so viele "Sucher", die zu Castaneda kommen, enttäuscht von ihm. Denn, wenn er zu ihnen spricht, haben sie sich bereits längst genau ausgemalt, wie die Dinge sein sollten. Und sie sind nicht offen. Selbst wenn sie zuhören, sind sie für nichts mehr offen, weil sie bereits wissen, wie es sein sollte, und weil sie bereits wissen, was sie suchen. Deshalb bin ich auch nicht an irgendeiner therapeutischen Arbeit am Selbst interessiert. Ich interessiere mich für Selbstverwirklichung, aber nicht für therapeutische Arbeit. Und ich mache mir auch keine Sorgen darum, ob daß, was ich in der Rekapitulation finden werde, etwas Hübsches, Spirituelles oder Akzeptables ist, weil ich ganz genau weiß, daß sie genauso Elemente des Wahnsinns enthalten wird wie alles andere auch.

ABE: Exakt. Aber das ist eine sehr beunruhigende Vorstellung für die meisten Leute.

Florinda Donner: Ja, das ist es ganz bestimmt. Du weißt, wir sind der Überzeugung, daß wir vor allem anderen energetische Wesen sind. Don Juan sagte, daß alles davon abhängt, wieviel Energie wir zu unserer Verfügung haben. Unsere Kraft zu kämpfen erfordert eine enorme Menge an Energie; dies gilt auch für die Kraft, die wir benötigen, um die Vorstellung des Selbst zu bekämpfen. Und da wählen wir immer wieder den leichtesten Weg. Wir greifen auf das zurück, was wir bereits kennen. Selbst wir tun das, wo wir doch schon so lange in diesen Kampf verwickelt sind. Es ist eben viel leichter zu sagen, "ach, zum Teufel damit, was geht mich das an; dann laß ich mich eben mal ein bißchen gehen." Aber das schlimme ist, daß dieses kleine bißchen Sichgehenlassen dich direkt wieder an den Anfangspunkt zurückbefördert.

ABE: Mit einer Ausnahme, Florinda, die wir beide kennen: wenn man einmal einen bestimmten Punkt in sich selbst überschritten hat, wenn man die innere Stille tatsächlich erreicht hat, und sei es nur für einen Moment, dann, so glaube ich, kann man diesen Prozeß...

Florinda Donner: ...nicht mehr umkehren. Richtig. Aber um diesen Moment der Stille zu erreichen, brauchst du Energie. Wenn du die einmal hast, kannst du den inneren Dialog anhalten. Genau das ist es was Don Juan einen kurzen Moment der Ruhe oder auch den Kubikzentimeter Chance genannt hat. Wenn du diesen packen kannst, verstummt der innere Dialog augenblicklich.

ABE: Und wenn dies einmal geschehen ist, wirst du nie mehr derselbe sein.

Florinda Donner: Ganz genau.

ABE: Und es kann dir passieren, daß du auf deine alten Pfade zurückkehren willst, um dich dem Sichgehenlassen hinzugeben, aber du stellst nur fest, daß es dich nicht mehr befriedigt.

Florinda Donner: Genau so ist es. Du kannst nicht wirklich zurückkehren. Du findest keine Befriedigung mehr in deinen alten Routinen. Das ist vollkommen korrekt. Ich denke, daß, wenn wir wirklich an diesen Punkt gelangen... nein, laß es mich anders formulieren: daß, wenn eine kritische Masse von Menschen zu diesem Gefühl oder diesem Wissen gelangt, wir die Zustände in unserer Welt ändern könnten. Der Grund, warum sich nichts verändert, ist, weil wir als Einzelne nicht dazu bereit sind, uns selbst zu ändern, egal ob es sich dabei um politische Dogmen, ökonomische oder soziale Fragen, oder was auch immer handelt. Schau dir doch nur mal die Kacke an, die wir zur Zeit im Zusammenhang mit den Regenwäldern und der Umwelt aufrühren. Wie können wir von jemandem anderen erwarten, daß er sich gefälligst zu verändern habe, wenn wir selbst nicht dazu bereit sind, uns zu ändern. Und die Veränderungen, die allgemein angestrebt werden, sind ein einziger Schwindel; es handelt sich dabei lediglich um Umstrukturierungen und Neuordnungen der selben alten Bestandteile, aber es ist keine wirkliche Veränderung. Im Grunde sind wir räuberische Wesen. Das hat sich in uns nicht verändert. Und wir könnten diese räuberische Energie - anstatt zur Vernichtung - dazu einsetzen, unseren Kurs zu ändern, aber wir sind nun eben mal nicht bereit uns selbst zu ändern.
(fortsetzung folgt!)

Montag, 20. September 2010

Florinda Donner-Grau

Das Träumen
Ein Interview mit Florinda Donner
von Alexander Blair-Ewart



Florinda Donner ist eine langjährige Kollegin und Traum-Reisegefährtin von Carlos Castaneda, und sie ist die anerkannte Autorin der Bücher Die Lehren der Hexe und Shabono. Ihr jüngstes Buch Im-Träumen-Sein - Eine Initiation in die Welt der Zauberer (Being-in-Dreaming) ist eine autobiographische Schilderung ihrer holprigen, manchmal unfreiwilligen und oft verwirrenden Initiation in die Arbeit der toltekischen Träumer. In den USA bereits Ende 1991 erschienen, wird es hoffentlich auch bald eine deutsche Version dieses Buches geben. Nach unseren Informationen plant der Heyne Verlag - München eine solche Veröffentlichung. Die Anthropologin und Zauberin Florinda Donner lebt in Los Angeles - Kalifornien und in Sonora - Mexiko.

Alexander Blair-Ewart:Du beschreibt zu Anfang deines Buches, wie du in einen lebendigen Mythos hineingezogen wurdest. Kannst du uns mehr über diesen Mythos erzählen?

Florinda Donner: Es ist ein lebender Mythos. Nun gut, der Mythos des Nagual ist zwar ein Mythos wie jeder andere auch, aber er ist ein Mythos der wieder und wieder durchlebt wird. Dazu muß man wissen, daß der Mythos, der für uns maßgeblich ist, vom Nagual handelt, der seinen Trupp von Leuten - Lehrlingen und Zauberern - leitet. Übrigens bin ich gar kein Lehrling von Don Juan gewesen. Ich war Lehrling von Castaneda, der selbst wiederum ein Lehrling von Don Juan war. Und ich bin eine der "Schwestern" der Frauen um Florinda Grau, die mir auch ihren Namen gegeben hat. In diesem Sinne handelt es sich also um einen Mythos, der wirklich existiert. Es hat sie übrigens nie gestört, daß ich sie Hexen nannte. Für sie hatte dieser Begriff keinen negativen Beigeschmack. Aber vom Standpunkt der westlichen Welt aus betrachtet, hat die Vorstellung von einem Brujo oder einer Hexe immer negative Assoziationen im Schlepptau. Das interessierte die Zauberer um Don Juan nicht im geringsten, weil für sie die abstrakte Qualität der Zauberei von vornherein jede positive oder negative Assoziation mit diesen Begriffen ausschloß. Auf einer gewissen Ebene sind wir alle Affen, aber wir haben da noch diese andere, magische Seite. Und in diesem Sinne leben wir einen Mythos.

ABE: Mithin besagt der Mythos des Nagual aber doch auch, daß es eine ununterbrochene Linie der Tradition gibt, die sich ausgehend von den vorzeitlichen Tolteken bis in die heutige Zeit fortsetzt. Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob ich dich nicht irgendwie dazu bewegen kann, mir etwas über das grundlegende Schema des Mythos zu verraten.

Florinda Donner: Nun, da gibt es kein grundlegendes Schema. Das ist auch der Grund dafür, warum diese ganze Angelegenheit so verwirrend und schwierig ist. Als ich anfangs mit diesen Leuten zu tun hatte, ging mein ganzes Streben - oder besser gesagt meine ganze "Verwirrung", wie ich es später nannte - in die Richtung, daß ich von ihnen Regeln und Bestimmungen darüber erfahren wollte, was zum Teufel ich eigentlich zu tun hatte. Aber da gab es keine Regeln. Es gibt keine Blaupausen. Und das, weil jede neue Gruppe ihren eigenen Weg finden muß, die Idee vom Durchbrechen der Wahrnehmungsbarrieren auf ihre Weise zu handhaben. Die Grundvoraussetzung für das Durchbrechen der Barrieren unserer Wahrnehmung ist nach Don Juan, daß man genügend Energie dazu haben muß. Aber all unsere Energie ist bereits in der Alltagswelt im Einsatz, um die Idee des Selbst - was wir sind, was wir darstellen wollen und wie andere Menschen uns wahrnehmen - aufrecht zu erhalten. Und da, wie Don Juan zu sagen pflegte, bereits 90% unserer Energie in diesem Tun gebunden ist, kann einfach nichts Neues zu uns kommen. Uns stehen keine Alternativen offen, weil wir, egal wie selbstlos bzw. "egolos" wir sind, oder vorgeben zu sein, oder wie gerne wir glauben würden, daß wir es sind, es letztendlich doch nicht sind. Selbst sogenannte "erleuchtete" Menschen, oder die Gurus, die ich getroffen habe, machen da keine Ausnahme. Es hat eine Zeit gegeben, da ist Carlos mit mir zusammen um die Welt gereist, um möglichst viele verschiedene Gurus zu treffen, und wir haben festgestellt, daß das Ego solcher Leute meist geradezu gigantisch in der Hinsicht war, wie sie von der Welt wahrgenommen werden wollten. Und das ist laut Don Juan genau das, was uns umbringt. Nichts ist uns dann mehr offen.

ABE: Also kümmert sich ein echter Nagual oder Seher nicht darum, wie die Welt ihn oder sie wahrnimmt - oder tun sie das doch?

Florinda Donner: Nein, das tun sie nicht. Aber sie müssen immer noch darum kämpfen. Castaneda kämpft damit immerhin schon über 30 Jahre. Und ich bin jetzt bereits über 20 Jahre lang damit beschäftigt, und kämpfe immer noch. Es ist einfach kein Ende in Sicht.

ABE: Ist das die wahre Natur der Schlacht, in der ihr kämpft? Ich benutze diesen Ausdruck, weil ihr die Sprache der Krieger sprecht. Was ist die wahre Natur der Schlacht. Was bekämpft ihr?

Florinda Donner: Das Selbst. Das Selbst. Es ist eigentlich noch nicht einmal das Selbst, das wir bekämpfen; es ist unsere Vorstellung vom Selbst. Denn wenn wir wirklich das Selbst unter der Oberfläche erreichen würden, müßten wir feststellen, daß wir in Wirklichkeit keine Ahnung haben, was es ist. Und es ist tatsächlich möglich, diese Idee, diese bombastische Vorstellung, die wir von unserem Selbst haben, einzuschränken. Es spielt dabei übrigens keine Rolle, ob diese übersteigerte Selbstvorstellung positiver oder negativer Natur ist. Die Energie, die eingesetzt wird, um diese Vorstellung aufrecht zu erhalten, ist in jedem Fall die gleiche.

ABE: Also liegt in eurer Tradition ein wesentlicher Schwerpunkt darauf, das zu überwinden, was ihr die eigene Wichtigkeit nennt.

Florinda Donner: Die eigene Wichtigkeit, ganz genau. Sie ist der Hauptfeind im Kampf aller Krieger. Und es geht dabei letztendlich darum, den inneren Dialog abzustellen. Denn selbst wenn wir uns irgendwo an einem einsamen Ort isolieren, sprechen wir doch immer noch ständig mit uns selbst. Dieser innere Dialog hört niemals auf. Und was macht er, der innere Dialog? Er rechtfertigt sich andauernd selbst, egal womit. Wir spielen Situationen und Ereignisse nach, fragen uns, was wir hätten sagen oder tun können, was wir fühlen oder nicht fühlen. Und die Betonung liegt dabei ständig auf "ich". Wir rasseln ständig dieses Mantra runter - "ich..., mein..., mich..." -, entweder laut ausgesprochen oder eben in Gedanken.

ABE: Also tut sich eine Öffnung auf, wenn...

Florinda Donner: ...wenn dieser innere Dialog verstummt. Ganz automatisch. Wir müssen garnichts tun, um das zu erreichen. Und das ist auch einer der wesentlichen Gründe, warum Leute Castanedas Arbeiten als Fiktion zurückweisen: weil es zu einfach ist. Aber gerade diese schiere Einfachheit macht es für uns zur härtesten Aufgabe, die wir zu bewältigen haben. Inklusive mir selbst sind wir etwa sechs Leute in unserer Welt, die alle das selbe Streben teilen. Und die Schwierigkeit, mit der wir alle zu kämpfen haben, ist, den inneren Dialog vollständig zum Verstummen zu bringen. Es funktioniert vorzüglich, solange wir uns nicht bedroht fühlen. Aber wenn bestimmte Knöpfe gedrückt werden, dann zeigt sich immer wieder, wie tief unsere Reaktionen bereits in uns verwurzelt sind, und wie leicht es ist, unsere Reaktionen einfach wieder auf Autopilot zu schalten. Und laut Don Juan gibt es nur eine Übung großen Maßstabes, die als Gegenmittel hierzu dienen kann - die Rekapitulation. Die Grundidee dabei ist es, sein ganzes Leben von Grund auf zu rekapitulieren und mithin wiederzuerleben. Und damit ist keine psychologische Rekapitulation gemeint. Worum es letztlich geht, ist, daß du mit Hilfe der Rekapitulation all die Energie zurückholen willst, die du im Laufe deines Lebens in all den Interaktionen mit anderen Menschen verloren hast. Dabei beginnst du selbstverständlich mit dem gegenwärtigen Augenblick und gehst rückwärts in die Zeit. Und wenn du eine wirklich gründliche Rekapitulation abgelegt hast, dann wirst du feststellen, daß du im Alter von drei oder vier Jahren bereits all deine Reaktionsmuster erlernt hattest. Später werden wir gebildeter und können diese natürlich besser verstecken, aber die Grundmuster all unserer Interaktionen mit der Welt und unseren Mitmenschen sind bereits unumstößlich und fest etablierte Bestandteile unseres Lebens geworden.

(fortsetzung folgt!)

Sonntag, 19. September 2010

Ein Interview mit Taisha Abelar Mitglied des Zauberer-Clans um Carlos Castaneda von Keith Nichols

"Wenn Du einmal versuchst, Dein gegenwärtiges Wissen über die Konsequenzen der Reise von Kolumbus zurückzuhalten, und Dich selbst in seine Situation versetzt, dann wirst Du anfangen zu sehen, daß unsere gegenwärtige Erforschung des Mondes ein Picknick im Vergleich zu dem ist, was er durchgemacht hat. Die Erforschung des Mondes bezieht keinerlei Erforschung der Wurzeln unseres Denkens mit ein... In Wirklichkeit ist sie nur eine Ausdehnung dessen, was er getan hat." Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten

Eine wirkliche Ausdehnung der Wurzeln unseres Denkens erkennt man daran, daß sie uns dazu bringt, die Art und Weise, in der wir unsere Wirklichkeit interpretieren, neu zu bestimmen. Und auch wenn sie zuerst nur unsere intellektuellen Perspektiven beeinflußt, zieht sich ihr Nachhall mit der Zeit durch unsere gesamte Kultur und Zivilisation, die Form all dessen verändernd, wer wir sind, und was wir sein werden. Solche Ausdehnungen der Wurzeln sind selten, weil sie den Bruch mit jeglichem Ethos und mit allen Denksystemen zur Folge haben.

Seit der späten Sechziger Jahre trat eine interessante Ausdehnung der Wurzeln auf, ausgelöst durch den Zauberer-Schüler Carlos Castaneda und seine Bücher über seine Ausbildung bei dem mexikanisch-indianischen Zauberer Don Juan erfuhr. Seine Bücher sind ein deutliches Zeichen des gegenwärtigen Dranges, zu einem Kulturethos zurückzukehren, in dem Wunder, Magie und spirituelle Fähigkeiten jene Ketten brechen, welche starre Vernunft und Zynismus unseren Wirklichkeiten angelegt haben.

Taisha Abelar, Zauberin und Autorin des Buches "Der Übergang der Zauberer" (The Sorcerers' Crossing), ist ein Mitglied von Carlos Castanedas Gruppe von Zauberern. In diesem Interview redet sie über ihre Linie, wie die Zauberer dieser Linie die Vorgänge im Energiekörper sehen, sowie über einige ihrer Zauberer-Techniken zum Erreichen spiritueller und wahrnehmungsmäßiger Freiheit, erzielt durch das Zerbrechen der intellektuellen und energetischen Ketten, die uns binden.

Kannst Du uns erzählen, wie Du in die Zauberei verwickelt wurdest?

Taisha Abelar: Als ich Don Juan und seinen Leuten begegnete, war ich gerade Anfang Zwanzig. Tatsächlich habe ich den größten Teil meines Erwachsenenlebens unter ihrer Leitung und ihrem Training verbracht. Don Juan gehörte zu einer Generation von Zauberern, die auf 27 Naguals - oder spirituelle Führer - zurückblicken konnte. Jeder dieser Naguals hatte seine bestimmten Schüler, die Träumen, Pirschen und eine Reihe anderer Dinge lernten. Die Techniken, die wir lernten, haben also einen historischen Hintergrund, der in dieser Linie von Zauberern weit zurückreicht.

Gibt es irgendwelche Unterschiede zwischen den alten und den modernen Zauberern?

Taisha Abelar: Ja, wenn wir von den Zauberern alter Zeit sprechen, denken wir in Begriffen wie Manipulation von Menschen, Anhäufung von Kraft und an die Kontrolle über die Wesen anderer Sphären oder Wirklichkeiten. Während diese Tradition weitergegeben wurde, entdeckten nachfolgende Seher, daß die Praktiken der alten Zauberer nicht zur Freiheit führten. Anstelle dessen führten sie zu einer Abhängigkeit von Ritualen und zu zwanghaftem Verhalten, wie z.B. dem Anhäufen von Kraft und der Erhöhung des Selbst. Und doch waren diese Praktiken sehr wirksam, indem sie die Zauberer zu sehr kraftvollen Wesen machten, die andere Menschen kontrollieren, den Elementen (wie z.B. dem Regen) befehlen, sich selbst in verschiedene Tiere verwandeln, oder andere Taten der Zauberei vollbringen konnten.

Ungeachtet all dieser Kräfte, entdeckten die modernen Zauberer, daß Kraft allein nicht zu wahrer Freiheit führte. Anstelle dessen sind die meisten der alten Zauberer hinter dem, was wir die zweite Pforte des Träumens nennen, in die Falle gegangen.
Kannst Du uns erklären, was Du unter der zweiten Pforte des Träumens verstehst?

Taisha Abelar: Wenn sich der Körper energetisch in den Traumkörper verwandelt, kann diese Energie "andere Wirklichkeiten" oder andere Aspekte des Universums wahrnehmen. Was sich vor uns zeigt, oder, was wir gerade in diesem Moment sehen - diesen Raum, diese Mauer, die Straße dort draußen - ist nicht die einzige Wirklichkeit, die existiert. Und doch sahen die modernen Seher, daß die alten Rituale, das alte Training nicht zum letztendlichen Ziel führten: Freiheit vom Gefangensein in irgendeiner Wirklichkeit, was immer das für eine Wirklichkeit auch sein mag.

Wie haben sich die Techniken mit
den modernen Sehern verändert?

Taisha Abelar: Die Techniken, die an uns weitergegeben wurden, waren die einzigen, von denen sie sahen, daß sie den Praktiker am ehesten dazu befähigen, die totale Freiheit zu erreichen. Diese totale Befreiung ist für uns eine Freiheit von "Menschlichkeit" oder irgend etwas Menschlichem und die Fähigkeit, das ganze eigene Potential nutzbar zu machen. Diese Techniken sind die Rekapitulation und bestimmte Praktiken des Träumens.

Wann in der Geschichte hat die Trennung zwischen den alten Zauberern und den modernen Zauberern stattgefunden?

Taisha Abelar: Die Trennung kam zur Zeit der spanischen Konquista in Mexiko. Als die Spanier kamen, wurden die meisten der alten Zauberer zerstört. Trotz ihrer Fähigkeiten sich in Tiere zu verwandeln, die Elemente zu bändigen oder Verbündete zu manipulieren, war ihre Kraft unfähig, den Angriffen der Spanier zu widerstehen. Die alten Zauberer waren einfach unfähig, die Spanier zu beeinflussen, weil deren Kultur so stark und fixiert war, daß Zauberei nahezu keinen Effekt auf sie hatte. Die Spanier operierten in einem unterschiedlichen kognitiven Feld, einer unterschiedlichen Wirklichkeit.

Ein weiterer Wendepunkt ereignete sich in Don Juans Linie im Jahr 1725, als eine Wesenheit in Kontakt zum damaligen Nagual, Sebastian, trat. Wer war dieses Wesen?
Taisha Abelar: Wir nennen ihn den Todestrotzer. Er ist wirklich einer jener alten Zauberer, der, gefangen hinter der zweiten Pforte des Träumens, viele Jahrhunderte überlebt hat. Sein Bewußtsein war immer noch intakt, aber auf Grund seiner Ausbildung gab es für ihn keine Möglichkeit, zu entkommen. Wir lernten, daß die anorganischen Wesen, die bestimmte Sphären des Träumens bevölkern, die männlichen Zauberer, die in ihr Reich eindrangen, gefangen nahmen, um denen ihre Energie zu rauben.

Die einzige Möglichkeit des Entkommens lag für den Todestrotzer in einem Pakt mit den verschiedenen Naguals aus Don Juans Linie. Von diesem Zeitpunkt an verschmolz er mit unserer Linie und gab den Naguals Geschenke der Kraft für ihre Energie.

Was waren das für Geschenke, die
der Todestrotzer ihnen gab?

Taisha Abelar: Er verschenkte verschiedene Position von dem, was wir den Montagepunkt nennen. Wir sehen, daß es auf dem leuchtenden Kokon oder Energiekörper eine Stelle gibt, die besonders hell ist. Diese Stelle nennen wir den Montagepunkt, weil sie bestimmte Fasern oder Energielinien an der Oberfläche des Energiekörpers zum Aufleuchten bringt. Wir haben gesehen, daß, wenn bestimmte Fasern aufleuchten, eine Ausrichtung mit entsprechen Fasern außerhalb des Energiekörpers, innerhalb des Universums als solchem, stattfindet, die wiederum bedingt, daß Wahrnehmung geschehen kann.

Die Zauberer sehen, daß diese Anpassung der Energiefasern innerhalb und außerhalb des leuchtenden Kokon immer stattfindet, um Wirklichkeit wahrzunehmen.

Und so gab der Todestrotzer dieser Linie die verschiedenen Positionen des Montagepunkts oder die Fähigkeit, verschiedene Wirklichkeiten wahrzunehmen, weil jede Position unvorstellbare Möglichkeiten beleuchtet. Er gab jedem Nagual eine verschiedene Anzahl solch möglicher Punkte, und diese wurden von Generation zu Generation weitergereicht. Und die neuen Zauberer, die aus diesem Übergangsstadium hervorgingen, erkannten, daß Zauberei tatsächlich eine Frage der Wahrnehmung ist. Eine Definition von Zauberei ist somit: die Fähigkeit, mehr wahrzunehmen als der Durchschnittsmensch, dessen Wahrnehmung des Universums begrenzt ist, weil sie/er nur einen Platz für den Montagepunkt hat - den einen, in der sie/er hinein geboren wurde.

Als die Seher ihre Erfahrungen erweiterten, erkannten sie, daß jede dieser anderen Positionen genauso beschränkend war, wie die Wirklichkeit, in die der Mensch hinein geboren wurde. Dies hat uns zu der Erkenntnis geführt, daß es unser Ziel sein muß, uns nicht auf irgendeine permanente Position zu fixieren. Dies war immerhin das, was dem Todestrotzer widerfahren war; er war in einer bestimmten Position des Montagepunkts gefangen.

Wie schützt ihr euch davor, in diese
Falle zu gehen?

Taisha Abelar: Unsere Praktiken sind darauf abgestimmt, nicht auf einer irgendeiner solch bestimmten Position fixiert zu werden. Die Rekapitulation ist eine dieser Methoden. Alle Praktiken der Alten erhöhten das Selbst in einem solchen Ausmaß, daß sie nicht länger in der Lage waren, beweglich oder flüssig zu sein. Dies war einer der Hauptgründe dafür, warum sie in anderen Sphären in Gefangenschaft gerieten. Und darum suchen wir Flüssigkeit.

Was ist Rekapitulation?

Taisha Abelar: Die Rekapitulation ist eine Methode, all die in der Welt eingeschlossene Energie zurückzuholen, um sie für den Gebrauch anderer Dinge zur Verfügung zu haben. Sie befähigt einen, zu sehen, daß die Wirklichkeit, in die man hinein geboren wurde, nicht die einzige Wirklichkeit, sondern nur eine Fixierung von Energie ist.
Wenn ein Kind geboren wird, ist sein Montagepunkt sehr unstetig; es ist nicht fähig, als ein funktionierendes menschliches Wesen wahrzunehmen. Und so wie es sich den Erwachsenen um sich herum anpaßt, so eifert sein Energiekörper ihrer Position nach. Energetisch betrachtet, formt es sich selbst nach dem Abbild jener, die um es herum sind. Wir alle haben die Position unseres Montagepunkts auf nahezu ein und demselben Platz, was uns dazu befähigt, die gleiche Wirklichkeit wahrzunehmen.

Die Rekapitulation befähigt dich durch einen psychischen Prozeß der Ausdehnung des Atmens dazu, diesen Punkt zu bewegen, indem all die Energie zurückgerufen wird, die du während deines Lebens zurückgelassen hast.

Jede Epoche ist durch das charakterisiert, was Don Juan die "Modalität der Zeit" nannte: einem bestimmten Muster von Ideen oder kulturellem Ethos. Die Modalität unserer Zeit ist das, was wir auf dem Fernsehschirm sehen und in unseren Büchern und Zeitschriften lesen. Wir werden andauernd mit bestimmten Themen und Ideen bombardiert, an die wir uns zu halten haben. Die Zauberer nennen diesen Ethos unserer Tage "Ich armes Baby"-Syndrom, weil jeder da draußen durch dieses Lebensgefühl dominiert wird. Und es ist folglich nicht nur eine Armes-Baby-Welt, sondern auch ein Armes-Baby-Universum mit schwarzen Löchern, die gleich ganze Sternenkonstellationen und Planeten verschlingen. Die Zauberer sehen, daß unsere Energie andauernd von etwas anderem konsumiert wird.

Um dahin zu kommen, wo wir hingehen wollen, benötigen wir jedoch unbedingt Energie. Aber in unserem Wachzustand wird all unsere Energie durch die Belange unseres Wachbewußtseins aufgebraucht: unsere Jobs, unsere Familien oder was immer auch sonst noch. Um aus dieser Position herauszukommen, benötigen wir Extra-Energie. Und die Rekapitulation ist das grundsätzliche Mittel, um Energie zu speichern.

Wie rekapituliert man?

Taisha Abelar: Zuerst machst du eine Liste von allen, deren Bekanntschaft du während deines Lebens gemacht hast, von jeder Person, der du je begegnet bist. Das ist für sich selbst schon eine Unternehmung, die intensive Konzentration verlangt. Und schon das Erstellen der Liste lockert manches auf und befähigt dich dazu, deine Aufmerksamkeit auf spezifische Dinge zu fokusieren. Wenn du deine Liste erstellt hast, mußt du einen Platz finden, der Druck auf deinen Energiekörper ausübt, wie z.B. einen Wandschrank. Nehme eine bequeme Sitzhaltung ein und beginne mit der ersten Person auf deiner Liste. Arbeite dich zurück, indem du alle Begegnungen mit dieser Person, all jene Interaktionen, in denen Energie ausgetauscht wurde, rekapitulierst oder visualisierst. Sieh dich selbst interagieren, sieh, wie du alle möglichen energetischen Manöver durchläufst, um die Situation aufrecht zu erhalten. Denn wir alle konstruieren unsere Welt energetisch. Sogar wenn wir einfach nur die Straße hinunterfahren, konstruieren wir. Und wir halten diesen Akt für selbstverständlich und sagen, daß die Straße doch immer da sei. Aber in Wirklichkeit sind wir alle Zauberer, welche die Welt um uns herum konstituieren, und wir alle haben in diese Taktik eingewilligt.

Durch die Rekapitulation holst du die Energie aus der Vergangenheit zurück, die in deiner persönlichen Geschichte verloren ist und die sich hinter dir herzieht, wie ein aus Trümmern bestehender Kometenschweif. Um dich nun von den erinnerten Ereignissen aus der Vergangenheit zu lösen, starte an deiner rechten Schulter, bewege deinen Kopf von rechts nach links, und atme dabei ein. Dann drehst du deinen Kopf zurück und atmest aus, während du all das zurückschickst, mit dem du nicht länger verbunden sein willst. Abschließend bringst du den Kopf wieder in eine zentrierte Haltung zurück. Du wirst das Gefühl nicht bei jedem Bild haben, aber atme alles tief aus, während du mit jedem Atemzug Linien zurücksendest. Und wenn du deine Energie zurückgezogen hast, atme sie in einem Stück ein, und fahre damit so lange fort, bis dort keinerlei Energie mehr zurückbleibt. Die Szene wird leer sein, eine Art Vakuum, weil nunmehr keine energetische Komponente in ihr verblieben ist.

Welchen Effekt hat das Rekapitulieren auf euer Leben?

Taisha Abelar: Du wirst feststellen, daß sich deine Bindung zu deiner Familie und zu deinen Freunden mehr und mehr verringert. Du kannst natürlich weiterhin mit ihnen interagieren, aber du bist nicht länger an sie gebunden, weil du die energetische Abhängigkeit von ihnen überwunden hast.

Was ist Pirschen?

Taisha Abelar: Pirschen ist die Fähigkeit, den Montagepunkt an jeder gegebenen Position zu fixieren, um der chaotischen Wahrnehmung Struktur und Kohärenz zu verleihen. Wir pirschen unsere Wirklichkeit jeden Tag, jede Minute an, um herauszufinden, was es bedeutet, diese Straße hinunterzufahren oder in diesem Einkaufszentrum zu sein. Pirschen bedeutet, Kategorisierungsschemata von Objekten und Dingen zu erstellen, die uns vom Namen her bekannt sind.

Und wie sehen Zauberer das
Träumen?

Taisha Abelar: Träumen ist eine Bewegung des Montagepunkts, die wir ganz natürlich im Schlaf vollziehen. Es sind willkürliche Bewegungen unseres Energiekörpers. Aber für Zauberer bedeutet Träumen die Kontrolle über die eigenen Träume. Dazu mußt du deine Träume anpirschen, was in Wirklichkeit bedeutet, den Montagepunkt absichtlich in eine neue Position zu bewegen und ihn dort so lange zu halten, wie es deine Traum-Energie erlaubt.

Wenn du dich also selbst in einer Traumwelt wiederfindest, mußt du, bevor sie hinwegdriftet und sich in etwas anderes verwandelt, diese Wirklichkeit aufrechterhalten wollen, indem du sie anpirschst. Und wenn du ein sehr erfahrener Pirscher und Träumer bist, dann kann diese Wirklichkeit zu deiner einzigen Wirklichkeit werden. Das ist genau das, was den alten Zauberern widerfahren ist, als sie in einer anderen Sphäre in die Falle gingen und nicht länger zu unserer normalen Wirklichkeit zurückkehren konnten. Tatsächlich radierte die Zeit die Wirklichkeit, in die sie hinein geboren worden waren, einfach aus. Da sie nämlich fähig waren, ihre Energie in jener anderen Wirklichkeit über eine längere Zeit - d.h. über mehrere Jahrhunderte - zu erhalten, waren sie schließlich unfähig, zu unserer zurückzukehren, da die Modalität ihrer Zeit bereits vergangen war.

Wenn wir also unsere Wirklichkeiten anpirschen, betrachten wir niemals eine von ihnen als die primäre Realität. Denn in dem Moment, wo wir denken, diese oder jene Wirklichkeit sei die primäre, sind wir schon auf dieser Ebene gefangen, egal wo dies auch sein mag.

Welche Bedeutung hat Deiner Meinung nach die Veröffentlichung von The Sorcerers' Crossing und all den anderen Informationen über eure Linie?

Taisha Abelar: Der Grund dafür, daß Du und ich überhaupt miteinander reden können, liegt in der extremen Notwendigkeit, die Modalität unserer Kultur zu ändern. Die Zauberer sagen, daß die Zukunftsprognosen in der heutigen Modalität vollkommen negativ sind. Und wenn eine Veränderung stattfinden soll, so muß sie von außen kommen, allein um zu zeigen, daß diese Bewegung überhaupt möglich ist. Und so haben wir diese Information nach außen gegeben, nicht als Information, sondern als eine Möglichkeit. Vor allem anderen ist es eine Idee, welche die Leute erfassen können, um zu erkennen, daß es da draußen - neben unserer populären Kultur, die durch das "Armes-Baby" Syndrom dominiert wird - noch etwas anderes gibt.

Wir sind in dieser Realität genauso gefangen, wie der Todestrotzer hinter der zweiten Pforte des Träumens gefangen ist. Der Todestrotzer hat uns gesagt, daß die Position der Menschheit über Tausende von Jahren so ziemlich gleich geblieben ist, mit nur winzigen Veränderungen. Es hat so z.B. Verschiebungen in der Renaissance gegeben, als sich die menschliche Wahrnehmung von Gott verschob, was eine Wahrnehmungsverschiebung seiner selbst zur Folge hatte.

Eine andere Verschiebung muß zur Zeit der alten Griechen stattgefunden haben, als sich unsere Fähigkeit, Feen und Götter zu sehen bzw. mit ihnen in Kontakt zu treten, in den Glauben verwandelte, daß es sich hierbei lediglich um Mythen oder das Produkt menschlicher Imagination gehandelt habe. So gibt es also offenbar Verschiebungen, die uns von Dingen entfernt haben, die wir gar nicht mehr wahrnehmen. Und der Kontakt unserer Linie mit dem größeren Kulturethos des Menschen bewirkt eine weitere Verschiebung: weg vom Verstand und einem beschränkten Verständnis von Realität, hin zu einem System, in dem alles lebendig ist und ein Bewußtsein hat, daß wir wahrnehmen können.

Wohin, denkst Du, geht eure Gruppe nach dem Tod?

Taisha Abelar: Ich sehe uns selbst in eine unendliche Entwicklung eintreten. Wir verschmelzen mit jener unvorstellbaren, namenlosen Kraft, von der wir nur ein winziger Funke sind. Und je weniger menschlich wir im energetischen Sinne sind, um so mehr verschmelzen mit dem Unermeßlichen.

Das mag kalt und herzlos klingen, ist es aber nicht. Zauberer haben Gefühle und eine überwältigende Zuneigung, aber diese sind nahezu unpersönlich. Sie sind ein Teil der Energie, die aus einem Zustand des Wohlergehens hervorgeht. Denn, wenn dein Energiekörper sich in einem gesunden Zustand befindet, hast du starke, positive Gefühle, die vom Universum selbst kommen. Alles da draußen ist bewußt und intelligent, und ist ein Teil der Absicht selbst. Die Zuneigung ist dort; du brauchst dich nur selbst daran anzuschließen, um sie zu fühlen. Sie stammt nicht vom persönlichen Selbst.

All diese Dinge sind da draußen. Es ist mitnichten ein kalter, leerer Raum. Mit dem Traumkörper kannst du dich über die Begrenzungen des Körpers hinausbewegen, verschiedene Formen annehmen und die Wirklichkeit aus der Warte dieser Konfigurationen heraus wahrnehmen, was bedeutet, daß du durch Wände gehen, und dich sogar in die reine Energie selbst hineinbewegen kannst. Und es ist diese Bewegung in die reine Energie hinein, die das Ziel unserer Suche ist.

Wenn diese Verschmelzung als Ergebnis unserer Entwicklung stattfindet, gehen wir in eine andere Sphäre ein. Wir bewegen uns von allem Menschlichen weg. Unsere affenartige Existenz fällt von uns ab wie die Gitter eines Gefängnisses, und, was übrig bleibt, ist wirklich unvorstellbar. Die Strukturen der Sprache können die Unermeßlichkeit der Stille unmöglich beinhalten, die direkt und ganz ohne Worte zu uns flüstert. Wir werden auch nicht aufhören, zu wissen oder bewußt zu werden, da all dies von der Absicht selbst auf uns herabtropfen wird. Das Bewußtsein, daß dich mit Staunen erfüllt, ist unser Bindeglied zum Unermeßlichen.



Das Original Interview ist Juni/1993 im amerikanischen
Magazin "Magical Blend" erschienen.

Samstag, 18. September 2010

Wie die Zauberer das Nagual nutzen...

»Was Genaro dir gestern abend mit der ersten Übung zeigen wollte, das war, wie die Zauberer das Nagual nutzen«, fuhr er fort. »Man gelangt unmöglich zur Erklärung der Zauberer, solange man nicht willig das Nagual benutzt hat, oder besser, solange man nicht willig das Tonal genutzt hat, um seine Handlungen im Nagual zu verstehen. Um es vielleicht verständlicher auszudrücken, könnte man sagen, daß die Ansicht des Tonal vorherrschen muß, wenn man das Nagual nutzen will, wie die Zauberer es tun.«
Ich sagte ihm, ich fände in dem, was er eben gesagt hatte, einen eklatanten Widerspruch. Einerseits hatte er mir erst vor zwei Tagen eine unglaubliche Zusammenfassung all seiner wohlüberlegten Taten in einem Zeitraum von Jahren gegeben - Taten, die meine Weltsicht verändern sollten. Und andererseits wolle er nun, daß diese gleiche Ansicht vorherrsche. »Das eine hat nichts mit dem ändern zu tun«, sagte er. »Die Ordnung unserer Wahrnehmung gehört ausschließlich zum Bereich des Tonal. Nur dort können unsere Handlungen eine Reihenfolge haben, nur dort sind sie wie Leitern, auf denen man die Sprossen zählen kann. Im Nagual gibt es nichts dergleichen. Die Anschauung des Tonal ist also ein Werkzeug, und als solches ist es nicht nur das beste, sondern auch das einzige Werkzeug, das wir haben.
Gestern abend öffnete sich die Blase deiner Wahrnehmung, und ihre Flügel breiteten sich aus. Mehr kann man darüber nicht sagen. Es ist unmöglich zu erklären, was dir widerfuhr, darum werde ich es nicht versuchen, und auch du solltest es nicht versuchen. Es muß genügen, wenn ich sage, daß die Flügel deiner Wahrnehmung dazu bestimmt waren, deine Ganzheit zu berühren. Gestern abend schwanktest du immer und immer wieder zwischen dem Nagual und dem Tonal hin und her. Du wurdest zweimal hineingeschleudert, um jeden Irrtum auszuschließen. Das zweite Mal erlebtest du die volle Wirkung der Reise ins Unbekannte. Und deine Wahrnehmung breitete ihre Flügel aus, als irgend etwas in dir deine wahre Natur erkannte. Du bist ein Bündel. Dies ist die Erklärung der Zauberer. Das Nagual ist das Unaussprechliche. In ihm schwimmen all die möglichen Gefühle und Wesenheiten und Ichs wie Kähne im Wasser dahin, friedlich, unabänderlich, ewig. Dann bindet der Leim des Lebens einige von ihnen zusammen. Das hast du selbst gestern abend festgestellt, und auch Pablito hat es festgestellt, und auch Genaro, damals, als er in das Unbekannte aufbrach, und auch ich. Wenn der Leim des Lebens diese Gefühle zusammenbindet, dann wird ein Wesen geschaffen - ein Wesen, das das Gefühl seiner wahren Natur verliert und sich durch den Glanz und Lärm jener Region blenden läßt, in der die Wesen hausen, nämlich das Tonal. Das Tonal ist da, wo einheitliche Organisation herrscht. Ein Wesen taucht ins Tonal ein, sobald die Kraft des Lebens alle dazu nötigen Gefühle zusammenbindet. Ich sagte dir einmal, daß das Tonal mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Ich sagte dies, weil ich weiß, daß, sobald die Kraft des Lebens den Körper verläßt, alle diese Bewußtseine sich auflösen und wieder dorthin zurückkehren, woher sie kamen, ins Nagual. Was ein Krieger tut, wenn er in das Unbekannte aufbricht, ist ganz ähnlich wie sterben, außer daß das Bündel seiner einzelnen Gefühle sich nicht auflöst, sondern diese sich ein wenig ausdehnen, ohne ihren Zusammenhalt zu verlieren. Beim Tod jedoch fallen sie auseinander und bewegen sich unabhängig von einander, als hätten sie nie eine Einheit gebildet.« Ich wollte ihm sagen, wie vollkommen seine Erläuterungen mit meiner Erfahrung übereinstimmten. Aber er ließ mich nicht zu Wort kommen. »Es ist unmöglich, das Unbekannte zu benennen«, sagte er. »Man kann es nur erleben. Die Erklärung der Zauberer sagt, daß jeder von uns ein Zentrum hat, von dem aus das Nagual erlebt werden kann, den Willen. Ein Krieger kann sich also ins Nagual vorwagen und sein Bündel der Gefühle auf jede mögliche Weise sich anordnen und umordnen lassen. Ich sagte dir, daß die Ausdrucksform des Nagual eine Frage der Persönlichkeit ist. Damit meinte ich, daß es dem einzelnen Krieger selbst überlassen ist, die Anordnung und Umordnung dieses Bündels zu dirigieren. Die menschliche Form, oder das menschliche Fühlen, ist die ursprüngliche Form, vielleicht die jenige, die uns unter allen am liebsten ist. Es gibt jedoch eine endlose Zahl alternativer Formen, die das Bündel annehmen kann. Ich sagte dir ja, daß ein Zauberer jede Form annehmen kann, die er wünscht. Das ist richtig. Ein Zauberer, der im Besitz der Ganzheit seines Selbst ist, kann die Teile seines Bündels dirigieren, so daß sie sich auf jede vorstellbare Weise vereinigen. Die Kraft des Lebens ist es, die alle diese Mischungen ermöglicht. Sobald sie erschöpft ist, gibt es kein Mittel mehr, dieses Bündel zu versammeln. Dieses Bündel habe ich die Blase der Wahrnehmung genannt. Ich sagte auch, daß diese versiegelt, fest verschlossen ist und daß sie sich bis zum Augenblick unseres Todes nie öffnet. Und doch könnte sie geöffnet werden. Offenbar haben die Zauberer dieses Geheimnis gelernt, und obwohl sie nicht alle die Ganzheit ihres Selbst erreichen, wissen sie um deren Möglichkeit. Sie wissen, daß die Blase sich nur öffnet, wenn man ins Nagual stürzt. Gestern habe ich dir eine Zusammenfassung all der Schritte gegeben, die du einhalten mußtest, um diesen Punkt zu erreichen.«

Freitag, 17. September 2010

Tonal und Nagual (mehr aus "Der Ring der Kraft")

Plötzlich fand ich mich neben Don Juan und Don Genaro auf der Klippe wieder. Sie flüsterten mir zu, daß sie mich zurückgeholt hätten und daß ich das Unbekannte gesehen hätte, über das man nicht sprechen könne. Sie sagten, daß sie mich noch einmal in dieses Unbekannte schleudern würden und daß ich die Flügel meiner Wahrnehmung sich entfalten lassen und das »Tonal« und das »Nagal« gleichzeitig berühren solle, ohne mir bewußt zu sein, daß ich zwischen dem einen und dem anderen hin- und herpendelte.
Wieder hatte ich das Gefühl, durch die Luft geschleudert zu werden, zu kreiseln und mit ungeheurer Geschwindigkeit zu fallen. Dann explodierte ich. Ich löste mich auf. Irgend etwas in mir verteilte sich. Es setzte etwas frei, was ich mein Leben lang verschlossen gehalten hatte. Ich war mir deutlich bewußt, daß mein innerstes Reservoir angezapft war und daß es ungehemmt verströmte. E s gab nicht länger diese mir liebe Einheit, die ich » ich « nannte. Da war nichts, und doch war dieses Nichts erfüllt. Es war weder licht noch dunkel, weder heiß noch kalt, weder angenehm noch unangenehm. Nicht daß ich mich bewegt oder stillgestanden hätte oder geschwebt wäre, auch war ich keine vereinzelte Einheit, kein Selbst, wie ich mich zu erleben gewohnt bin. Ich war eine Myriade von Selbsten, die alle »ich « waren, eine Kolonie separater Einheiten, zwischen denen ein besonderer Zusammenhalt bestand und die unaufhaltsam zusammenstrebten, um ein einzelnes Bewußtsein, mein menschliches Bewußtsein zu bilden. Nicht daß ich jenseits aller Zweifel »gewußt« hätte - denn es gab nichts, womit ich hätte »wissen« können, sondern alle meine einzelnen Bewußtseine »wußten« -, daß das » Ich «, das »Selbst« meiner vertrauten Welt eine Kolonie, ein Konglomerat von isolierten, unabhängigen Gefühlen war, die einander in unauflösbarer Solidarität verbunden waren. Die unauflösbar Solidarität meiner zahllosen Bewußtseine, der Zusammenhalt dieser Teile untereinander, d as war meine Lebenskraft. Um diese einheitliche Empfindung irgendwie zu beschreiben, könnte man sagen, daß diese Körnchen Bewußtsein verstreut waren; jedes war seiner selbst bewußt, und keines überwog vor den anderen. Dann rührte irgend etwas sie auf, und sie vereinigten sich und strömten in eine Region, wo sie sich alle auf einem Haufen versammeln mußten, dem »Ich«, das ich kenne. Und als »ich«, als »ich selbst« beobachtete ich dann eine zusammenhängende Szene irdischer Aktivität oder eine Szene, die anderen Welten angehörte und die ich für reine Imagination halten mußte, oder eine Szene, die dem »reinen Denken« zugehörte, das heißt, ich hatte Visionen von intellektuellen Systemen oder von Ideen, die zu Verbalisierungen gebündelt waren. In manchen Szenen sprach ich nach Herzenslust mit mir selbst. Nach jeder dieser zusammenhängenden Visionen löste das »Ich« sich auf und war wieder nichts. Bei einer dieser Exkursionen in eine zusammenhängende Vision erlebte ich mich oben auf der Klippe neben Don Juan.
Augenblicklich erkannte ich, daß ich nun das ganze, mir vertraute Ich war. Ich empfand meine Physis als real. Ich war in der Welt, statt sie nur anzuschauen. Don Juan herzte mich wie ein Kind. Sein Gesicht war ganz nah. Ich konnte seine Augen in der Dunkelheit sehen. Sie waren freundlich. Sie schienen eine Frage aussprechen zu wollen. Ich wußte, was es war. Das Unaussprechliche war wirklich unaussprechlich.